Verbindungen zwischen NSU und Kiesewetter: Das Rätsel des braunen Wirtshauses

Von und

Die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter schien eine Zufallstat zu sein. Doch nun steht fest: Zwischen den Mitgliedern der Zwickauer Terrorzelle und der jungen Frau gab es viele Berührungspunkte - vor allem eine Gastwirtschaft in ihrem Heimatort.

Früherer NPD-Funktionär Wohlleben: Verbindungen nach Oberweißbach Zur Großansicht
recherche-nord

Früherer NPD-Funktionär Wohlleben: Verbindungen nach Oberweißbach

Hamburg - Die NPD-Veranstaltung im März 2006 - Titel: "Globalisierung - der Weg in den Abgrund" - stand unter keinen guten Vorzeichen. Man tat sich schwer, einen Raum zu finden: Die Rechtsextremen waren nicht willkommen. Mehr als 100 Gäste wurden erwartet, die Polizei bemühte sich in den Tagen zuvor, das Treffen platzen zu lassen. Wirte wurden vor den braunen Agitatoren gewarnt, angeblich auch unter Druck gesetzt, keine Geschäfte mit den NPD-Funktionären zu machen.

Die Taktik der Sicherheitsbehörden zeigte zunächst Erfolg: Nur Stunden vor Beginn des braunen Kongresses wurde der eigentlich angemietete Saal vom Wirt gekündigt. "Nichtsdestotrotz gelang es wiederum nicht, die Veranstaltung tatsächlich zu verhindern", frohlockten die Rechtsextremen später. Denn man fand einen Unterschlupf, mehrere NPD-Politiker hielten ihre Reden, die Gäste kamen, der Verfassungsschutz zählte später 150 Besucher. Ort der Veranstaltung: der Gasthof "Zur Bergbahn" in Lichtenhain/Bergbahn, einem Ortsteil von Oberweißbach, Thüringen.

Oberweißbach ist die Heimat der Polizistin Michèle Kiesewetter, die im April 2007, 13 Monate nach dem braunen Kongress, mutmaßlich von Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos in Heilbronn erschossen wurde. Am helllichten Tag sollen die beiden Männer die damals 22-jährige Beamtin ermordet haben, während diese Mittagspause machte, in ihrem Streifenwagen, auf einem Parkplatz.

Es ist die Tat, die auf den ersten Blick am wenigsten in das perfide Schema der Täter passt: Kiesewetter schien ein Zufallsopfer zu sein, zur falschen Zeit am falschen Ort. Sie hatte Pech, könnte man zynisch sagen.

Doch offenbar gab es zahlreiche Verbindungen zwischen der jungen Polizistin und den Unterstützern des sogenannten Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU). Zumindest zwischenzeitlich kamen sie sich räumlich sehr nah.

Die Verbindung: Ein Unterstützer des NSU

Kiesewetter soll von 2000 bis 2003 im direkten Umfeld der Gaststätte gewohnt haben, die immer wieder für Veranstaltungen rechtsextremer Gruppen genutzt wurde. Auch ihre Großeltern und ein Onkel lebten in der Nähe. Der Stiefvater der Polizistin arbeitet als Gastronom in einem Nachbarort und führt dort ein Hotel.

Es heißt, er sei auch an der Pacht einer weiteren Gaststätte interessiert gewesen: Der Zuschlag für dieses Wirtshaus ging aber allem Anschein nach schließlich an einen Mann, der als Unterstützer der NSU gilt.

Alte Versionen des Internetauftritts der Gaststätte weisen Ralf Wohlleben als Verantwortlichen für die Seite aus. Denkbar ist, dass er in jener Zeit auch Pächter der Gastwirtschaft war. Die derzeitige Inhaberin war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Wohlleben trat 1998 der NPD bei und stieg 2002 zum stellvertretenden Landesvorsitzenden und Pressesprecher auf, kandidierte für Wahlen. 2002 kaufte er gemeinsam mit einem anderen Kameraden eine Gaststätte in Altlobeda, genannt das "Braune Haus", es wurde zu einem Schulungszentrum der Partei.

Der Extremist soll zudem gemeinsam mit Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe Teil der "Kameradschaft Jena" gewesen sein, einem kleinen, radikalen Kreis, der sich nach außen abschottete. Wohlleben gilt den Ermittlern als Schlüsselfigur im Fall der Zwickauer Terrorzelle. Bereits vor dem Abtauchen der drei wurde er zeitweise durch das Bundesamt für Verfassungsschutz observiert.

