Verbrechensserien BKA ermittelt gegen braune Terrorzelle

Die Döner-Morde, der Polizistenmord von Heilbronn, die Explosion eines Hauses in Zwickau: Alle diese Taten sollen auf das Konto einer organisierten, rechtsextremen Terrorzelle gehen. Deren Mitglieder: Beate Zschäpe, Uwe Mundlos, Uwe Böhnhardt. In den Trümmern ihres Hauses fanden sich eindeutige Beweise.


Zwickau - Die Verbindungen kamen Stück für Stück ans Tageslicht, langsam fügen sie sich zu einem Puzzle zusammen - und ergeben ein Bild des Schreckens: die Ermordung der Polizistin Michèle Kiesewetter 2007 in Heilbronn, die sogenannten Döner-Morde, denen bis zum Jahr 2006 überall in Deutschland mindestens neun Männer zum Opfer fielen, der Überfall auf eine Bank und der Brand eines Wohnwagens in Eisenach, die Explosion eines Hauses in Zwickau. Seit diesem Freitag ist klar: Die Verbrechen gehen auf das Konto eines hochkriminellen, rechtsradikalen Trios, das bereits in den neunziger Jahren in Erscheinung getreten war, bevor es im Untergrund verschwand - und dort offenbar organisiert operierte.

Uwe Böhnhardt, Uwe Mundlos und Beate Zschäpe bauten Ende der neunziger Jahre Bombenattrappen, ein Hakenkreuz war ihre Signatur, in einer Garage fand sich hochexplosives Material. Doch die Ermittlungen wurden eingestellt, 1998 verschwanden die drei von der Bildfläche.

Nun, 13 Jahre später, geraten sie erneut ins Visier der Ermittler. Seit diesem Freitag ermittelt die Bundesanwaltschaft. Ihre Vermutung: Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe sollen in einer rechtsextremen, terroristischen Vereinigung organisiert gewesen sein. Ihre Wohnung in der Zwickauer Frühlingsstraße glich demnach einem Waffenarsenal. Ermittler fanden in der Asche des von Zschäpe angezündeten und explodierten Hauses zahlreiche Waffen - und rechtsextremistisches Propagandamaterial.

Der Verdacht: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung

Darunter die Waffe, mit der die sogenannten Döner-Morde begangen wurden: eine Pistole mit Schalldämpfer aus tschechischer Produktion, Ceska Typ 83, Kaliber 7,65 Millimeter. Mindestens neun ausländische Kleinunternehmer sind zwischen den Jahren 2000 und 2006 mit ihr erschossen worden, immer aus nächster Nähe, immer am helllichten Tag. Die Waffe war der Anhaltspunkt der Ermittler, dass es sich um eine Verbrechensserie handelte, dass die Taten in einem Zusammenhang standen. Sonst gab es keine erkennbare Verbindung, nach einem Motiv suchten sie vergeblich.

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Neue Spuren: Döner-Morde - Spur im rechtsextremen Milieu

Nun, Jahre später, scheinen die Fahnder es in den Trümmern des Hauses Frühlingsstraße Nummer 26 gefunden zu haben: Laut der Bundesanwaltschaft wurde dort Beweismaterial entdeckt, das auf eine rechtsextremistische Motivation der Mordtaten hindeutet. Unter anderem soll es sich um DVDs handeln, in denen eine Gruppe mit dem Namen "Nationalsozialistischer Untergrund" eine Rolle spielt - und die Bezüge zu den Döner-Morden enthalten. Die Filme sollen zum Teil verpackt gewesen sein.

Ebenfalls in den Trümmern fanden die Beamten eine Pistole, die baugleich sein soll mit der Waffe, mit der die Polizistin Kiesewetter 2007 erschossen wurde. Ihre Dienstwaffe entdeckten Ermittler in dem Wohnwagen in Eisenach, in dem sich Mundlos und Böhnhardt nach dem Überfall auf eine Bank erschossen haben sollen.

Es scheint, als ginge eine Reihe der mysteriösesten Verbrechen der vergangenen Jahre auf das Konto der drei. Gegen Beate Zschäpe besteht der Anfangsverdacht der Mitgliedschaft einer terroristischen Vereinigung in Tateinheit mit Mord, versuchtem Mord und schwerer Brandstiftung.

Seitdem sie sich gestellt hat, schweigt Beate Zschäpe

Ungeklärte Kriminalfälle sollen nun neu aufgerollt werden: Die nordrhein-westfälische Polizei prüft laut "Neue Ruhr/Neue Rhein-Zeitung" (NRZ)Zusammenhänge mit zwei Bombenanschlägen. Bei dem Attentat in der Kölner Keupstraße am 9. Juni 2004 waren 22 Menschen zum Teil lebensgefährlich verletzt worden - viele von ihnen türkischer Herkunft.

Auch ein Anschlag aus dem Jahr 2000 könnte auf das Konto der drei Neonazis gehen: Damals explodierte an der S-Bahn-Station Düsseldorf-Wehrhahn ein in einer Plastiktüte versteckter Sprengsatz mitten in einer Gruppe jüdischer Aussiedler. Zehn Menschen wurden verletzt, zwei von ihnen lebensgefährlich.

Als sich Beate Zschäpe am vergangenen Dienstag der Polizei stellte, machte sie nur die nötigsten Angaben: 36 Jahre alt, derzeit arbeitslos, gelernte Gärtnerin. Seither schweigt sie. Vor dem Abtauchen in den Untergrund soll Uwe Mundlos versucht haben, sein Abitur nachzuholen. Darüber hinaus ist bislang wenig bekannt über die Zeit, in der die drei von der Bildfläche verschwunden waren - und doch mitten in einer deutschen Großstadt lebten.

Die Fahnder gehen nun der Frage nach, ob weitere "Personen aus rechtsextremistischen Kreisen" in die Taten verstrickt sind. Wie viele Mitglieder der "Nationalistische Untergrund" hatte, in welcher Verbindung sie zueinander standen, all das ist unklar. Fest steht nur: Die drei waren der Polizei und dem Verfassungschutz bekannt.

Mit den Ermittlungen wurde das Bundeskriminalamt in Zusammenarbeit mit den Landeskriminalämtern Baden-Württemberg, Sachsenund Thüringenbeauftragt.

han/dpa

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