Vandalismus Burn Twingo burn

Altes Phänomen, neuer Trend: In Berlin und Hamburg werden nachts regelmäßig Autos in Brand gesteckt, die Täter sind nicht zu fassen. Jetzt trifft es nicht mehr nur Porsche, Benz und BMW - auch Kleinwagen-Fahrer sollten besser Ausschau nach einem Garagenplatz halten.

DPA

Von Catherine Simon


Hamburg - Drei Uhr nachts, auf den Straßen ist kein Mensch mehr unterwegs. Eine dunkle Gestalt schlendert an einem Auto vorbei. Sie hält kurz inne, die kleine Flamme ihres Feuerzeugs ist kaum zu sehen. Die Gestalt geht weiter, ist bald darauf verschwunden. Kurze Zeit später steht das Auto in Flammen, die Reifen brennen wie Zunder, Rauch und der Geruch nach verbranntem Gummi steigen in die Luft. Als die Feuerwehr eintrifft, ist der Wagen komplett ausgebrannt.

Simple Methode, keine Zeugen: Gegen diese Kombination scheint die Polizei machtlos zu sein. In Berlin und Hamburg werden seit Monaten Autos abgefackelt, fast jede Nacht muss die Feuerwehr ausrücken. Erst am Mittwoch wurden in der Hansestadt 14 Fahrzeuge angezündet. Hinweise auf Täter oder Motiv gibt es nicht.

"Es passiert immer in Zeiten, in denen keiner auf der Straße ist. Und man braucht keine besondere Begabung dafür", sagt die Hamburger Polizeisprecherin Ulrike Sweden, "oft reicht ein Feuerzeug und ein Grillanzünder".

"Wenn der Bonze noch pennt, sein Auto schon brennt"

In Berlin ist das Verbrennen von Autos schon fast zum Sport geworden. Seit Jahresanfang wurden in der Hauptstadt rund 250 Fahrzeuge zerstört. Ein großer Teil der Brandstiftungen geht laut Polizei auf das Konto der linksextremen Szene. Die Ermittler zählten schon 125 politisch motivierte Brandanschläge, meist auf Luxus-, Oberklasse- und Firmenwagen. 2008 waren es 73 Fälle, 2005 nur 18.

Bei den Linksautonomen war das Auto-Anzünden schon in den achtziger Jahren extrem in Mode. In den einschlägigen Zeitschriften brüsteten sich die Täter mit ihren Aktionen. "Wenn der Bonze noch pennt, sein Auto schon brennt", dichtete der Berliner Musiker Yok Quetschenpaua, die "Wagensportliga" war geboren.

Wie man einer Berliner Internetseite entnehmen kann, sind die heutigen Brandstifter vor allem im Osten der Hauptstadt aktiv: In den Stadtteilen Prenzlauer Berg, Friedrichshain und Kreuzberg brannte es am meisten. Oft wird hier auch ein Zusammenhang mit der Aufwertung früherer Arbeiterviertel vermutet. Viele Menschen müssen von hier wegziehen, weil sie sich die hohen Mieten nicht mehr leisten können.

Die Autos brennen, doch kaum ein Täter wurde festgenommen oder gar verurteilt. Gegen vier Männer laufen in Berlin derzeit Ermittlungsverfahren wegen politisch motivierter Brandstiftung. Vier Haftbefehle wurden ausgesprochen, ihr Vollzug jedoch ausgesetzt.

Das Berliner Landeskriminalamt hält - wohl auch angesichts der eigenen Hilflosigkeit - die Rückbesinnung des Fahrzeughalters auf seine Eigenverantwortung für ein probates Mittel gegen den Brand von Luxuskarossen: "Würde ich meiner Frau einen Brillantring kaufen und sie würde ihn unter einer Laterne liegen lassen", sagt LKA-Leiter Peter-Michael Haeberer, "dann würde ich mich auch wundern."

In Hamburg ist die Lage anders. 150 Autos gingen dort 2009 in Flammen auf, im Vorjahr waren es laut Polizei "deutlich weniger" - so wenige, dass sie nicht gesondert gezählt wurden. Einen politischen Hintergrund schließt die Polizei in den meisten Fällen aus. Das meiste seien allem Anschein nach Beziehungstaten, etwa aus Rache, sagt die Polizei. Lediglich 16 Brandstiftungen gingen auf das Konto politisch motivierter Zündler.

