Verhaftung von Vatikan-Priester: Die Skandal-Bank Gottes

Von Hans-Jürgen Schlamp

Vatikanbank-Affäre: Die dubiosen Schecks des Nunzio Scarano Fotos
AP

In der Vatikanbank-Affäre haben die Ermittler zugeschlagen: Ein Priester, ein Ex-Geheimdienstler und ein Finanzexperte sind in Italien verhaftet worden. Die Serie der Skandale um zwielichtige Geldgeschäfte rund um den Vatikan hat eine neue abstruse Folge.

Rom - Seit vielen Jahren wohnt Nunzio Scarano im historischen Zentrum Roms, in einem wunderschönen großen kircheneigenen Komplex, dem "Domus Internationalis Paulus VI". Kongresse werden hier abgehalten und durchreisende Priester beherbergt. Scarano ist der verantwortliche Kontrolleur für den riesigen Immobilienbesitz des Vatikans in Rom - oder besser: Er war dafür zuständig, bis Donnerstag.

Da wurde er in Handschellen nach "Regina Coeli" verfrachtet, die römische Haftanstalt. Mit ihm wanderten ein Carabinieri, der zuvor beim Geheimdienst gearbeitet hatte, und ein Finanzexperte, ein Broker, in den Knast. Korruption, Betrug und Verleumdung hält die römische Staatsanwaltschaft dem Trio vor. Der Priester, so die Anschuldigung, habe dem Polizisten 400.000 Euro bezahlt, damit der in einem Privatjet - oder vielleicht sogar in einem staatlichen Flugzeug - 20 Millionen Euro in bar illegal aus der Schweiz holt. Das Geld soll mit Scarano befreundeten Familien gehören. Die Rolle des Finanzexperten ist noch unklar.

56 Schecks à 10.000 Euro

Schon vor etwa zwei Wochen hat die Staatsanwaltschaft in Salerno, Region Kampanien, ein Verfahren gegen ihn eröffnet. Dort wurde Scarano vor 26 Jahren zum Priester geweiht. Die Anklage: Er habe die Hypothek für ein Apartment bei einer privaten Immobiliengesellschaft, die einige Familien gemeinsam führen, mit 560.000 Euro auf sehr originelle Weise abgelöst - mit 56 Schecks à 10.000 Euro, unterzeichnet von 56 verschiedenen Personen. Auch das ließ die Fahnder sofort an Geldwäsche denken.

Mit Scarano haben nun auch die 56 Scheck-Schreiber ein Verfahren am Hals. "Alles liebe Leute, Geschäftsleute, mit denen ich freundschaftliche Beziehungen pflege", sagt der Beschuldigte. Sein Steuerberater habe ihm geraten, das so abzuwickeln. Jetzt sehe er, das sei wohl kein guter Rat gewesen. Der arme Kirchenmann, so soll es wohl aussehen, habe eben in solchen Gelddingen keine Ahnung. Dazu muss man wissen, dass er vor seiner Priesterweihe sein Geld bei einer Bank verdient hat. Und offenkundig ziemlich viel.

Denn als er vor ein paar Monaten die Polizei rief, um einen Einbruch zu melden, fiel den Beamten eine Ansammlung überaus wertvoller Dinge in der Wohnung auf. Sie machten eine Meldung und so rutschte er ins Visier der Geldwäsche-Ermittler. Viele dieser Dinge seien ihm einfach geschenkt worden, und als Bankmann habe er gut verdient und das Geld gespart, so der Priester am Freitag in einem Zeitungsinterview.

Er habe ebenso wenig mit Diebstahl wie mit Geldwäsche zu tun, er habe überhaupt in seinem "ganzen Leben nichts Schlechtes getan, das sage ich vor Gott". Für die irdischen Richter allerdings wird der Umfang der Ermittlungen rund um die "Bank Gottes", das Vatikan-eigene "Istituto per le Opere di Religione" (IOR), größer und größer.