In einem Geheimdienstbericht des Jahres 2006 finden sich entsprechend auch die Details des Antikapitalismus-Abends im Gasthof "Zur Bergbahn": Der Liedermacher Frank Rennicke trat auf, der von der NPD 2010 für die Wahl des Bundespräsidenten vorgeschlagen wurde.

Michèle Kiesewetter soll sich ihrer Heimatstadt sehr verbunden gefühlt haben - auch nachdem sie bereits im Hunderte Kilometer entfernten Baden-Württemberg den Polizeidienst angetreten hatte. Jedes Jahr kehrte sie zurück und half bei der Organisation der Kirmes.

Die Beamten suchten eine unbekannte weibliche Person

Möglicherweise pflegten in jenen Jahren nicht nur Unterstützer der Zwickauer Terrorzelle enge Kontakte nach Oberweißbach, sondern auch die Mitglieder selbst: Uwe Mundlos sei im Sommer 2005 mehrfach in der Stadt gesehen worden, berichtet die "Super-Illu". Er soll sich dort mit einer Gruppe Rechtsextremer getroffen, Musik gehört und kleine Sprengkörper gebaut haben. Zu dieser Zeit lebte er bereits sieben Jahre im Untergrund. Die Zeitschrift meldet darüber hinaus, auch Kiesewetter habe in dieser Zeit immer wieder Partys in ihrer alten Heimatstadt besucht.

Ob die Polizistin ihren späteren Mördern vor der Tat im April 2007 begegnete, ist völlig unklar. Fraglich ist auch, ob die Tat hätte geplant werden können: Kiesewetter war kurzfristig für einen Kollegen eingesprungen, an ihrem Todestag hätte sie eigentlich Urlaub gehabt. Dennoch gibt es mindestens eine große räumliche Nähe zwischen dem Opfer und den Terroristen der NSU.

Fest steht indes: Die Ermittler sind im Fall der ermordeten Polizistin viel zu lange einer falschen Fährte gefolgt. In baden-württembergischen Ermittlerkreisen heißt es, die Sonderkommission "Parkplatz" habe sich seinerzeit mit Feuereifer auf die DNA-Spur im Streifenwagen der erschossenen Michèle Kiesewetter gestürzt. Das Genmaterial, das nachweislich von einer Frau stammte, war zu diesem Zeitpunkt bereits an zahlreichen Tatorten höchst unterschiedlicher Straftaten sichergestellt worden. Die Beamten gingen daher von einer vagabundierenden Schwerkriminellen aus, die sie "uwP" tauften: unbekannte weibliche Person.

Später stellte sich zwar heraus, dass die DNA nur deshalb kreuz und quer in der Republik gefunden worden war, weil eine Packerin die Wattestäbchen der Spurensicherung verunreinigt hatte. Die Polizei trug die "uwP" also jedes Mal selbst zu den Verbrechen und fand sie entsprechend dort. Doch bis das klar wurde, jagten die Ermittler um den Kriminalrat Frank Huber jahrelang einem Phantom nach, dem sie eine "irre Glückssträhne" unterstellten, konnten sie es doch nie stellen.

"Wir haben die allermeisten Komplexe durchermittelt"

"Polizisten sind Beißer", sagt ein schwäbischer Fahnder nun. "Und manchmal fokussieren sie sich auch zu stark auf eine mögliche Variante des Geschehens." Vielleicht seien bei all dem Engagement, mit dem man die mutmaßliche Polizistenmörderin gesucht habe, entscheidende Ermittlungen im Umfeld des Opfers unterblieben. "Die Technikgläubigkeit bei der Polizei ist groß. Und eine DNA-Spur galt damals als ultimativer Hinweis."

Ein Bewusstsein, unter welchen hygienischen Bedingungen das Material der Spurensicherung hergestellt werde, hätten die Ermittler seinerzeit noch gar nicht gehabt, so der Kriminalist. So hieß es auch in einer Stellungnahme des Innenministeriums aus dem August 2009: Es habe lange Zeit "keine durchgreifenden Zweifel an der Existenz der 'uwP'" gegeben. Im Stuttgarter Landeskriminalamt (LKA) war am Montagabend niemand für eine Stellungnahme zu erreichen.

