Verfassungsschutz-Film Agenten sind auch nur Menschen

Ein neuer Dokumentarfilm beschreibt das Innenleben deutscher Verfassungsschutzbehörden. Eindrucksvoll erscheinen die Geheimagenten als Menschen - mal sympathisch, mal mit Macken. Einer zeigt sogar Schuldgefühle.

Beate Bube, Präsidentin des Stuttgarter Landesamts für Verfassungsschutz: Vielstimmige Agenten in ihrer Behörde
ARD

Beate Bube, Präsidentin des Stuttgarter Landesamts für Verfassungsschutz: Vielstimmige Agenten in ihrer Behörde

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Der mutigste Moment des Films ist der Augenblick, als eine Agentin fast zu weinen beginnt: "Meine Ehe ist letztes Jahr gescheitert", sagt die Beamtin mit brüchiger Stimme, "und ein Großteil des Scheiterns liegt auch an meinem Beruf." Sie sei wenig zu Hause und müsse häufig weg, ohne ihrem Partner stets erklären zu können, wohin sie gehe, so die Leitende Beschafferin Rechtsextremismus im Stuttgarter Landesamt für Verfassungsschutz (LfV). "Das ist für einen Mann schon recht schwer."

Es sind Szenen wie diese, die es im deutschen Fernsehen wohl noch nicht gegeben hat. Ziemlich schutzlos stellten sich 40 Mitarbeiter der Inlandsnachrichtendienste vor laufender Kamera den Fragen der ARD-Journalisten Egmont R. Koch und Holger Schmidt - und gaben dabei beachtlich viel von sich preis. Teilweise mussten die Agenten für ihre Auftritte in der Öffentlichkeit aufwendig maskiert und ihre Stimmen von Sprechern synchronisiert werden.

Herausgekommen ist eine sehenswerte Dokumentation ("Spitzel und Spione - Innenansichten aus dem Verfassungsschutz"), der es gelingt, mit gängigen Klischees zu brechen: Verfassungsschützer werden in diesen 45 Fernsehminuten nicht als sinistre Typen dargestellt, die gerne am Schredder stehen, um kurz vor ihrem Auffliegen noch schnell die nächste Geheimakte zu vernichten.

Bemerkenswert viel Begeisterung für den Beruf

Stattdessen schaffen es die Reporter, eine eigentlich ganz banale Wahrheit für den Zuschauer erfahrbar zu machen: Agenten sind auch nur Menschen - mit Schwächen und Fehlern, mit Ängsten und Hoffnungen, aber auch mit Überzeugungen, Verantwortungsgefühl und vielfach mit bemerkenswert viel Begeisterung für ihren Beruf: Dass er 24 Stunden lang erreichbar sei, sagt etwa ein V-Mann-Führer, sei eine Selbstverständlichkeit. Ein anderer Agent wiederum bekennt freimütig, er habe nur wegen der Verbeamtung auf Lebenszeit bei einem Nachrichtendienst angeheuert.

Die deutschen Verfassungsschutzämter haben aus dem Versagen der Sicherheitsbehörden im Fall des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) für sich angeblich abgeleitet, dass sie transparenter werden müssen. Das Wurschteln im Untergrund kann in einer Mediendemokratie mehr Misstrauen wecken als mitunter angebracht ist, wie die Schlapphüte hatten lernen müssen. Dennoch nahmen aus dem Verfassungsschutzverbund von 16 Landesämtern und einer Bundesbehörde längst nicht alle Dienste an dem Filmprojekt teil.

Überhaupt zeigt die Dokumentation gerade am Beispiel des NSU, wie viele unterschiedliche Haltungen es nicht nur im gesamten Verfassungsschutzverbund, sondern eben auch innerhalb eines einzelnen Amtes geben kann. Da kommt etwa der Brandenburger Agent Michael Hüllen auf die Idee, bei den Opfern des NSU und ihren Angehörigen um Entschuldigung bitten zu wollen. Doch eine Genehmigung dafür bekommt er nicht. Sein Chef, Carlo Weber, ist anderer Ansicht: "Das ist ein hochanständiger Reflex", so der Leiter des Potsdamer LfV, "aber keine gute Idee, wenn man jedem freistellt, sein Schreiben an Opferverbände oder einzelne Opfer loszulassen."

V-Leute sind keine Beamtenanwärter

Noch problematischer wird die Vielstimmigkeit des Verfassungsschutzes bei sensiblen operativen Fragen, etwa dem Umgang mit Informanten aus der Szene. Obwohl Kritiker immer wieder fordern, V-Mann-Führer dürften nicht zu lange einen Spitzel betreuen, damit keine übergroße Nähe entstehe, beschreibt ein Experte aus Stuttgart, er kenne seine Quellen seit Jahren: "Ich merke sofort, wenn die mich anlügen." Sein Kollege aus dem baden-württembergischen Amt sagt indes, es wäre verwegen zu sagen, dass er Lügen sofort erkennen könne.

Während die Leitende Beschafferin aus Stuttgart erklärt, sie seien sehr zurückhaltend in der Bezahlung ihrer Spitzel und setzten eher auf die persönliche Ansprache, sagt einer ihrer Kollegen hingegen, was seine Informanten zum Verrat bringe: "Geld ist die Hauptmotivation."