Obskure Nummernkonten

Seit Jahren recherchieren Fahnder in aller Welt dubiosen Zahlungsströmen hinterher, deren Spuren sich hinter den dicken Mauern des Vatikans verlieren. Der Verdacht: Drittwelt-Diktatoren und Mafiosi bedienen sich geheimer Nummernkonten der Kirchenbank ebenso wie korrupte Politiker oder zwielichtige Milliardäre. Genaues weiß man nicht. Denn der Vatikan lässt bislang keinen Außenstehenden in seine Bankbücher schauen. Vergeblich drängt die europäische Aufsichtsbehörde den Kirchenstaat seit Jahren, auch seine Bank den für alle EU-Institute vorgeschriebenen Regeln zur Verhinderung von Geldwäsche zu unterwerfen.

Das soll nun alles anders werden, findet Papst Franziskus, und macht mächtig Druck im eigenen Laden. Erst vor vier Tagen hat das Oberhaupt der römisch-katholischen Kirche zu den beiden bereits vorhandenen Überwachungs- und Aufsichtsgremien eine neue, über allem stehende Super-Kommission installiert. Jeder im Vatikan ist gehalten, dieser Kommission nichts zu verheimlichen. Franziskus persönlich hat ein entsprechendes Dekret unterschrieben.

Was das bringt, muss sich erst zeigen. Denn außer einer längst existierenden, aber wenig aktiven Aufsichts-Kommission aus Kardinälen ist schon ein externes Expertenteam unter der Leitung des Schweizer Finanzexperten René Bruelhart an der Arbeit. Und es gibt noch einen zusätzlichen Aufsichtsrat, dessen Vorsitz erst kürzlich dem Deutschen Ernst von Freyberg übergeben wurde, ein Wirtschafts-Fachmann.

Vatikanbankier fürchtet um sein Leben

Nur, auch dessen Vorgänger war ein Mann vom Fach, Ettore Gotti Tedeschi. Am 24. Mai 2012 - einen Tag vor der Festnahme des päpstlichen Kammerdieners, der Vatikan-interne Dokumente in die Öffentlichkeit geschmuggelt hatte - musste Gotti Tedeschi plötzlich zurücktreten. Er habe "grundlegenden Anforderungen" nicht genügt, so der Aufsichtsrat, und "bestimmte Aufgaben von vordringlicher Wichtigkeit nicht ausgeführt".

Der Betroffene begründete seinen überraschenden Abgang ganz anders: Er habe Angst um sein Leben gehabt. In einem "Memorial" für den Papst schrieb er auf, dass Politiker und Mafia-Mitglieder noch immer geheime Konten der Vatikanbank nutzten. Und als er nach den Namen hinter den Kontonummern gefragt habe, hätten seine Probleme begonnen. Man habe ihn ausspioniert, seine E-Mails kontrolliert, sogar Briefe geöffnet und ihn bedroht.

Schon Franziskus Vorgänger, Papst Benedikt XVI., hätte gerne den Finanzsumpf im Vatikan ausgetrocknet. Aber er hatte sich gegen die mächtigen Seilschaften, die hinter den IOR-Geschäften stehen, nicht durchsetzen können. Auch das soll zu den Gründen für seinen Rücktritt gehört haben.

Sein Nachfolger will es jetzt besser machen. Ihm ist eine kircheneigene Bank mit vier Milliarden Euro Umsatz und über 30.000 Konten ohnehin suspekt. In Rom heißt es, Franziskus habe durchblicken lassen, wenn der Widerstand gegen Transparenz in der Vatikanbank bleibe und mit kircheneigenen Mitteln nicht zu brechen sei, müsse man darüber nachdenken, ob das IOR nicht der Kontrolle der italienischen Nationalbank und des römischen Wirtschaftsministeriums unterstellt werde, so wie jedes x-beliebige Geldinstitut im Lande.

Derart Revolutionäres hat im Vatikan vor ihm noch niemand gesagt, vielleicht nicht einmal gedacht. Und, so wird im Vatikan gemunkelt, am 4. Juli, wenn Papst Franziskus den italienischen Regierungschef Enrico Letta trifft, wolle er das heiße Thema ansprechen.

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