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Vergeltung für Säureattentat: "Bin ich denn kein Mensch?"

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Ein verschmähter Verehrer wurde Amene Bahrami zum Verhängnis: Der Mann spritzte ihr Säure ins Gesicht - seitdem ist sie blind und entstellt. Vor Gericht erwirkte die junge Iranerin, dass sie sich rächen und ihren Peiniger blenden darf. Wird Bahrami das grausige Urteil vollstrecken?

Bahramis Rache: "Für die Verwundungen Vergeltung ..." Fotos
mvg Verlag

Hamburg - Viele Male hat sich Amene Bahrami vorgestellt, wie sie sich an Madschid rächen wird. In ihren unruhigen, prophetischen Träumen, aber auch tagsüber, hellwach in ihrem kleinen Zimmer in Barcelona. Dort, wo durch den Türspalt der Zigarettenrauch kriecht, der ihr früher in den Augen brannte. Heute sind da nur noch leere Höhlen, die eine gefüllt mit einem blau-grauen Glasauge, die andere für immer verschlossen.

Er würde angeschnallt vor ihr liegen. Betäubt, weil es eine "zivilisierte", gerichtlich gebilligte Form von Vergeltung wäre. Sie würde die Lider auseinanderziehen und mit einer Pipette fünf Tropfen der vernichtenden Säure hineinträufeln. Würde dem "bösartigen Zischen und Gurgeln in seiner Augenhöhle" lauschen und - bestenfalls - Genugtuung empfinden.

Die Vision, die Bahrami in ihrem Buch "Auge um Auge" beschreibt, könnte Wirklichkeit werden.

Rückblick: An einem Dienstag im November 2004 gießt Madschid Mowahedi vorsichtig Schwefelsäure in eine rote Karaffe. Der Student der Elektrotechnik ist verliebt, in eine Kommilitonin, die lebenslustige und gutaussehende Amene. Doch das Mädchen erhört ihn nicht. Zwei Jahre lang hat er sie nach allen Regeln der Kunst gestalkt - ihr aufgelauert, sie am Telefon terrorisiert und bedroht. Jetzt ist er des Drohens müde. Im Ressalat-Park von Teheran lauert Mowahedi der jungen Frau auf. Sieben Stunden lang wartet er geduldig mit dem Fläschchen in der Hand, dann sieht er sie kommen und schüttet ihr den ätzenden Inhalt mitten ins Gesicht. Aus sicherer Entfernung beobachtete er dann den Todeskampf seines Opfers.

"Niemals werde ich sein höhnisches Lachen vergessen", erinnert sich Amene Bahrami an den Moment, in dem ihr Gesicht und innere Organe verbrannten, die Sekunde, die ihr das Augenlicht nahm. "Dieses Lachen war unbeschreiblich, es wird mir die Kraft geben, das Urteil zu vollstrecken", sagte sie SPIEGEL ONLINE.

Für den Schuldspruch vor einem Teheraner Gericht hat Bahrami lange gekämpft. Wegen versuchten Mordes war Mowahedi angeklagt - vor Gericht zeigte er sich der Autorin zufolge renitent und ohne Reue. "Warum hacken eigentlich alle auf mir herum?", soll er weinerlich gefragt haben. Nicht er habe ihr Gesicht zerstört, "das war sie selbst". Amene schlug jede Form des in Iran üblichen Blutgeldes als Entschädigung aus und drängte darauf, Gleiches mit Gleichem vergelten zu dürfen, wie es nach dem islamischen Strafrecht möglich ist.

Laut Gericht handelte Mowahedi vorsätzlich. Daher kann er für das Qisas-Delikt der Körperverletzung nach dem Talionsprinzip bestraft werden - das heißt, das Opfer hat das Recht, dem Angeklagten das Augenlicht zu nehmen. Genau dies gestanden die Richter Bahrami zu.

"Die Frau ist halb so viel wert wie ein Mann"

Nun mag der eine oder andere Genugtuung angesichts einer so drakonischen Strafe empfinden. Sie offenbart aber nichts weiter als die archaischen Prinzipien eines Strafrechts, das seine Wurzeln zum Teil in vorislamischer Zeit hat. So gelten in Iran Mädchen bereits mit neun Jahren als strafmündig, Jungen erst mit 15 Jahren.

