Gruppenvergewaltigung in Indien: Minister gibt Schweizer Touristen Teilschuld

AFP

Fünf Inder haben die Gruppenvergewaltigung an einer Schweizer Touristin gestanden. Bei ihnen wurden der Laptop und die Mobiltelefone der Frau und ihres Ehemannes gefunden. Der Innenminister des Bundesstaats Madhya Pradesh machte die beiden Touristen für die Tat mitverantwortlich.

Madhya Pradesh - Die Vernehmungen der Kleinbauern, die in der Nähe der indischen Tempelstadt Orchha ein Ehepaar aus der Schweiz überfallen haben sollen, dauern an, sagte ein Sprecher der Leitstelle im Distrikt Datia in Zentralindien am Sonntag. Bei den Männern im Alter zwischen 20 und 25 Jahren wurden Wertsachen des Schweizer Paares sichergestellt - darunter deren Laptop und deren Mobiltelefone. Ein sechster Verdächtiger wurde im benachbarten Bundesstaat Uttar Pradesh gefasst.

Die Männer werden beschuldigt, das Ehepaar im zentralindischen Bundesstaat Madhya Pradesh in der Nacht zu Samstag geschlagen und beraubt sowie die Frau mehrfach vergewaltigt zu haben. Die Dorfbewohner hätten ihre Beteiligung an der Gruppenvergewaltigung zugegeben, sagte ein Polizeisprecher am Sonntag. Der von den Tätern gefesselte Ehemann musste die Tat mitansehen.

Ein anderer Polizeisprecher sagte der Nachrichtenagentur Press Trust of India, insgesamt seien etwa 20 Menschen im Zusammenhang mit der Tat festgenommen und verhört worden. Indische Medien berichteten, die Vergewaltiger seien mit Stöcken bewaffnet gewesen.

Das Urlauberpaar war mit Fahrrädern auf dem Weg nach Agra, wo der berühmte Taj Mahal steht. In der Nähe der Tempelstadt Orchha, in einem abgelegenen Dorf rund 70 Kilometer von der Stadt Gwalior entfernt, hätten sie ihr Camp zum Übernachten aufgeschlagen, erklärte der Polizeipräsident des Distrikts, C. S. Solanki. Nach Aussage des Mannes überwältigten ihn die Täter, vergewaltigten seine Begleiterin und raubten ihnen ihre Wertsachen. Nach dem Überfall hielt das Paar laut einem Bericht der Schweizer Zeitung "SonntagsBlick" einen Motorradfahrer an, der sie zur nächsten Polizeiwache brachte.

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Vergewaltigte Touristin: Protest in Indien
Die 39-jährige Schweizerin wurde in ein Krankenhaus in der Stadt Gwalior gebracht. Nach einer ersten Untersuchung bestätigte das Hospital, dass die Frau mehrfach vergewaltigt wurde, wie der Sender NDTV berichtete. Fernsehbilder zeigten zahlreiche Polizisten, die das Waldstück durchkämmten. Nach Angaben eines Polizeisprechers begab sich das Paar am Sonntag auf den Weg in die Hauptstadt Neu-Delhi.

"Touristen missachten Regeln"

Unterdessen geriet der Innenminister des Bundesstaates Madhya Pradesh in die Kritik, weil er die beiden Schweizer für die Tat mitverantwortlich machte. Touristen würden oft die Regeln missachten, sagte Uma Shankar Gupta am Sonntag in Bhopal. "Wenn ausländische Touristen kommen, dann ... sollten sie die Polizeipräsidenten der Distrikte, die sie besuchen, über ihre Reisepläne informieren", sagte der Minister. Dann könne für ihre Sicherheit gesorgt werden.

Der Schweizer Botschafter sprach bereits am Samstag mit dem Opfer und ihrem Partner und sicherte ihnen jegliche erdenkliche Hilfe zu. In einer Mitteilung hieß es, die Botschaft sei "zutiefst erschüttert". Zunächst stünde die Gesundheit und Behandlung der Schweizerin im Vordergrund. Doch zugleich wurden die lokalen Behörden zu schnellen Ermittlungen aufgefordert. Die Täter müssten bestraft werden.

Vergewaltigungen und der respektlose Umgang mit Frauen sind ein großes gesellschaftliches Problem in Indien. Im Jahr 2011 zählten die Behörden rund 24.200 gemeldete Vergewaltigungen, die Dunkelziffer dürfte allerdings um ein Vielfaches höher liegen. Denn viele Frauen gehen nicht zur Polizei, weil sie mit der Veröffentlichung Schande über ihre eigene Familie bringen würden. Auch werden viele Anzeigen von der Polizei nicht aufgenommen, andere verlaufen im Sand. Und nur etwa ein Viertel der Angeklagten, die vor Gericht müssen, werden schließlich verurteilt.

Täter, die sich an indischen Frauen vergehen, haben also oft nichts zu fürchten. Touristinnen werden eher selten Opfer. Allerdings rät das Auswärtige Amt Reisenden, vor allem Frauen, vorsichtig zu sein. Im November vergangenen Jahres wurde eine Spanierin, die familiäre Bindungen nach Deutschland hat, in ihrer Wohnung in Mumbai überfallen und vergewaltigt. Und vor zehn Jahren war eine Schweizer Diplomatin in der Hauptstadt Neu-Delhi in ihrem Auto entführt und misshandelt worden. Der Fall ist bis heute nicht aufgeklärt.

Derzeit diskutiert Indien so intensiv wie wohl nie zuvor über die Vergewaltigungen und die Stellung der Frau. Losgetreten wurde die Debatte durch die brutale Misshandlung einer 23 Jahre alte Studentin, die in einem fahrenden Bus von einer Gruppe Männer vergewaltigt wurde und später an den Verletzungen starb. Das Verbrechen löste in Indien Massendemonstrationen aus und sorgte auch weltweit für Entsetzen. Ob sich die indische Gesellschaft dadurch ändert, wird im Land kontrovers diskutiert.

jjc/AFP/dpa

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