Gewalt in Venezuela Die Leichenzähler von Bello Monte

Die Mordrate in Venezuela gilt als die höchste der Welt, die Angst vor einem Bürgerkrieg wächst, immer wieder kommt es zu tödlichen Zusammenstößen zwischen Polizei und Demonstranten. Die Gewalt im Land ist außer Kontrolle. Das zeigt sich täglich vor dem Leichenschauhaus von Caracas.

Aus Caracas berichtet

David Böcking

Sandra Guerreros Arbeitstag beginnt an einem eigentlich idyllischen Ort. Bello Monte, wörtlich der schöne Berg, gehört zu den angenehmeren Vierteln von Caracas. Am Morgen hört man hier Vögel zwitschern, statt des üblichen Stacheldrahts begrenzen Natursteinmauern die Grundstücke. Der Eingang unter einem langgezogenen Flachdach ist unauffällig, er könnte auch zu einer Krankenhaus-Ambulanz gehören. Wäre da nicht der stechende Verwesungsgeruch, der in regelmäßigen Abständen aus dem Inneren des Gebäudes dringt.

In Bello Monte steht das Leichenschauhaus von Caracas. Hier werden täglich die Toten einer Stadt eingeliefert, die als eine der gewalttätigsten der Welt gilt. So war es auch in den vergangenen Wochen: Allein bei Protesten gegen die Regierung von Präsident Nicolás Maduro gab es nach offiziellen Angaben 28 Tote und mindestens 400 Verletzte.

Angesichts der tiefen Feindschaft zwischen Maduro und der Opposition scheint in Venezuela mittlerweile alles möglich, auch ein Bürgerkrieg. Weitgehend außer Kontrolle ist die Gewalt schon längst, das ließ sich bereits vergangenes Jahr bei einem Besuch in Bello Monte beobachten. Viele Venezolaner sterben aus weit profaneren Gründen als Politik. Und Sandra Guerrero zählt ihre Leichen.

Guerrero arbeitet als Polizeireporterin bei der Oppositionszeitung "El Nacional". Eine ältere Dame in bunter Bluse, in der Hand einen abgewetzten Blackberry, um den Hals einen goldenen Marienanhänger. Sie spricht nicht viel, und wenn, dann tut sie es leise und unaufgeregt. Jeden Morgen warten sie und ihre Kollegen vor dem Leichenschauhaus auf neue Fälle.

An einem Tag im Mai 2013 ist da zum Beispiel Jesús, ein 19-jähriger Arbeiter. Er saß mit dem zehn Jahre älteren Tomás auf einer Treppe im Haus seiner Tante, als ein Mann aus der Nachbarschaft beide erschoss. Möglicherweise ging es um Drogen. Freunde sind gekommen, um die Opfer zu identifizieren. Sie reden bereitwillig mit den Journalisten, wollen aber nicht fotografiert werden oder ihre Namen nennen. Guerrero und ihre Kollegen akzeptieren den Wunsch ohne Diskussion.

Angehörige sind froh, dass überhaupt jemand zuhört

Polizeireporter gelten im schlimmsten Fall als "Witwenschüttler", die verstörte Angehörige nach Informationen für reißerische Geschichten auspressen. Doch dieser Eindruck entsteht in Bello Monte nicht. Viele Angehörige scheinen froh, dass ihnen überhaupt jemand zuhört. Und die Reporter sind froh, dass jemand mit ihnen spricht. Denn die Behörden tun das längst nicht mehr.

Früher sei das anders gewesen, erzählt Guerrero an einem Kiosk mit Wellblechdach, wo die Reporter Kaffee und kostenlosen Strom für ihre Handys tanken. "Es war alles normal." Wie in anderen Ländern gab es eine Kriminalitätsstatistik und wöchentliche Pressekonferenzen. Heute gibt es keine Informationen mehr, auf Weisung der Regierung. Die Unsicherheit ist eines der Lieblingsthemen der Opposition, das dürfte der Hauptgrund für die Zensur sein.

