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Fahndung in NRW: Jagd nach den rasenden Maskenmännern

Von , Düsseldorf

Erfolglose Jagd: Ein Polizist sichert einen Kanister, mit dem die Täter nachgetankt hatten Zur Großansicht
DPA

Erfolglose Jagd: Ein Polizist sichert einen Kanister, mit dem die Täter nachgetankt hatten

Ein hochmotorisierter Audi RS 4 liefert sich eine irre Verfolgungsjagd mit der Polizei quer durch NRW - und entkommt. Jetzt stellt sich heraus: Den Wagen nutzt wohl eine moldauische Einbrecherbande. Sie fiel schon häufiger auf.

Es waren Szenen wie in einem Actionfilm, die sich in einer Nacht Anfang September auf den Straßen Nordrhein-Westfalens abspielten. Vier Maskierte in einem schwarzen Audi RS 4 lieferten sich eine wilde Verfolgungsjagd mit Hunderten Polizisten quer durch NRW. Dabei rasten sie mit mehr als 250 km/h nicht nur sämtlichen Streifenwagen davon, sondern hängten auch einen Polizeihubschrauber ab. Nach einer guten Stunde brausten die Unbekannten auf der Autobahn 52 in die Niederlande und verschwanden.

Die Frage ist noch immer: Wer waren sie?

Bislang machte die Polizei dazu keine Angaben. Auch in der Antwort des NRW-Innenministeriums auf eine Anfrage des CDU-Abgeordneten Gregor Golland im Landtag hieß es lapidar: "Die Identifizierung der Fahrzeuginsassen" und "Hinweise auf von ihnen gegebenenfalls begangene Straftaten" seien "Gegenstand der Ermittlungen". Dabei beschäftigen die rasenden Maskenmänner schon seit geraumer Zeit Polizeibehörden in Deutschland und Holland.

Bis zu 14 Sprengungen von Geldautomaten

Nach Informationen von SPIEGEL ONLINE geht das nordrhein-westfälische Landeskriminalamt (LKA) davon aus, dass eine moldauische Bande hinter der spektakulären Flucht stecken könnte. Wie sich aus einem vertraulichen Papier der Behörde ergibt, rechnen die Beamten der Gruppierung bis zu 14 Sprengungen von Geldautomaten in Nordrhein-Westfalen zu. Auch sollen sie sogenannte Blitzeinbrüche bei Juwelieren und in Elektronikgeschäften begangen haben. Dabei rasen die Täter mit einem Auto in Schaufenster oder schlagen sie ein.

In NRW soll die Truppe mindestens für drei Taten verantwortlich sein:

  • So drangen die Maskierten am 11. Juni nachts um 3.12 Uhr in ein Computergeschäft in Leverkusen ein.
  • Am 20. August um 3.13 Uhr war ihr Ziel ein Schmuckgeschäft in Bielefeld. Zeugen sahen, wie ein Vermummter mit einem Vorschlaghammer die Eingangstür aufbrach. Kurz darauf verließen die Diebe den Laden wieder, schwarze Plastiktüten in den Händen. Sie stiegen in ihren 450 PS starken Wagen und brausten davon.
  • Wenige Tage später schlugen die Maskenmänner in Hagen zu. Am 25. August um 3.53 Uhr drangen sie in ein Computergeschäft ein. Ein Zeuge sah vier Maskierte, vollständig in Schwarz gekleidet. Sie ergriffen die Flucht, als er näher kam. Laut Polizei stahlen sie Smartphones und Tablets.

Offenbar ist die Audi-Bande schon länger im Geschäft und operiert der LKA-Analyse zufolge "in wechselnder Zusammensetzung" in Holland, NRW und Niedersachsen. Die Polizei schreibt ihr bereits Taten im Jahr 2014 zu. In der Regel seien an den Raubzügen vier bis fünf Personen beteiligt gewesen und bereits vollmaskiert zu den Tatorten gefahren, schreiben die Fahnder. Stets flüchteten die Kriminellen anschließend mit hochmotorisierten Audis in die Niederlande. Die Kennzeichen der Autos waren immer am Vortag gestohlen worden.

"Geschwindigkeiten jenseits der 250 km/h"

"Das Fluchtverhalten ist rigoros und ohne Rücksicht auf Eigen- oder Fremdgefährdung", schreibt das LKA. "Gefahrene Geschwindigkeiten liegen jenseits der 250 km/h." Weder Streifenwagen noch Hubschrauber können da mithalten. Dass dieses mörderische Tempo nachts und offenbar in einer Vielzahl von Fällen stets unfallfrei erreicht werden konnte, deutet auf einen oder mehrere hochprofessionelle Fahrer hin. Selbst als die Täter von Dutzenden Polizeiautos und einem Helikopter gejagt wurden, verlor der Mann am Steuer nicht die Nerven. Damit erinnert das Vorgehen an die Handlung PS-trächtiger Spielfilme wie "The Fast and the Furious" oder "The Transporter".

Wie schwer sich die Polizei generell mit mobilen Diebesbanden tut, hat vor einiger Zeit eine interne Arbeitsgruppe des LKA herausgefunden. Ihr vertraulicher Bericht fiel ernüchternd aus: So gehörten viele Täter Gruppierungen an, die nur vorübergehend in NRW blieben. Sie wechselten häufig die Orte und würden nur selten dort straffällig, wo sie sich länger aufhielten. Dennoch hätten sie einen erheblichen Einfluss auf die Sicherheit im Land. Die Polizei sei ziemlich hilflos, hieß es: "Überregional, arbeitsteilig organisierte Berufs- und Gewohnheitstäter erfahren in Nordrhein-Westfalen einen zu geringen Verfolgungsdruck." Inzwischen wollen sich die Ermittler besser aufgestellt haben.

Doch die Audi-Bande ist ganz offensichtlich nicht nur hochgradig mobil, sondern auch schwer bewaffnet. Die LKA-Beamten gehen in ihrem Bericht jedenfalls davon aus. "Diese Annahme wird dadurch gestützt", heißt es in dem Dokument, "dass bei Taten im Jahr 2014 belegbar Langwaffen (Kalaschnikows) mitgeführt wurden". Und damit sind die Verbrecher auch was die Feuerkraft anbelangt selbst den Spezialeinsatzkommandos der Polizei überlegen.

Während der irren Flucht fuhren die Täter übrigens so viel Vorsprung heraus, dass sie mehrfach halten konnten. Aus Kanistern betankten sie zweimal ihren Fluchtwagen. Die Polizei holte sie trotzdem nicht ein.

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Zum Autor

Jörg Diehl ist Chefreporter von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Joerg_Diehl@spiegel.de

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