Soko-Chef Huber, der im Herbst 2009 an die Fachhochschule der Polizei in Villingen-Schwenningen gewechselt war, sagte der "Heilbronner Stimme" damals: "Wir haben nach bestem Wissen und mit viel Herzblut die allermeisten Komplexe durchermittelt." Und: "Wichtig ist für mich, dass wir andere Ansätze - neben der DNA-Spur - nie vernachlässigt haben." Ob dem tatsächlich so war, werden nun die Nachforschungen der Generalbundesanwaltschaft ergeben.

Erst vor einer Woche hatte die LKA-Spitze die Möglichkeit, dass der Mord an der aus Thüringen stammenden Polizeimeisterin Kiesewetter vielleicht doch mit deren Herkunft zu tun haben könnte, erneut zurückgewiesen. "Dafür gibt es keine Anhaltspunkte", so der Präsident der Behörde, Dieter Schneider. "Es mag solche Zufälle geben", setzte er hinzu. Es habe sich jedoch aus den Ermittlungen im Umfeld der Beamtin "bisher kein Motiv für das Verbrechen ergeben".

In Polizeikreisen kursiert inzwischen eine neue Theorie der Tat: Demnach könnten sich die abgetauchten Rechtsterroristen und mutmaßlichen Killer, Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt, von der Beamtin erkannt gefühlt haben. Vielleicht führten die Neonazis etwas anderes im Schilde, als Kiesewetter und ihr Kollege Martin A. dem Duo zufällig über den Weg liefen. Das erklärte, warum die Täter das Risiko auf sich nahmen, zwei bewaffnete Polizisten am helllichten Tag auf einem belebten Platz niederzuschießen. Sie glaubten, umgehend handeln zu müssen.

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks teilen

  • Xing
  • LinkedIn
  • Tumblr
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Digg
  • reddit
Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 95 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Und dem Vernehmen nach aßen sie dabei Döner.
saako 22.11.2011
gibt bestimmt noch unaufgeklärte mordfälle, bei denen sich döner im magen der opfer fand
2. null
mod_x 22.11.2011
Zitat von sysopDie Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter schien eine Zufallstat zu sein. Doch nun steht fest: Zwischen den Mitgliedern der*Zwickauer Terrorzelle*und der*jungen Frau*gab es*viele*Berührungspunkte*- vor allem eine Gastwirtschaft in ihrem Heimatort. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,799107,00.html
Eines muss man den Authoren lassen. Der Artikel ist konsequent konstruiert.
3. Deutsche Justiz auf dem rechten Auge blind
dunnhaupt 22.11.2011
Zitat von sysopDie Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter schien eine Zufallstat zu sein. Doch nun steht fest: Zwischen den Mitgliedern der*Zwickauer Terrorzelle*und der*jungen Frau*gab es*viele*Berührungspunkte*- vor allem eine Gastwirtschaft in ihrem Heimatort. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,799107,00.html
Im Ausland spottet man darüber, dass solche Zustände in Deutschland polizeilich geduldet werden, und das in einem Land, wo man Radfahrer ohne Lampe sofort bestraft.
4. Wenn ich mich recht erinnere,
almabu! 22.11.2011
Zitat von sysopDie Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter schien eine Zufallstat zu sein. Doch nun steht fest: Zwischen den Mitgliedern der*Zwickauer Terrorzelle*und der*jungen Frau*gab es*viele*Berührungspunkte*- vor allem eine Gastwirtschaft in ihrem Heimatort. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,799107,00.html
dann gab es damals bei der ersten Berichterstattung über den Polizistinnenmord Hinweise auf verdeckte Ermittlungen der Polizistin (Ich wunderte mich wegen ihres jungen Alters darüber und dachte damals in Richtung Rauschgiftszene). Diese Hinweise verschwanden allerdings schnell – wie durch Zauberhand – aus der Berichterstattung. Jetzt scheint dies auf einmal Sinn zu machen? Kann sich jemand an diese Hinweise erinnern oder hat gar einen Link parat?
5. Der Verfassungsschutz gehört in die Hände der Presse gelegt
peter h. 22.11.2011
Hätten die keine Bankraube begannen wäre man denen nie auf die Schliche gekommen. Jedenfalls sicher nicht der Verfassungsschutz und seine V-Männer. Ich vertraue der Presse und ihren Journalisten mehr wie diesen ominösen Verfassungsschutz.
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Zwickauer Terrorzelle
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH

SPIEGEL ONLINE Schließen


  • Drucken Versenden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 95 Kommentare
  • Zur Startseite

Fotostrecke
Bekennervideo: Paulchen Panther und Propaganda