Vergewaltigung in Dubai Wenn das Opfer zum Täter wird

Entführt, vergewaltigt, als Homosexueller kriminalisiert: Der Fall eines 15-jährigen Franzosen, der in Dubai von drei Männern missbraucht und vielleicht mit HIV infiziert wurde, sorgt für Empörung in Frankreich und Aufregung in den Emiraten. Jetzt begann der Prozess gegen die Täter.

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Hamburg - Touristenmagnet, Boom-City und Steuerparadies in einem: Dubai lockt seit Jahren Millionen von Ausländern in die Wüste am Persischen Golf. Doch nicht immer hält die glitzernde arabische Metropole, was sie an Modernität verspricht.

Vor dem Gerichtsgebäude in Dubai: Véronique Robert umarmt ihren Sohn Alexandre
REUTERS

Vor dem Gerichtsgebäude in Dubai: Véronique Robert umarmt ihren Sohn Alexandre

Dies musste ein 15-jähriger Franzose schmerzlich erfahren, als er am 14. Juli dieses Jahres mit einem Freund in das Auto eines ihm bekannten Dubaiers stieg, um sich von einem Einkaufszentrum nach Hause fahren zu lassen. In dem Wagen saßen seiner späteren Aussage zufolge noch zwei weitere Einheimische. Sie fuhren mit den beiden Franzosen in die Wüste, bedrohten sie mit einem Messer, hießen den einen, sich hinter einer Sanddüne zu verstecken, während sie den anderen im Auto der Reihe nach vergewaltigten.

Dann fuhren die Männer den misshandelten Alexandre Robert zurück in die Stadt und warfen ihn aus dem Auto - nicht ohne ihm eine Drohung mit auf den Weg zu geben: "Ich werde dein Haus niederbrennen und deine Eltern verbrennen, nachdem ich Sex mit deiner Mutter gehabt habe", soll einer der Männer laut Aussage des 15-Jährigen gesagt haben.

Alexandre alarmierte trotzdem sofort die Polizei und erstattete Anzeige. Drei Stunden lang vernahmen ihn die Ermittler, dann nahmen sie noch am selben Tag die drei Verdächtigen fest.

Jetzt standen die 18 und 35 Jahre alten mutmaßlichen Vergewaltiger in Dubai wegen Entführung und sexuellen Missbrauchs vor Gericht. Ein dritter, erst 17 Jahre alter Junge muss sich vor dem Jugendgericht verantworten. Alle Angeklagten plädieren auf nicht schuldig. Bei einer Verurteilung droht den Erwachsenen die Todesstrafe, der Minderjährige muss mit bis zu zehn Jahren Haft rechnen.

"Ich weiß, dass du homosexuell bist"

Für Alexandre Robert häuften sich nach dem Überfall die Probleme: Noch in der Tatnacht besuchte er eigenen Angaben zufolge einen Arzt, der ihn kurz untersuchte und das gefundene Sperma zur DNA-Analyse gab. Auf zusätzliche Blutuntersuchungen habe der Arzt damals verzichtet, hieß es. In seinen Bericht schrieb der Mediziner, er habe "keine Anzeichen einer Zwangspenetration" feststellen können. Zum Abschied habe er nach Angaben des Teenagers gesagt: "Ich weiß, dass du homosexuell bist. Du kannst es ruhig zugeben. Ich sehe das."

Was in westlichen Staaten als Diskriminierung und Vorurteil gilt, bekommt in Dubai ein vollkommen anderes Gewicht: Denn hier, in dem halbautonomen Stadtstaat der Vereinigten Emirate, ist jede Art von Homosexualität - egal ob freiwillig oder eine Vergewaltigung - ungesetzlich und kann mit Haftstrafen bis zu einem Jahr geahndet werden. Weil französische Diplomaten die Familie Robert auf diesen Tatbestand aufmerksam machten, verließ sie Anfang Oktober Dubai, den Ort, wo Alexandre zur Schule ging und sein Vater als Hotelmanager arbeitet.

"Homosexualität ist sowohl zivilrechtlich als auch gemäß der Scharia in den Vereinigten Arabischen Emiraten illegal", erklärt Regina Spöttl, Länderkoordinatorin für Saudi Arabien und die Golfstaaten bei Amnesty International. Zwar gebe es Entsprechungen zu den bürgerlichen Gesetzbüchern, wie wir sie kennen, diese basierten aber alle auf den islamischen Gesetzesvorschriften. Homosexualität sei dabei eines der großen gesellschaftlichen Tabuthemen und werde als Abweichung von der Norm, als Sünde und Krankheit begriffen: "Uns sind Fälle bekannt, in denen Männer, die für homosexuelle Aktivitäten verurteilt wurden, mit Hormonen behandelt wurden, um sie von dieser angeblichen Krankheit zu heilen", sagte Spöttl SPIEGEL ONLINE.

