Verdächtiger im Mordfall Dennis Martin N. betreute offenbar Pflegekinder

Er hat den Mord an Dennis und zwei weiteren Kindern gestanden - nun prüft die Polizei, ob Martin N. auch für weitere Fälle verantwortlich sein könnte. Nach Informationen des SPIEGEL hat der heute 40-Jährige früher immer wieder Pflegekinder bei sich aufgenommen.

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Hamburg - Martin N. spürte seine Opfer in Schullandheimen und Zeltlagern auf, klingelte einfach bei ihnen an der Tür. Zehn Jahre dauerte es, bis der Mord an Dennis aufgeklärt werden konnte. Nun gestand der 40-Jährige, zwischen 1992 und 2001 drei Jungen im Alter von 8 bis 13 Jahren entführt und umgebracht zu haben. Außerdem könnte er für mindestens 40 Fälle von sexuellem Missbrauch verantwortlich sein. Nach langer kriminalistischer Puzzlearbeit führte ein ehemaliges Opfer die Polizei auf die Spur des "Maskenmannes".

Martin N. war nach Informationen des SPIEGEL früher offenbar auch mit der Betreuung von Pflegekindern betraut. Nach Angaben früherer Nachbarn habe N. Ende der neunziger Jahre wiederholt "etwa 10 bis 15 Jahre alte Pflegekinder" in seiner damaligen Souterrainwohnung in Bremen-Neustadt bei sich aufgenommen.

Die Kinder hätten aus sozial benachteiligten Familien gestammt und seien zur vorübergehenden Betreuung an N. vermittelt worden. Ob die Angaben zutreffen und, falls ja, wer für die Vermittlung der Kinder an den offenbar pädophilen N. verantwortlich war, wird derzeit in der Bremer Sozialbehörde und von der zuständigen Sonderkommission der Polizei geprüft.

Gegen den beschuldigten Pädagogen N. war schon mehrfach ermittelt worden, unter anderem von der Bremer Staatsanwaltschaft 2005 wegen Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung; dieses Verfahren wurde jedoch eingestellt. Der 40-Jährige gab nun zu, zwischen 1992 und 2001 drei Jungen im Alter von 8 bis 13 Jahren getötet zu haben.

N. galt als unauffällig, die Profiler sprechen von "doppelter Buchführung"

Der Tod von Dennis K. brachte die Fahnder vor zehn Jahren auf die Spur, dass der Täter für mehrere Mordfälle verantwortlich sein könnte. Seither sammelte die Sonderkommission akribisch Hinweise. Die Soko "Dennis" hatte auch den jetzt Gefassten bereits 2007 im Visier gehabt, dann aber nicht weiter verdächtigt.

Zeugen beschrieben den Mann, der auch Jugendbetreuer war und zuletzt in der Erwachsenenbildung arbeitete, als sozial unauffällig und hilfsbereit.

N. sei Lehramtsstudent gewesen und dann Pädagoge, sagte der Profiler Alexander Horn. Seit seinem 21. Lebensjahr sei er alleinstehend gewesen - und so wenig sozialer Kontrolle unterworfen. Der Serientäter wiederum war häufig "Maskenmann" oder "Phantom" genannt worden, weil Zeugen ihn als schwarzen Mann mit Gesichtsmaske beschrieben.

"Im Prinzip hat er vermutlich auch eher eine Art doppelte Buchführung betrieben", sagte Horn. Er entspricht dem Täterprofil, das die Ermittler entworfen hatten. Neben dem Geständnis wiesen "exklusives Täterwissen" des Mannes, Indizien und Beweismittel auf den 40-Jährigen hin, hieß es weiter.

Den entscheidenden Hinweis gab ein früheres Opfer

Die Festnahme löste in der Nachbarschaft des Mannes in Hamburg-Wilstorf Bestürzung aus. "Wir können es einfach nicht fassen", sagte ein älterer Nachbar.

Den entscheidenden Hinweis für die Festnahme gab eines der Missbrauchsopfer des Täters. Der Zeuge meldete sich nach einem erneuten Fahndungsaufruf vor neun Wochen noch einmal bei der Polizei. Er erinnerte sich daran, dass ihn ein Betreuer bei einer Jugendfreizeit in auffälliger Weise über seine Wohnsituation ausgefragt hatte - einige Monate später war er 1995 von einem maskierten Mann missbraucht worden.