Für ihre Aktionen gebe es ganz klare Kriterien, sagt ein Angehöriger der linken Szene in Hamburg. Menschen dürften nicht in Gefahr gebracht werden. Außerdem müsse es ein öffentliches Bekennerschreiben geben. Die Berliner Wagensportliga habe es außerdem auf "höherpreisige Autos, keine Privat-, sondern Firmenwagen abgesehen". Das allerdings löste in Öffentlichkeit und Politik Befremden und Empörung aus.

Mit Tränen in den Augen

In der großen Mehrzahl der Hamburger Fälle gab es jedoch kein Bekennerschreiben. Angesteckt wurden Fahrzeuge jeder Marke und Klasse. "Alle Arten von Autos sind betroffen, von uralten Schlurren, die nur mit Haftpflicht versichert sind, über Wohnmobile und Anhänger bis zu teuren Autos", sagt Polizeisprecherin Sweden.

Besonders bitter sind die Brandstiftungen für Menschen, die sich nicht mal eben einen neuen Benz leisten können. Sweden erzählt von einer Familie, die gerade in den Sommerurlaub fahren wollte. Weil sie diesmal besonders früh aufbrechen wollten, verstauten die Eltern das gesamte Gepäck schon am Vorabend im Auto. Ein fatale Entscheidung, wie sich kurz später herausstellte: Der Wagen wurde in Flammen gesteckt, Kleidung und Taschen verbrannten ebenfalls. Der Sommerurlaub fiel flach.

"Ich kann mich an einen alten Mann erinnern", erzählt die Polizistin von einem anderen Fall, "dem standen die Tränen in den Augen. Sein wunderschöner alter Mercedes wurde angezündet. Den hatte er jahrelang liebevoll restauriert."

Sweden sagt: "Das ist purer Vandalismus, da fehlt der Tat jegliche Aussage." Der Bundesvorsitzende der Deutschen Polizeigewerkschaft Rainer Wendt glaubt im sinnlosen Zündeln eine Entwicklung wiederzuerkennen, die es auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen gibt, wie etwa die zunehmende Gewalt der Fußball-Hooligans: "Gewalt wird immer mehr zum Selbstzweck."

Vielen Menschen mache es Spaß, den Staat herauszufordern, sagt Wendt: "Nach dem Motto: Denen zeigen wir es mal. Und dann freuen sie sich diebisch über die Ohnmacht der Polizei." Gerade weil diese Rechtsbrüche so zweckfrei seien, gestalteten sich die Ermittlungen so schwierig. Die üblichen Ansätze griffen nicht, selbst bei Festnahmen sei es äußerst schwierig, den Tätern etwas zu beweisen. Jeder Raucher habe schließlich ein Feuerzeug dabei.

"Komm, am Wochenende prügeln wir uns mal mit der Polizei"

Außerdem stammten die Brandstifter nicht mehr nur aus einem bestimmten Milieu: "Gewaltbereitschaft gibt es in weiten Teilen der bürgerlichen Gesellschaft. Das sind nicht mehr nur die Schwachköpfe, sondern biedere, brave Leute, die sich einen Sport daraus machen: Komm, am Wochenende prügeln wir uns mal mit der Polizei."

Der Berliner Soziologe Dieter Rucht hält die Zahlen der Polizei für fragwürdig. Woher wolle die genau wissen, wann ein Brand politisch motiviert sei und wann nicht?, fragt der Forscher. "Es mangelt bisher völlig an handfesten Beweisen, weil kaum ein Täter dingfest gemacht wurde." Ohne Bekennerschreiben kenne man die Intention der Täter nicht, sagt Rucht.

Die sogenannten Autonomen seien keine einheitliche Gruppe, sondern ein "hochschillerndes Spektrum ohne präzise Selbstbezeichnung". Viele von ihnen seien gegen die soziale Umstrukturierung der Stadtteile, griffen Edellokale an und besprühten Scheiben. In dieses Spektrum passe es auch, wenn - versehen mit einer Botschaft - die Luft aus den Reifen gelassen oder Autos angezündet würden. Bei militanten Gruppen würden solche Taten zumindest gebilligt.

"Es bleibt uns nichts anderes übrig, als die die Täter auf frischer Tat zu ertappen", sagt Polizeigewerkschaftschef Wendt. Außerdem müsse die Justiz mitziehen: "Die Gerichte müssen durch ihre Urteile zeigen, dass das kein Happening ist, sondern eine schwere Straftat."

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