Es gebe diverse Gummiparagrafen wie unsittliches Verhalten oder Erregung öffentlichen Ärgernisses, die vor Gericht benutzt würden, um Haftstrafen zu verhängen. Immer wieder würden auch Auspeitschungen angeordnet, erklärt die Menschenrechtlerin.

Ein Schicksal, das dem 15-jährigen Alexandre hoffentlich erspart bleibt. Der "New York Times" sagte ein Vertreter der Generalstaatsanwaltschaft in Dubai, man habe nicht die Absicht, den jungen Franzosen strafrechtlich zu verfolgen. Vielmehr strebe man die Todesstrafe für die Täter an. "Dieses Verbrechen ist eine gegen die Gesellschaft gerichtete Schandtat", so der Sprecher.

Alexandre in Angst vor Aids

Ende August mussten die Roberts eine weitere Horrornachricht verkraften: Einer der mutmaßlichen Vergewaltiger ist HIV-positiv und an Hepatitis erkrankt - eine Tatsache, die von den Behörden in Dubai zunächst offenbar verschwiegen wurde. "Das war eine große Lüge", empörte sich die Mutter des Opfers, Véronique Robert, jahrelang Mitarbeiterin des TV-Senders "Canal Plus". Man habe wissentlich verhindert, dass ihr Sohn adäquat medizinisch behandelt wird, nur damit niemand erfahre, dass es Aids auch in den Emiraten gibt: "Die Regierung hat mit dem Leben meines Kindes gespielt", sagte sie beim Prozessauftakt vor Reportern.

Der Polizeichef von Dubai, Dahi Khalfan Tamim, wies die Vorwürfe von sich: "Dieser Fall ist ein Gerichtsfall. Ich glaube, sie (Frau Robert) beschuldigt einfach jeden." Weitere Kommentare wollte er nicht abgeben.

Dem Fernsehsender M6 France präsentierte die Journalistin vor laufenden Kameras Dokumente des Innenministeriums der Emirate, aus denen hervorgehen soll, dass die HIV-Infektion des mutmaßlichen Täters seit 2003 polizeibekannt war. Trotzdem hätten die Behörden ihr selbst sowie französischen Diplomaten mehrfach versichert, keiner der Angeklagten sei Virus-Träger. "Jetzt hängt auch noch das Damoklesschwert Aids über Alex", sagte die Mutter der "New York Times".

Zwar fiel der erste Aids-Test negativ aus. Gleichwohl können die Ärzte erst nach einer wiederholten Blutanalyse im Januar eine Prognose für Alexandre stellen. Der will weiter kämpfen: "Ich muss stark sein. Ich tue dies für alle anderen Kinder, die vergewaltigt wurden und nichts dagegen tun konnten", sagte er der "New York Times".

Véronique Robert setzte alle Hebel in Bewegung. Sie schaltete die eigene Website "boycottdubai.com", auf der sie die Vereinigte Arabischen Emirate auffordert, unverzüglich internationale Standards bei der Betreuung von Missbrauchs- und Vergewaltigungsopfern einzuhalten. Sie kontaktierte die französischen Diplomaten vor Ort und das Außenministerium in Paris. Einem unbestätigten Bericht der "New York Times" zufolge soll Präsident Nicolas Sarkozy noch im Juli erklärt haben, er erwarte von der Regierung der Emirate, dass der Fall "größte Aufmerksamkeit" bekomme.

Dubai reagierte und übertrug Anfang September einem neuen Staatsanwalt den Fall. Das Ergebnis: Die DNA-Proben konnten nach forensischer Untersuchung den drei Angeklagten zugeordnet werden.

Erst im April hatte der Premierminister der Arabischen Emirate, Scheich Mohammed Ibn Raschid al-Maktum, zugegeben, das Justizministerium hinke anderen Regierungsabteilungen um etwa 20 Jahre hinterher. Man müsse moderner werden und die "höchsten Standards von Transparenz und Verantwortung" schaffen. Die Medienaufmerksamkeit im Fall Robert wird sich zweifellos positiv auf eine mögliche Transparenz auswirken. Dubai ist sehr auf sein zeitgemäßes und fortschrittliches Image bedacht und reagiert sensibel auf internationale Kritik, die das Image der sauberen Boom-Region zu beschmutzen droht. Es werde ein faires Verfahren geben, versicherten die Behörden.

Währenddessen werden nicht nur in den örtlichen Medien neuerdings Rufe nach der Todesstrafe für die Täter laut: So berichtet der 23-jährige Student Ahmad aus Kaddoura im Gästebuch von boycottdubai.com über seine eigenen bitteren Erfahrungen als mehrfach missbrauchtes Kind, das nie Gerechtigkeit erfahren hat. Er bietet Alexandre seine Unterstützung an schließt mit den Worten: "Ich hoffe, die Täter werden hingerichtet, weil sie schon lange tot sind."

Mit Material von Reuters und AP



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