In Ermangelung offizieller Zahlen sind Guerrero und ihre Kollegen selbst zu Leichenzählern geworden. Auch die Journalistin fühlt sich nicht sicher. Sie erlebt täglich, dass die Täter überall zuschlagen können. "Sie wissen, dass ihnen nichts passiert und töten und töten." Den 23-jährigen Keisy traf es um 2 Uhr morgens vor einer Discothek im Zentrum. Er stand kurz vor seinem Abschluss als Buchhalter und hatte gefeiert, dass seine Freundin zum ersten Mal schwanger war. Der 33-jährige Oswaldo wurde von zwei Männern auf einem Motorrad erschossen, als er ein Ersatzteil für sein Auto kaufen wollte. "Ich fühle mich betrogen von der venezolanischen Justiz", sagt seine verzweifelte Mutter.

Venezolanische Sicherheitskräfte gelten als korrupt und genießen kaum Vertrauen. Neben Paramilitärs sollen bei den Protesten der vergangenen Wochen auch Polizisten scharf auf Demonstranten geschossen haben. Im gewalttätigen Alltag von Caracas sterben jedoch auch viele Vertreter der Staatsmacht. Wiederholt tauchen Polizisten vor dem Leichenschauhaus auf, um Kollegen zu identifizieren. So wie den 28-jährigen Robinson, der außer Dienst war und vom Basketball kam, als ihn mehrere Männer angriffen. Nachdem sie Robinson niedergeschossen hatten, stahlen sie seine Dienstwaffe, eine begehrte Trophäe.

Tod in der Nachtschicht

Ein Fall beschäftigt Guerrero und ihre Kollegen besonders: Der von Jhonny. Er war einer von ihnen, ein Journalist der Sportzeitung "Líder". Der 33-Jährige wurde in seinem Auto erschossen, als er nach einer Nachtschicht das Redaktionsgebäude verlassen hatte. Mehrere Überwachungskameras dokumentierten das Verbrechen.

Ein Kollege von Guerrero zeigt die Aufnahmen auf seinem iPad. Sie zeigen, wie Jhonnys Wagen vorbeifährt, gefolgt von einem Motorrad und einem Auto - offenbar die Täter. Kurz darauf sind Schüsse als kurzes Aufblitzen zu sehen, dann Wachleute der Zeitung, die in ein Auto stürzen und hinterherfahren. Die letzte Aufnahme zeigt den Tatort von oben. Die Auflösung ist absurd hoch, fast wie in einem Spielfilm. Der tote Journalist liegt neben seinem Auto auf dem Bauch, Polizisten fotografieren ihn.

Sogar Präsident Maduro reagierte auf den Mord und versprach, die Täter würden zur Rechenschaft gezogen. Doch das ist bis heute nicht geschehen.

Die von Angehörigen ergatterten Informationen teilen die Journalisten. Sie müssen auch deshalb zusammenhalten, weil ihnen der Zutritt zum Leichenschauhaus verboten wurde. Auslöser war 2010 ein Foto auf der Frontseite von "El Nacional". Es zeigte Tote im Leichenschauhaus, die zum Teil gestapelt auf Bahren lagen. Seitdem dürften die hygienischen Verhältnisse kaum besser geworden sein. Einmal betreten zwei Mitarbeiter das Leichenschauhaus, die Atemschutzmasken in den Händen tragen.

Russisches Roulette

Selbst wenn eine weitere Eskalation der politischen Gewalt noch verhindert werden kann: Aus der alltäglichen Gewalt ist bislang kein Ausweg erkennbar. Viele Venezolaner sterben jung und unter vollkommen willkürlichen Umständen. So wie der Sohn von Yaidira, die mit ihrem Mann zum Leichenschauhaus gekommen ist.

Dem 14-Jährigen hielt ein gleichaltriger Nachbarsjunge eine Waffe an den Kopf und schlug vor, russisches Roulette zu spielen. "Das ist kein Spiel", soll das Opfer noch gesagt haben, dann drückte der andere ab. Der Junge wurde zum 261. Toten in diesem Monat. "Er wollte Koch werden", erzählt Yaidira.

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