Frauen werden bei einigen Delikten gar nicht vor Gericht als Zeugen gehört, bei anderen zählt ihre Aussage nur halb.

Die Ungleichheit von Mann und Frau ist nicht nur in der Gesellschaft fest verankert, das Gesetz fördert sie auch. Das musste auch Bahrami erfahren: In einem ersten Urteil verfügten die Richter eine zwölfjährige Haftstrafe für Mohawedi und dass sie sich rächen dürfe. Allerdings gestattete man ihr lediglich, ein Auge des Attentäters mit Säure zu verätzen. Die Begründung: "Nach iranischem Recht und laut dem heiligen Buch des Koran ist eine Frau halb so viel wert wie ein Mann. Folglich zählen zwei Augen einer Frau so viel wie ein Auge eines Mannes." Sollte sie den Wunsch verspüren, auch das zweite Auge zu zerstören, müsse sie umgerechnet 14.000 Euro dafür berappen, so der Richter. Laut Bahrami "ein unglaublicher Affront".

Der Fall war brisant, auch weil die Behörden befürchteten, dass er dem Regime zu schlechter Publicity verhelfen werde. Nicht nur zahlreiche Menschenrechtsaktivisten und Exil-Iraner, auch der mächtige Chef der iranischen Justiz, Ayatollah Mahmoud Hashemi Shahroudi, baten Bahrami, auf den grausigen Akt der Vergeltung zu verzichten. Doch sie blieb hart und erreichte ihr Ziel: Die Richter gestatteten Bahrami, Mohawedi beidseitig zu blenden - weil ihre schweren Gesichts- und Handverletzungen gegen das zweite Auge "aufgerechnet" wurden. Die Vollstreckung des Urteils steht noch aus.

"Wie ein Monster siehst du aus"

"Wer nun gegen euch gewalttätig handelt, gegen den handelt in gleichem Maße gewalttätig, wie er gegen euch gewalttätig war", heißt es in Sure 2, 194, im Koran. "Leben um Leben, Auge um Auge, die Nase für die Nase, das Ohr für das Ohr und Zahn um Zahn; und für die Verwundungen Vergeltung", in Sure 5, 45.

"Es geht mir nicht um Vergeltung, es geht um Abschreckung", sagt Bahrami, die selbst tief gläubig ist. Jeden Tag würden in Iran Frauen eingesperrt, vergewaltigt und mit dem Tode bedroht, ihre eigenen Männer behandelten sie wie Dreck. "Leute wie Madschid Mowahedi sollen wissen, dass sie so etwas nie tun dürfen, dass es Frauen wie mich gibt und dass wir nicht wenige sind." Eindringlich fordert sie ihre Geschlechtsgenossinnen auf, nicht klein beizugeben. "Wenn sie nicht kämpfen, werden sie enden wie ich."

"Iranische Frauen sind sehr mutig", sagt Bahrami. Ob sie auch solidarisch seien? "Viele nicht", so die traurige Antwort. So zeigten selbst wohlwollende Freundinnen und Bekannte nach dem Säureanschlag wenig Verständnis für die Ausnahmesituation der Gequälten. Warum sie den Mann denn nicht geheiratet habe, fragten einige, andere rieten selbst nach dem Attentat noch dazu, um des lieben Friedens willen die Ehe mit dem Täter einzugehen. Selbst die ältere Schwester gebärdete sich der Autorin zufolge außergewöhnlich grob: "Mama und Papa wollen dich nicht, so wie du aussiehst, hässlich, verunstaltet", soll Shirin gesagt haben. "Wie ein Monster siehst du aus."

"Wenn Gott nicht gewesen wäre, hätten Menschen wie Shirin mich zerstört", meint Bahrami im Rückblick auf die Zeit, in der sie mit der Schwester in Barcelona lebte, wo sie mehrfach operiert wurde. "Sie liebt sich selbst nicht und akzeptiert sich nicht - eine Frau muss sich aber zuerst selbst respektieren, bevor die Männer es tun."

"Abschreckung funktioniert nicht"

"Emotional bin ich ganz auf der Seite von Frau Bahrami", sagt Mina Ahadi, Vorsitzende des Zentralrats der Ex-Muslime und Menschenrechtsaktivistin, SPIEGEL ONLINE. "Aber ich bin absolut gegen die Vollstreckung des Urteils." Das "Auge um Auge"-Prinzip sei unmenschlich, eine Vergeltungsaktion würde die Spirale der Gewalt nur weiter drehen.

