Vatikan und Mafia Der rätselhafte Tod der Emanuela Orlandi

Vor fast drei Jahrzehnten verschwand Emanuela Orlandi spurlos aus dem Vatikan. Jetzt hoben römische Ermittler das Grab eines verdächtigen Mafia-Bosses aus. Das Rätsel um korrupte Geistliche und die Machenschaften der Magliana-Bande bleibt jedoch ungelöst.

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Rom - Glänzende Pupillen, ernstes Gesicht, ein Hauch von Verschmitztheit: Auf einem schwarz-weißen Passfoto aus den achtziger Jahren sieht Enrico De Pedis aus wie eine Mischung aus Bankangestellter und Gigolo.

Tatsächlich hatte der römische Bandit durchaus Talent in finanziellen und unternehmerischen Belangen: Als Boss der in den siebziger und achtziger Jahren gefürchteten Magliana-Bande soll er einer der Ersten gewesen sein, die ihr illegal erworbenes Kapital gewinnbringend anlegten und es lupenrein wuschen.

Damit macht er sich wenig Freunde: Am 2. Februar 1990 geriet De Pedis in der römischen Via del Pellegrino in einen Hinterhalt und wurde von zwei Auftragskillern aus der Toscana hingerichtet - eine Abrechnung unter ehemaligen Komplizen, befand die Polizei.

Auch seine Ex-Geliebte Sabrina Minardi hatte offenbar noch eine Rechnung mit ihm offen: Sie berichtete vor vier Jahren den Behörden, dass De Pedis die 15-jährige Emanuela Orlandi mit seinem BMW entführt, getötet und dann in einer Betonmischmaschine am Rande der Stadt entsorgt habe - angeblich zusammen mit der Leiche des elfjährigen Sohnes eines anderen Mafioso. Minardi erklärte, De Pedis habe im Auftrag des Monsignore Paul Marcinkus gehandelt. Der war damals Chef des Instituts für die religiösen Werke (IOR), der Vatikanbank. Der Vatikan wies damals die Anschuldigungen als "infam und unbegründet" zurück.

Die 15-jährige Emanuela war am 22. Juni 1983 nach dem Besuch einer Musikschule spurlos verschwunden. Ihr Vater Ercole Orlandi war Hofdiener von Papst Johannes Paul II., weshalb der Fall besonderes Aufsehen erregte. Der Papst selbst appellierte am 3. Juli während des Angelus-Gebets an mögliche Entführer, das Kind freizulassen. Es gab Gerüchte, Emanuela sei entführt worden, um den Attentäter freizupressen, der 1981 einen Anschlag auf Johannes Paul II. verübt hatte.

Die Zeugin Sabrina Minardi galt aufgrund zeitweiliger Drogensucht und offensichtlicher Ungereimtheiten bei ihrer Aussage als unzuverlässig. Im Jahr 2007 bestätigte ein abtrünniges Magliana-Mitglied der römischen Staatsanwaltschaft, die Mafia habe mit dem Fall Orlandi zu tun. "Man sagte, dass das Mädchen unsere Sache war, einer von uns hatte sie sich geschnappt", zitierte die "Repubblica" im Juni 2008 den "Superzeugen".

Im Dezember 2009 äußerten sich zwei weitere "reuige Mafiosi" zu der Verwicklung. Einer von ihnen, Antonio Mancini, gab an, finanzielle Probleme der Magliana-Bande mit dem Vatikan seien der Grund für die Entführung gewesen.

Schlüssel zur Gruft

Am Montag wurde De Pedis' Leiche exhumiert - gut erhalten und deshalb schon auf den ersten Blick zu identifizieren, wie es hieß. Im Hof der Basilika Sant'Appolinare hatten Gerichtsmediziner aus Mailand und Rom den Sarkophag geöffnet und die sterblichen Überreste des Mafioso inspiziert. Beobachtet wurden sie dabei von zwei Anwälten der Familie De Pedis.

Bereits im Jahr 2005 hatte ein anonymer Anrufer in der TV-Vermisstensendung "Wer hat sie gesehen?" angedeutet, die Lösung des Geheimnisses sei im Grab des Mafioso zu finden. Es sollte weitere sieben Jahre dauern, bis es ausgehoben wurde. Im April stimmte die römische Staatsanwaltschaft endlich der Exhumierung zu - nachdem der Vatikan Kooperation zugesagt hatte.

Neben dem Sarg entdeckten die Ermittler eine Kassette mit Knochen, die nicht De Pedis zugeordnet werden konnten. Vermutlich stammen sie aus dem im Gebäude untergebrachten Beinhaus, in dem sich jahrhundertealte Menschenknochen befinden.

Lange Zeit hatte De Pedis in einem kleinen Raum der Kirche hinter einer Tür gelegen, zu der nur der Rektor und die Witwe Carla Di Giovanni einen Schlüssel besaßen. Eine Gruft, die von einem Bildhauer aus dem Vatikan nach dem Vorbild der päpstlichen Grabstätten geschaffen wurde.

Päpstliches Grab für den wohltätigen Mafioso

Und genau hier liegt der eigentliche Skandal - sieht man einmal davon ab, dass es den Ermittlern fast drei Jahrzehnte lang nicht gelungen ist, den Fall aufzuklären, obwohl es zahlreiche Indizien gab. Wieso wurde De Pedis überhaupt in der Basilika Sant'Apollinare begraben, die dem Geheimbund Opus Dei gehören soll, gleich neben der Musikschule, in der Orlandi unterrichtet wurde? Dies ist seit Jahrhunderten nur Kardinälen und hohen Kirchenvertretern gestattet.

Tatsächlich war die Leiche zuerst im Familiengrab auf dem Friedhof von Verano gelandet. De Pedis' Witwe allerdings lag viel daran, den toten Gatten in einer Kirche unterzubringen. Der damalige stellvertretende Erzbischof von Rom, Ugo Poletti, machte den Weg dafür frei. Auch eine entsprechende Erklärung des Rektors der Basilika, Monsignor Pietro Vergari, war hilfreich.

Vergani erklärte auf seiner Website, er habe mit De Pedis stets "nur über religiöse und aktuelle Dinge" gesprochen und ihn nie danach gefragt, was er verbrochen habe. Der Mann habe ihm bei den Vorbereitungen für die Armenspeisung geholfen. Sein plötzlicher Tod habe ihn verwundert und ihm leid getan.

Man darf vermuten, dass die Armen nicht nur gespeist, sondern auch finanziell unterstützt wurden: "Nun, er war wahrscheinlich nicht für alle ein Wohltäter. Für Sant'Apollinare aber schon", sagte der umstrittene siebenfache italienische Ministerpräsident Giulio Andreotti (Christdemokratisch Partei DC) im Interview mit dem "Corriere della Sera".

Roms Ex-Bürgermeister Walter Veltroni von der Demokratischen Partei hatte erst vor wenigen Wochen eine parlamentarische Anfrage zum Fall Orlandi gestellt. Er zeigte sich zufrieden mit der Arbeit der Staatsanwaltschaft: "Jetzt müssen wir nur noch den untragbaren Zustand beenden, dass ein Boss der Magliana-Bande an einem heiligen Ort begraben ist", forderte der Politiker. Dies sei "eine Abweichung, die Katholiken und alle ehrlichen Bürger beleidigt".

Der Anwalt von De Pedis' Witwe, Lorenzo Radogna, sagte, die sterblichen Reste würden entweder in der Familienkapelle in Verano bestattet oder eingeäschert. "Signora Di Giovanni hat das noch nicht entschieden."

Das Verschwinden der 15-jährigen Emanuela Orlandi bleibt ungeklärt.



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