"Genau dieser Hinweis war der Schlüssel, um die Gesamtserie lösen zu können", sagte Martin Erftenbeck, Leiter der Soko "Dennis". An den Tatorten sichergestellte DNA-Spuren ließen sich dem Mann nicht zuordnen. Auch der Hinweis eines Zeugen auf ein Auto, in dem Dennis K. gesessen haben soll, entpuppte sich nicht als heiße Spur - ließ aber den nun bedeutsamen Zeugen aktiv werden.

Mehr zum Fall Dennis: SPIEGEL TV Magazin, Sonntag, 17.4.2011, 21.55 Uhr, RTL.

han/dpa

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join3 16.04.2011
1. Eine Demokratie
Zitat von sysopEr hat den Mord an Dennis und zwei weiteren Kindern gestanden - nun prüft die Polizei, ob Martin N. auch für weitere Fälle verantwortlich sein könnte. Nach Informationen des SPIEGEL hat der heute 40-Jährige früher immer wieder Pflegekinder bei sich aufgenommen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,757465,00.html
darf Diskussionen niemals ausblenden. Das gilt auch für Diskussionen über das Strafmass bei Mord aus niedrigen Beweggründen, besonders an Kindern.Martin N., Olaf H. , M. Gäfgen und all die anderen Mörder beanspruchen ein Recht, die sie ihren Opfern nicht zugebilligt haben : Das Recht auf Leben und körperliche Unversehrheit.Aus diesem sicheren Sessel heraus läßt sich gut töten.
achazvonthymian 16.04.2011
2. Jeden Tag legtt jetzt bald jemand ein umfassendes Geständnis ab
Ob Krailling, ob Schullandheime, fast jeden Tag wird jemand verhaftet und legt ein umfassendes Geständnis zu Morden, Doppel- und Dreifachmorden ab. Man fragt sich, was in diesem Land schuld ist für diese Mordsucht. Was ist denn eigentlich so interessant, andere umzubringen? Mir fällt kein vernünftiger Grund ein, wenn mal davon absieht, dass die Kripo beschäftigt wird und damit in Lohn und Brot kommt. Ohne Morde keine Besoldung.
Americanet 16.04.2011
3. Fragwürdig
Da lebt ein aktenkundiger Sexualstraftäter im erweiterten Radius um die Tatorte, der auch noch in der Nähe eines der Ablageorte der Leichen ein Ferienhaus gemietet hatte. Er hat Kenntnisse über Schullandheime und ähnliches, was von Anfang an zum Täterprofil gehörte. Die Polizei befragt ihn auch, kommt ihm aber trotzdem nicht auf die Spur? Ein Polizeierfolg ist das nicht, wenn zehn Jahre später der Zufall weiterhilft. Eher ein peinliches Zeugnis und Grund, die Effektivität der Kriminalpolizei zu hinterfragen. Wer weiß, was diese Bestie in den letzten zehn Jahren alles getrieben hat?
sergio56 16.04.2011
4. Und wo ist das JUGENDAMT ?
Was Kindesmissbrauch oder Kindermord betrifft , ist Deutschland ziemlich weit oben wenn nicht ganz oben . Sehr traurig, wenn man bedenkt daß ein Land wie Deutschland ein Amt namens Jugendamt sich extraleistet.
ignazwrobel 16.04.2011
5. Verdächtigung
Zitat von sysopEr hat den Mord an Dennis und zwei weiteren Kindern gestanden - nun prüft die Polizei, ob Martin N. auch für weitere Fälle verantwortlich sein könnte. Nach Informationen des SPIEGEL hat der heute 40-Jährige früher immer wieder Pflegekinder bei sich aufgenommen. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,757465,00.html
Der Täter ist schon in den vergangenen Jahren als Pädophiler bekannt gewesen. Dennoch blieb er in Freiheit. Gottlob wurde er nach vielen Jahren gefasst. Es sind zuviele Jahre vergangen, in denen viel Schaden angerichtet wurde. Jetzt werden zumindestens nicht mehr Unschuldige Personen über viele Jahre verdächtigt. In diesem Sinne, ein schönes Wochenende noch.
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