Und während die baden-württembergische Chef-Beschafferin kundtut, es werde bei ihnen niemand Quelle, der wegen einer gefährlichen Körperverletzung aufgefallen sei, sagt ihr Kollege aus Dresden: "Man kann nicht erwarten, dass es Waisenknaben sind, mit denen man zu tun hat. V-Leute sind keine Beamtenanwärter."

So bleibt am Ende des Films vor allem auch der Eindruck: Es gibt nicht den Verfassungsschutz, in dem alle einer Meinung sind und in dieselbe Richtung laufen. Und diese Erkenntnis ist angesichts der anhaltenden Debatte darüber, wie der Verfassungsschutz zu reformieren sei, durchaus wertvoll.


Sendetermine "Spitzel und Spione": 13.10., 22 Uhr (WDR); 15.10., 20.15 Uhr (SWR)

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Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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spon-facebook-10000065643 13.10.2014
1. Was zu erwarten war
Die LfV sind natürlich wie alle Anderen im Öffentlichen Dienst... Starke Hierarchien, Meinungen gelten mehr als klare evidente Fakten und die klassische Irgendwie-Haltung... Wahrscheinlich wird auch das Fall-Management nur über Papier, Flurgespräch und maximal Email abgewickelt, satt mit modernen Ticket-Systemen oder wenigstens SAP... Da ist klar das die linke Hand nichts von der Rechten weiß...
diego666 13.10.2014
2.
Solange ihr im Zusammenhang mit der NSU vom Versagen des Verfassungsschutzes reden, habt ihr euren Job nicht richtig gemacht. -Polizisten werden vom Verfassungsschutz daran gehindert, ihre Arbeit richtig zu machen -Diese Serienmörder werden vor Hausdurchsuchungen von Behörden gewarnt. -Verfassungsschützer sind bei den Morden vor Ort. Ja, sollen sogar direkt davor und danach mit Rechtsextremen telefoniert haben. -Als die Sache öffentlich wird, werden Akten vernichtet. Und ständig kommen neue Sachen zutage, die alles, nur kein Versagen offenlegen. Wenn man versagt, dann ereicht man nicht das, was man will. Da diese Leute aber alles getan haben, um Mörder ungestört morden zu lassen, ist das kein Versagen, sondern MIttäterschaft und Verschleierung. Das immer noch, wider etlicher Beweise nur von Versagen geredet wird, lässt mich an unserem Rechtstaat zweifeln und da ändert auch kein Propagandavideo über ein paar anständige Verfassungsschützer was dran.
garfield53 13.10.2014
3. mmm
Wer soll hier ver****** werden? Nachdem sich dieser s.g. "Verfassungsschutz" durch seine politisch gewollte Blauäugigkeit und den totalen fachlichen Delitantismus selbst überflüssig macht, was bleibt von diesen "beamteten" Geheimnisskrämern übrig? Ein peinliches politisches Werkzeug, welches weitestgehend auf dem rechten Auge blind ist und als stumpfe Speerspitze und Wadenbeisser gegen alles vermeintlich "Linke" missbraucht wird, also in Tradition seiner faschsitischen Gründungsväter, heute mit scheindemokratischen Anstrich, überflüssige Systembeamte, welche nur das sehen, hören und sagen, was systemerhaltend ist. Das Wort "Verfassung" schützen zur absoluten Farce mutiert ist. Wie mann/frau im Pseudo-"NSU"-Prozess erleben darf, wie kaum an anderer Stelle, vertuscht, gelogen und vernebelt wird. Unsere s.g. Sicherheitsdienste in den finstersten Zeiten des Kalten Krieges von verdienten und überzeugten Nazis gegründet, können oder wollen ihre ideologische Vergangenheit wahrscheinlich gar nicht ablegen, da ansonsten diese Gesellschaft, dieser Staat und seine Protoganisten in Frage gestellt werden müssten. Mit einen Bundespräsidenten, dessen prägendes Vorbild ein klerikaler führender Nazi war, übrigens kein abwegiger Gedanke, da dessen einziger innerer Feind der untergegangene zweite deutsche Staat war und ist, sein Hass auf diesen und sein Nachwirken bis heute sein gesamtes Tun und Handeln ohne Hirn und Gewissen treiben. Da sind doch solche beamteten Handlanger die idealen Partner, nicht hören, nicht sehen, überhauptnichts sagen. Der Imagefilm seht der ganzen Lächerlichkeit noch die Krone auf.
olle kalle 13.10.2014
4. Natürlich nicht!
"Verfassungsschützer werden in diesen 45 Fernsehminuten nicht als sinistre Typen dargestellt, die gerne am Schredder stehen, um kurz vor ihrem Auffliegen noch schnell die nächste Geheimakte zu vernichten." Ja klar nicht. So dumm sind diese Leute ja auch nicht. Was aber nicht heisst, dass es im Zusammenhang mit der NSU nicht massenhaft passiert ist!
Hochbeet 13.10.2014
5. Verfassungsschützer...
sind auch nur Menschen. Aber schützen sie die Verfassung?
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