Längst wisse man, dass das Prinzip der Abschreckung nicht funktioniere. Die Androhung der Todesstrafe zeige wenig Wirkung. Selbst die von der iranischen Führung verfügten öffentlichen Exekutionen von Mördern hätten die Zahl der Gewalttaten nicht sinken lassen. "Der einzige Unterschied ist, dass die Kinder auf der Straße jetzt Hinrichtung spielen", so Ahadi. "Es ist unvorstellbar, dass man jemanden eigenhändig blendet. Frau Bahrami sollte das lassen."

"Bin ich denn kein Mensch?", fragt Bahrami aufgebracht. "Ich bin es leid, dass in dieser Welt die Täter geschützt werden, alle, die selbst die Menschenrechte mit Füßen treten." Ob sie keine Angst habe, dass sie im alles entscheidenden Moment die Wut und der Mut verließen? Dass ihre Hand lahm wird, sie eine bleierne Müdigkeit überkommt, wie es so oft passiert, wenn etwas jahrelang geplant, durchdacht und phantasiert wurde und plötzlich real werden soll. "Das wird sich zeigen, wenn der Moment da ist. Alles andere ist derzeit Spekulation", sagt Bahrami brüsk. Sie werde an Mowahedis hässliches Lachen denken und daran, wie lange sie unerträgliche Schmerzen gelitten habe. "Dann kann ich es tun."

Tatsächlich hat Bahrami Angst, in letzter Sekunde zu versagen. Auch, weil sie sich in der gesellschaftlichen Verantwortung sieht, es längst nicht mehr um eine Privatfehde oder den Schrei nach Gerechtigkeit geht. Im Buch beschreibt sie, wie der geliebte Großvater sie kurz vor seinem Tod bittet, dem Täter zu verzeihen. "Es gibt Dinge, die ein Mensch nicht tun darf, auch wenn er dazu in der Lage ist", mahnt der Alte. "Wenn ich bald sterbe, möchte ich in dem Wissen gehen, dass meine Enkelin ein großes Herz hat." Bahramis Antwort: "Opa, ich habe schon lange kein Herz mehr."

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Auge um Auge...
fatherted98 04.10.2010
Zitat von sysopEin verschmähter Verehrer wurde Amene Bahrami zum Verhängnis: Der Mann spritzte ihr Säure ins Gesicht - seitdem ist sie blind und entstellt. Vor Gericht erwirkte die junge Iranerin, dass sie sich rächen und ihren Peiniger blenden darf. Wird Bahrami das grausige Urteil vollstrecken? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,721058,00.html
...Zahn um Zahn? hmm...ich fände es besser wenn der Kerl sein Leben lang arbeiten müßte und von seinem Lohn Schadenersatz zahlt.
2. Amene Bahrami...
mr_supersonic 04.10.2010
Zitat von sysopEin verschmähter Verehrer wurde Amene Bahrami zum Verhängnis: Der Mann spritzte ihr Säure ins Gesicht - seitdem ist sie blind und entstellt. Vor Gericht erwirkte die junge Iranerin, dass sie sich rächen und ihren Peiniger blenden darf. Wird Bahrami das grausige Urteil vollstrecken? http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,721058,00.html
...steckt wirklich in einer Zwickmühle. Hätte ich sowas erleben müssen, ich wüsste nicht ob ich die Größe hätte, dem Täter zu "verzeihen". Ich hätte jedenfalls vollstes Verständnis dafür. Schade finde ich, dass der Artikel nochmal extra erwähnt, wie "steinzeitlich" die Rechtssprechung im Iran ist. Die ist anders.
3. Keine Lynchjustiz!
Klo, 04.10.2010
Mein Herr, Rache ist kein Rechtsgut in einem Rechtsstaat. Damit werden Sie sich abfinden müssen. Es macht keinen Sinn, eine Art Lynchjustiz staatlich zu legalisieren. Ein Geblendeter Täter wird auch nur der Allgemeinheit auf der Tasche liegen. Da wäre in der Tat der Vorschlag von lebenslangen Strafzahlungen, notfalls als Haftarbeit, noch sinnvoller. Die Bestrafung muß hart sein, aber nicht brutal. Sonst können wir Recht samt Staat auch gleich abschaffen.
4. :-(
nichtWeich 04.10.2010
Zitat von KloMein Herr, Rache ist kein Rechtsgut in einem Rechtsstaat. Damit werden Sie sich abfinden müssen. Es macht keinen Sinn, eine Art Lynchjustiz staatlich zu legalisieren. Ein Geblendeter Täter wird auch nur der Allgemeinheit auf der Tasche liegen. Da wäre in der Tat der Vorschlag von lebenslangen Strafzahlungen, notfalls als Haftarbeit, noch sinnvoller. Die Bestrafung muß hart sein, aber nicht brutal. Sonst können wir Recht samt Staat auch gleich abschaffen.
Also dem Täter verzeihen und das Opfer auslachen? Niemals.... Den Täter zu lebenslangen Unterhalt verpflichten und die Op´s soll er auch bezahlen. Kann er das nicht, soll seine Familie bezahlen. Damit ist seine tolle Ehre im After.!
5. War ja klar...
lukeserious 04.10.2010
... dass gleich wieder jemand schreibt wie gerecht doch so eine Vergeltung sei und dass der Täter das ja verdient hätte und blablabla. Wenn ihnen diese Art der Rechtsprechung so gefällt, wieso konvertieren Sie dann nicht zum Islam und ziehen in ein Land, in dem die Scharia gilt? Ich bin mehr als froh, in einem Land zu leben, in dem es vernünftige und menschenwürdige Gesetze gibt, die nicht auf barbarischen, unmenschlichen und religiösen Ansichten beruhen. Mal ganz allgemein: Wie können Länder wie der Iran eigentlich erwarten von anderen Ländern ernst genommen und als gleichwertig anerkannt zu werden, wenn selbst deren offizielle Gesetzgebung und Rechtsprechung auf niedersten menschenverachtenden und unzivilisierten Prinzipien beruhen?
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Ehrenmorde in Deutschland
Offizielle Zahlen
48 Menschen wurden seit 1996 in Deutschland Opfer von sogenannten "Ehrenmorden" - das ergab im Mai 2006 eine Untersuchung des Bundeskriminalamts (BKA). 36 der Opfer waren Frauen. Ein Ehrenmord ist nach dem BKA-Bericht ein Mord, der "aus vermeintlich kultureller Verpflichtung heraus innerhalb des eigenen Familienverbands verübt wird, um der Familienehre gerecht zu werden".
Die meisten Fälle spielten sich in türkischen Familien ab. Die Täter waren zumeist Väter, Brüder oder Mütter der Opfer. "Blutrache-Delikte", die sich aus ähnlichen Motiven auch gegen nicht verwandte Opfer richten, gingen nicht in die Untersuchung ein.
Inoffizielle
Zu ähnlichen Zahlen wie das Bundeskriminalamt kommt die Organisation Terre des Femmes: Nach Auswertung von Zeitungsberichten gab es in Deutschland zwischen 1996 und 2005 mindestens 49 Ehrenmorde oder versuchte Morde wegen der vermeintlich verletzten Familienehre. Die Berliner Schutzeinrichtung Papatya hat alleine von Oktober 2004 bis Januar 2005 acht Ehrenmord-Opfer verzeichnet.
Dunkelziffer
Experten schätzen, dass die Dunkelziffer der Ehrenmorde sehr groß ist - denn viele der Morde tauchen nicht in der Zeitung auf oder werden nicht so zur Anzeige gebracht, dass sie als Ehrenmord zu identifizieren sind. Eine gesonderte Kriminalitätsstatistik über Ehrenmorde gibt es in Deutschland nicht.
International
In der Türkei sind nach Regierungsangaben in den vergangenen sechs Jahren etwa 1800 Frauen im Namen der Ehre ermordet worden - das heißt fast jeden Tag eine. Die Uno schätzt die Zahl der Ehrenmorde jährlich weltweit auf etwa 5000. Die höchste Ehrenmordrate hat Pakistan.

Islam
Geschichte
Der arabische Begriff "Islam" bedeutet "Unterwerfung", gemeint ist "unter den Willen Gottes". Er bezeichnet die jüngste der drei monotheistischen Weltreligionen. Der Islam entstand im siebten Jahrhundert auf der arabischen Halbinsel im heutigen Saudi-Arabien. Schon bald nach dem Tod des Propheten Mohammed stieg das islamische Reich zur Weltmacht auf.

Islam , Christentum und Judentum eint Vieles, zum Beispiel die zentrale Bedeutung der Beziehung zwischen Gott, dem Schöpfer, und dem Menschen, seinem Geschöpf. Auch spielen viele aus dem Alten und Neuen Testament bekannte Propheten eine Rolle im Islam.

Die fünf Säulen des Islam sind das Glaubensbekenntnis, das fünfmalige tägliche Gebet, die Spende an die Armen, das Fasten im Monat Ramadan und die Pilgerfahrt nach Mekka .

Über eine Milliarde Menschen bekennen sich zum Islam, in über 50 Staaten stellen Muslime die Mehrheit die Bevölkerung. Rund zehn Prozent der Muslime sind Schiiten, fast alle übrigen Sunniten.
Koran
"Koran" bedeutet in etwa "Das Vorzutragende" und beschreibt die Summe der Offenbarungen, die der Prophet Mohammed von Gott empfing - übermittelt durch den Erzengel Gabriel.

Bald nach dem Tod des Propheten (632 n. Chr.) begannen die Versuche, aus den bis dahin vor allem mündlichen Überlieferungen einen gemeinsamen, authentischen und schriftlich kodifizierten Koran zu kompilieren - ein Unternehmen, das erfolgreich war, denn heute gibt es zwar noch einige abweichende Lesarten des Koran, aber im Wesentlichen beziehen sich alle Muslime, egal ob Sunniten oder Schiiten, auf denselben Text.

Der Koran ist in Suren gegliedert, die wiederum aus Versen bestehen. Der Koran ist nach Länge der Suren geordnet - aber auch eine zeitliche Ordnung lässt sich einigermaßen sicher rekonstruieren. So unterschieden sich die sehr früh geoffenbarten Suren stilistisch und inhaltlich deutlich von den späteren, die weniger poetisch sind und zahlreiche klare Anweisungen enthalten.

Nach orthodox-islamischer Vorstellung ist der Koran (anders als die Bibel ) die wörtliche Rede Gottes - er ist deswegen unveränderlich und überall und zu jeder Zeit gültig. Das heißt aber nicht, dass er nicht der Interpretation zugänglich wäre: Zahllose islamische Gelehrte haben dem Koran in 14 Jahrhunderten immer wieder neue Facetten abgerungen und ihn für das tägliche Leben anwendbar gemacht.
Mohammed
Mohammed war der Empfänger des Koran : Ihm erschien der Erzengel Gabriel, er gab Gottes Offenbarung an die Mekkaner weiter. Die freilich wollten von der aufrührerischen neuen Lehre zunächst nichts wissen und ihren Polytheismus nicht aufgeben. Mohammed verließ seine Heimatstadt daraufhin und zog mit seinen ersten Unterstützern ins rund 300 Kilometer entfernte Yatrib, das spätere Medina. Dort stieg Mohammed bald zum Führer seiner stetig wachsenden Gemeinde auf. Schließlich schlossen sich auch die Mekanner dem Islam an.

Mohammed war Prophet, Richter, Heerführer und Herrscher in einer Person. Aber anders als etwa Jesus für die Christen ist er nach islamischer Ansicht weder sündenfrei noch mehr als ein Mensch gewesen. Gleichwohl gilt er den Muslimen als das beste Vorbild. Außer dem Koran sind die Sammlungen von Mohammeds Taten und Aussprüchen deshalb wichtige Texte für die islamische Glaubenspraxis und Rechtsfindung.

Mohammed entstammte einem verarmten Zweig eines wichtigen mekkanischen Stammes, den Koreischiten. Schon bevor ihm der Engel Gabriel erschien, soll er sich regelmäßig als Eremit zum Kontemplieren und Meditieren zurückgezogen haben - eine damals nicht völlig unübliche Praxis. Mit welchen anderen religiösen Vorstellungen Mohammed vertraut war, ob er Umgang mit christlichen oder jüdischen Religionsgelehrten hatte, ist ungewiss. Aber Mohammed war auch Kaufmann, er begleitete Karawanen, zum Beispiel in den syrischen Raum. Es ist wahrscheinlich, dass er dabei mit einer Vielzahl von Glaubensvorstellungen in Berührung kam.
"Corpus Coranicum"
Das Projekt "Corpus Coranicum", das an der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften angesiedelt ist, hat sich drei große Aufgaben gestellt: Zum einen soll die Entstehungsgeschichte des Korantextes nachvollzogen und dokumentiert werden. Dabei soll es auch darum gehen, frühe Handschriften mit Koranfragmenten auszuwerten und unterschiedliche Lesarten des Korantextes darzustellen. Zum Zweiten wird eine Datenbank von "Texten zur Umwelt des Koran" erstellt. Diese sogenannten Intertexte sollen helfen, das geistige Klima zu rekonstruieren, in dem der Koran entstand. Schließlich sollen die neuen Daten und Erkenntnisse in einem Buchprojekt zusammengeführt und gedeutet werden.

Das Projekt wird geleitet von der Berliner Professorin Angelika Neuwirth; die Arbeitstelle besteht derzeit aus vier Wissenschaftlern.
"Intertexte"
Mit diesem Begriff beschreiben Neuwirth und ihr Team Texte, die sich zu bestimmten Passagen des Korantextes in Beziehung setzen lassen - dabei kann es sich um alttestamentarische Texte handeln, aber auch um christliche, christlich-apokryphe, altarabische, hellenistische oder noch andere Texte handeln. Es geht allerdings ausdrücklich nicht darum, vermeintliche Quellen des Koran zu identifizieren - sondern eher die "Kontrastfolie" (Neuwirth) zu dem, was der Koran sagt.

Ein Beispiel für einen Intertext: "Sprich: Er ist Gott, einer", heißt es in der 112. Sure des Koran. Neuwirth setzt diese Stelle in Beziehung zum Alten Testament, Deuteronomium 6,4: "Höre Israel, der Herr ist unser Gott, der Herr ist einer".

Hier könne man sehen, wie der Koran Altes aufgreift, um Neues zu sagen, meint die Islamforscherin. So werde in der 112. Sure keine bestimmte Gemeinschaft mehr adressiert, wie zuvor noch die Juden ("Israel") in der alttestamentarischen Passage. Sondern es stehe da, in denkbar karger, aber umso deutlicherer Form: "Er ist Gott, einer".

Zugleich sei in diesem Fall durchaus von einer bewussten Anspielung des Koran auf Deuteronomium 6,4 auszugehen. Denn das Arabische "ist an dieser Stelle grammatikalisch geradezu falsch", so Neuwirth - dafür aber analog zu der hebräischen Passage gebildet.
Buchtipp

Ameneh Bahrami:
Augen um Auge
Ein Verehrer schüttete mir Säure ins Gesicht. Jetzt liegt sein Schicksal in meiner Hand.

mvg Verlag; 256 Seiten; 19,95 Euro.


Wie Menschen hingerichtet werden
Giftspritze
AP
Bei der Hinrichtung mit einer Giftspritze werden dem Verurteilten in der Regel drei Substanzen verabreicht: ein Narkosemittel, damit der Todgeweihte nichts spürt, ein Lähmungsmittel, damit sein Körper nicht zuckt, und schließlich das Salz Kaliumchlorid, damit das Herz aufhört zu schlagen. Dieses geschieht binnen zwei Minuten. Anfangs wurden die Substanzen manuell gespritzt, mittlerweile kommen Injektionsmaschinen zum Einsatz.

Bei der angeblich besonders "humanen" Hinrichtungsart können jedoch Probleme auftreten. Werden die Substanzmengen falsch berechnet oder die Mittel zu früh gemischt, verlängert sich der Sterbevorgang. Verzögert sich die Wirkung des Betäubungsmittels, ist das Opfer möglicherweise noch bei Bewusstsein, wenn die Lähmung der Lunge eintritt. Zudem kommt es vor, dass statt in eine Vene in Muskelfleisch injiziert wird - das Opfer erleidet dann starke Schmerzen.
Elektrischer Stuhl
AP
Die Hinrichtung mit dem elektrischen Stuhl wurde 1888 in den USA mit der Begründung eingeführt, sie sei humaner als das Erhängen. Das Opfer wird auf einen eigens dafür gebauten Stuhl geschnallt. Am Kopf und an den Beinen des Häftlings befestigen die Vollstrecker die Elektroden. Der Verurteilte wurde an diesen Stellen zuvor rasiert, damit ein optimaler Kontakt zwischen Elektroden und Körper besteht. Anschließend löst der Henker starke Stromstöße aus. Das Opfer stirbt durch Herzstillstand und Lähmung der Atemwege.

Die Stromschläge haben Verbrennungen der inneren Organe des Opfers zur Folge. "Oft werfen die Stromstöße den Gefangenen nach vorn in die angelegten Haltegurte; er uriniert, entleert den Darm oder erbricht Blut", berichtet Amnesty International. Die Luft sei vom Geruch verbrannten Fleisches erfüllt.
Gaskammer
Das Opfer wird in einer luftdichten Kammer an einen Stuhl geschnallt. Anschließend leiten Vollstreckungsbeamte Giftgas in den Raum, zum Beispiel Zyanid. Weil Zyanid ein Enzym in der Zellatmungskette hemmt, verhindert es die Sauerstoffversorgung des Körpers, der Betroffene erstickt.

Wenn der Todeskandidat das Zyanid jedoch nicht einatmet, weil er die Luft anhält, verzögert sich das Verfahren. Er kann auch langsamer atmen. Laut Amnesty International können lebenswichtige Organe noch für kurze Zeit weiter funktionieren, unabhängig davon, ob der Gefangene bereits bewusstlos ist oder nicht.
Strang
Der Gefangene bekommt eine Schlinge um den Hals gelegt und fällt anschließend in die Tiefe. Durch den Ruck des Stranges bricht das Genick, das Opfer wird bewusstlos. Diese Art der Hinrichtung erfordert ein hohes Maß an Erfahrung. Der Henker muss die Länge des Strickes so berechnen, dass der Fall des Körpers zu einem Genickbruch und damit zu einem schnellen Tod führt. Ansonsten kann der Kopf beim Fall auch abgetrennt werden - oder aber der Verurteilte erleidet einen grausamen Erdrosselungstod.

Nach Informationen von Amnesty International starben manche Opfer erst, nachdem die Wärter sie an den Beinen nach unten gezogen hatten.
Erschießen
DPA
Entweder eine Person oder ein ganzes Exekutionskommando schießen auf das Opfer. Dieses stirbt durch Verletzungen lebenswichtiger Organe wie beispielsweise des Herzens, durch Schädigung des zentralen Nervensystems oder durch Verbluten. Nach Angaben von Amnesty International ist der Kopfschuss in asiatischen und arabischen Ländern die am häufigsten angewandte Methode.

Bei gezielten Kopfschüssen wird das Opfer sofort bewusstlos. Treffen die Schützen jedoch stattdessen zuerst den Rumpf, ist es möglich, dass der Todgeweihte länger bei Bewusstsein bleibt.
Enthauptung/Guillotine
Diese Exekutionsmethode wird hauptsächlich in arabischen Ländern angewandt. Der Henker trennt mit einem Schwert den Kopf des Opfers ab. Wenn die scharfe Klinge die Wirbelsäule umgehend durchtrennt, wird der Verurteilte augenblicklich bewusstlos. Mitunter sind aber mehrere Hiebe notwendig, da das Schwert eine verhältnismäßig leichte Waffe ist. Die Dauer der Hinrichtung und damit auch der Qualen für den Hingerichteten hängt deshalb von der Kraft und Genauigkeit des Henkers ab.

Das Fallbeil, nach dem französischen Erfinder Guillotine genannt, wurde bereits im 18. Jahrhundert eingeführt - als "humane" Tötungsmaschine. Bis weit ins 20. Jahrhundert hinein wurden Menschen in Frankreich mit der Guillotine hingerichtet
Steinigung
Die Steinigung wird vor allem zum Vollzug von Todesstrafen auf Basis des islamischen Scharia-Rechts angewandt - etwa wegen Ehebruchs. In Iran ist die Steinigung als Hinrichtungsmethode gesetzlich vorgesehen. Das Opfer wird in der Regel vorher bis zum Hals in die Erde eingegraben. Der Tod tritt durch Ersticken oder durch Verletzungen am Kopf oder an anderen Körperteilen ein. Weil ein Mensch unter Umständen mehrere Steinwürfe übersteht, ohne das Bewusstsein zu verlieren, kann eine Steinigung ein langsames Sterben bewirken, konstatiert Amnesty International.

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