Vergewaltigung gefilmt Schockvideo entfacht Folterdebatte in Ägypten

Der Mann liegt am Boden, schreit und windet sich - er wird mit einem Stock vergewaltigt. Dieses Video, angeblich die Aufnahme einer Folterszene, entfacht in Ägypten eine Debatte über Folter, Gewalt und Polizeiwillkür. Menschenrechtler sagen: "Folter ist hier allgegenwärtig."


Hamburg - Ob das Video echt ist, hat bislang niemand bestätigen können. "Niemand wäre überrascht, wenn es echt wäre", sagte Elijah Zarwan, ein Berater der Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch. "Folter ist hier allgegenwärtig."

Szene aus Foltervideo: "Schon gut, Pascha, es tut mit leid, Pascha!"

Szene aus Foltervideo: "Schon gut, Pascha, es tut mit leid, Pascha!"

Auf dem Video, das seit einigen Wochen im Internet kursiert, ist ein Mann zu sehen, der von der Hüfte abwärts nackt ist. Er ist mit den Füßen an einem Seil an der Decke aufgehängt, der Oberkörper liegt am Boden. Ein Polizist vergewaltigt den Mann mit einem Besenstiel. Das Opfer schreit vor Schmerzen und ruft auf Arabisch immer wieder: "Schon gut, Pascha, es tut mir leid, Pascha!" Die Anrede ist ein im ägyptischen Dialekt oft verwendeter Ausdruck für einen Polizisten.

Mehrere Beamte stehen um den Gefesselten und seinen Peiniger herum und beobachten die Szene. Das Missbrauchsvideo ist nach Angaben von Menschenrechtlern nicht das erste dieser Art - sticht aber durch seine explizite sexuelle Gewalt heraus. Woher die Aufnahme stammt, ist unklar. Ein Blogger, der das Video zuerst auf seiner Website zeigte, behauptet, er habe es von einem Nachbarn erhalten, der es wiederum von jemandem per Bluetooth auf sein Handy überspielt bekommen habe.

"In diesem Land herrscht eine große Apathie"

Einen offiziellen Kommentar aus dem Innenministerium gibt es zu dem Video bislang nicht. Ein Anwalt des Zentrums für die Unabhängigkeit der Justiz, Naser Amin, hat Beschwerde bei der Staatsanwaltschaft wegen dieses Videos und zweier weiterer Folteraufnahmen eingelegt. Seinen Angaben zufolge haben die Ermittler seine Beschwerde ernst genommen. Mehrere Polizisten seien schon befragt worden.

Im Internet hat das Missbrauchsvideo eine Welle der Empörung hervorgerufen. Doch bisher beschränken sich die wütenden Reaktionen weitgehend auf das Internet, klagen Menschenrechtsaktivisten. Erst eine Zeitung habe über das Video berichtet. Die meisten Blätter sind in staatlicher Hand. Zu einer Demonstration gegen Folter und Willkür seien in der vorigen Woche nur wenige Dutzend Teilnehmer gekommen.

Die wenigsten Ägypter wissen offensichtlich von der Existenz des Videos. Diejenigen aber, die davon wissen, wollen die Debatte vorantreiben: "Die Aufnahme hat nicht die öffentliche Aufmerksamkeit bekommen, die es hätte haben sollen", sagt Bürgerrechtler Hisham Kassem. "In diesem Land herrscht eine große Apathie." Bei solchen Skandalen würden die meisten Leute nur mit den Schultern zucken und sagen, wie schrecklich das alles sei, "und das war's".

ffr/Reuters



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