SPIEGEL ONLINE

SPIEGEL ONLINE

22. Februar 2013, 17:03 Uhr

Ungebetener Zuschauer im OP

Chefarzt muss seinen Vater draußen lassen

Auch Chefärzte dürfen ihren Vater nicht spontan zum Zusehen mit in den OP nehmen. Das hat jetzt das Landesarbeitsgericht in Mainz entschieden. Im konkreten Fall hatte ein Mediziner seinen 90-jährigen Vater bei einer Operation zuschauen lassen - die Patientin war ahnungslos.

Mainz - "Guten Morgen, das ist mein Vater. Er möchte sich heute die Operation gerne auf dem Fernseher anschauen." So stellte ein Chefarzt im Dezember 2011 seinen 90-jährigen Vater dem OP-Team vor, kurz vor einer Gallenblasenentfernung. Auf dem OP-Tisch: eine Frau, teilweise nackt, narkotisiert und wehrlos.

Er habe seinem Vater die Angst vor dessen bevorstehender Operation am Knie nehmen wollen, begründete der Chirurg die spontane Einladung in den OP. Doch diese Erklärung stieß auf wenig Verständnis bei der Klinikleitung. Dem 60-Jährigen wurde gekündigt. Zu Recht, wie das Mainzer Landesarbeitsgericht nun entschied.

Das Gericht sah vor allem die Würde der betroffenen Patientin verletzt. Sie war vorher nicht über den Zuschauer informiert worden. Der Chefarzt habe das besondere Schutzbedürfnis der narkotisierten, wehrlosen Frau missachtet. Die Patientin habe nackt und mit leicht gespreizten Beinen auf dem OP-Tisch gelegen. Nicht nur das Ärzteteam, sondern auch der Rentner, der den Eingriff aus drei Metern Entfernung verfolgte, habe so die nackte Frau beobachten können. Außerdem habe er ihre Patientenunterlagen einsehen können. Eine "grobe Missachtung der Schweigepflicht", so das Urteil.

Das Vorgehen des Chefarztes sei daher eine "nicht mehr hinnehmbare Entgleisung", argumentierten die Arbeitsrichter und bestätigten die Kündigung der Klinik. Der Chirurg hatte gegen seine Entlassung geklagt. Eine Abmahnung hätte seines Erachtens ausgereicht.

gam

URL:


© SPIEGEL ONLINE 2013
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH