Gewalt gegen Frauen in Tansania Das doppelte Leid von Rukia

Eine 13-Jährige erzählt der Polizei, wie sie dreimal vergewaltigt worden sei. Die Beamten sperren sie in eine Zelle, am nächsten Morgen muss das Mädchen die Wache putzen. Der Fall aus Tansania zeigt, wie groß das Problem mit sexueller Gewalt gegen Frauen in Ostafrika ist.

Thilo Thielke

Aus Arusha berichtet


Schüchtern blickt das Mädchen auf den Boden. Ein Tuch bedeckt ihren Kopf. Unsicher blickt sie durchs Fenster auf das Treiben draußen auf der Straße. Seit einigen Monaten schon versteckt sich die 13-jährige Rukia J. bei Verwandten in Arusha, der Safaristadt im Norden Tansanias. So lange war sie auch nicht mehr in der Schule.

Rukia hat Angst. Angst vor ihrem Peiniger, der sie mehrmals vergewaltigt hat. Angst vor den Blicken der Nachbarn. Angst vor dem Gerede der Klassenkameraden.

Es war ein Taxifahrer, ein Mann in den Vierzigern, der gern auf jugendlich macht, so erzählen es Rukia und ihr Onkel Seif Singa. Der oft vor der kleinen Schule im Dörfchen Usa River herumlungerte, Rap-Musik hörte und poppige Klamotten trug. Dreimal soll er Rukia mit ins Tanzanite geschleppt haben, ein heruntergekommenes und eigentlich stillgelegtes Hotel am Highway. Dreimal soll er dort über das Mädchen hergefallen sein. Wenn es schrie, habe er ihr ein Kissen aufs Gesicht gedrückt.

Rukia hat nicht gelernt, sich zu wehren. Ihre Eltern starben früh an der Immunschwächekrankheit Aids. Seitdem wuchs sie bei der Großmutter auf. Doch die alte Frau bekam nicht allzu viel mit von dem, was um sie herum passierte. Geredet wurde nicht viel. Über Sex, Aufklärung, Vergewaltigungen, die alltäglich sind in den patriarchalischen Gesellschaften Ostafrikas, schon gar nicht.

Der Täter bot der Familie 500 Euro Schweigegeld

Was der Mann da genau tat, wusste Rukia gar nicht. Sie merkte nur, dass irgendetwas nicht stimmte. Sie fühlte sich krank und schwach. Und als sie das zu Hause erzählte, sagte die Oma nur, sie solle sich aufs Bett legen und ausruhen.

Irgendwann hielt Rukia es nicht mehr zu Hause aus. Mitten in der Nacht rannte sie fort, brach bewusstlos auf der Straße zusammen, wurde zurück nach Hause geschleppt. In den Taschen des Mädchens fanden die Angehörigen die Telefonnummer des Taxifahrers, und nun, endlich, dämmerte ihnen etwas. Sie riefen die Polizei.

Für Rukia setzte sich das Leiden fort.

Zunächst berichtete sie den Polizisten, was geschehen war. Wie der Taxifahrer versucht habe, die 13-Jährige mit Limonade ins Auto zu locken. Wie er sie vergewaltigt und ihr den Mund zugehalten habe, wenn sie schreien wollte. Ihr gedroht habe, sie müsse jetzt regelmäßig mit ihm schlafen, weil es ihr sonst schlecht erginge.

Doch auf der Wache wollten sie davon nicht viel wissen. Sie luden den Taxifahrer dazu. Der bot der Familie umgerechnet 500 Euro Schweigegeld. So schildern es Rukia und Seif Singa. Normalerweise wäre der Fall damit erledigt gewesen. Doch die Familie des Mädchens bestand nun auf ein Protokoll, auf eine medizinische Untersuchung, einen Aidstest. Sie wollten jetzt, dass der Täter zur Rechenschaft gezogen wird.

In einem Raum mit ihrem Peiniger

Eine ärztliche Untersuchung, die später ergeben sollte, dass sich Rukia zum Glück nicht mit HIV infiziert hatte, ließen die Schutzleute noch zu. Doch dann sperrten sie das Mädchen in eine Zelle, berichtet Seif Singa. Angeblich zu ihrem Schutz - in Wirklichkeit, um sie unter Druck zu setzen. Um 4 Uhr morgens wurde sie demnach geweckt und in einen anderen Raum gebracht - ausgerechnet zu ihrem Vergewaltiger. Der habe geschrien und gedroht, wenn sie ihre Anzeige nicht zurückzöge, blieben sie beide bis zum Ende ihres Lebens im Kerker.

Schließlich gab Rukia nach und unterschrieb einen vorformulierten Bericht, in dem stand, dass sie den Taxifahrer noch nie in ihrem Leben gesehen habe. Daraufhin wurde Rukia von einem Polizisten ein Wischmob gebracht: Erst wenn sie die Wache und die Zellen gereinigt habe, könne sie nach Hause gehen.

Die Schilderungen von Rukia und ihrem Onkel erinnern an einen Fall, der sich vor kurzem in Kenia zutrug. Dort war ein 16-jähriges Mädchen, das Liz genannt wird, von sechs jungen Männern vergewaltigt und halb bewusstlos in eine Latrine geworfen worden. Statt die Täter zu bestrafen, forderten die Polizisten die Männer auf, das Gras vor dem Revier zu mähen. Danach konnten sie unbehelligt wieder gehen. Der Fall geriet an die Öffentlichkeit. Ein Arzt hatte einen jungen Reporter der Tageszeitung "Nation" informiert. Sein Artikel geriet in die Hände einer Frauenaktivistin in Nairobi. Die schaltete das internationale Online-Netzwerk Avaaz ein.

Über die alltägliche Gewalt gegen Frauen erfährt man nicht viel

Binnen weniger Wochen wurden Millionen Unterschriften gesammelt, es gab sogar Demonstrationen auf den Straßen der kenianischen Hauptstadt, und mittlerweile hat sich ein Richter in Kenia des Skandals angenommen. Gut möglich, dass tatsächlich etwas passiert.

Auch Rukia hatte einen Beistand. Ihr Onkel Seif Singa, 49, hörte, was seiner Nichte zugestoßen war, und seitdem kämpft er gegen die Mühlen der tansanischen Bürokratie. Mittlerweile hat er eine Staatsanwältin in Arusha gefunden, die sich mit den faden Ausreden der Dorfpolizisten nicht zufriedengeben will. Es ist ein mühevoller Kleinkrieg um ein bisschen Gerechtigkeit.

Die Fälle Liz und Rukia sind keine Ausnahmen. Zwar wird immer wieder über brutale Vergewaltigungen etwa aus dem kongolesischen Kriegsgebiet berichtet. Doch über die alltägliche Gewalt, der Frauen in Afrika ausgesetzt sind, erfährt man nicht viel. Ebenso wenig über die unglaubliche Passivität oder sogar Parteilichkeit zugunsten der Täter, mit der Polizisten in vielen ostafrikanischen Ländern auf die Taten reagieren.

So hat eine Untersuchung in tansanischen Krankenhäusern ergeben, dass unter den jungen Mädchen, die eine Abtreibung vornehmen ließen, fast ein Drittel von Männern geschwängert worden war, die bereits älter als 45 Jahre waren. 60 Prozent aller tansanischen Frauen seien regelmäßiger häuslicher Gewalt ausgesetzt, so die Organisation Advocates for Youth. Unicef hat herausgefunden, dass fast ein Drittel aller tansanischen Mädchen unter 18 Jahre sexuelle Gewalt erfahren hat, und die Weltgesundheitsorganisation, dass mehr als 40 Prozent aller tansanischen Frauen zum ersten Sex in ihrem Leben gezwungen worden waren.



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Seite 1
svfox 25.11.2013
1. Studien hinweis
Bericht ab Seite 8 zeigt ein enorm hohes Ausmaß an sexullere Gewalt in dieser afrikanischen Region gegen Kinder und Jugendliche. http://www.africanchildforum.org/site/images/stories/ACPF_violence_against_children.pdf Zudem zeigt der Bericht auch, dass auch weitere Formen von Gewalt gegen kinder (meist durch elternfiguren) unglaublich weit verbreitet in Afrika sind. Und dies hat ganz sicher Folgen, sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich/politisch.
astrowurm 25.11.2013
2. Spruch
Zitat von svfoxBericht ab Seite 8 zeigt ein enorm hohes Ausmaß an sexullere Gewalt in dieser afrikanischen Region gegen Kinder und Jugendliche. http://www.africanchildforum.org/site/images/stories/ACPF_violence_against_children.pdf Zudem zeigt der Bericht auch, dass auch weitere Formen von Gewalt gegen kinder (meist durch elternfiguren) unglaublich weit verbreitet in Afrika sind. Und dies hat ganz sicher Folgen, sowohl individuell als auch gesamtgesellschaftlich/politisch.
Es gibt einen Spruch: "Die starken Männer Afrikas sind die Frauen". Leider ist die lockere Haltung von Vergewaltigungen in ganz Afrika verbreitet. OK, wir haben auch Indien, welches in den letzten Monaten in der Presse ist. Es beweist aber auch: Die Männer in diesen Ländern sind sich vom Typ her ähnlich. Liegen gerne unter einem Baum, tun nichts und halten sich für den Nabel der Welt. Dies kann man auch bei Regierungsoberhäupern dieser Staaten sehen. Siehe Südafrika. Wer wirklich etwas bewirkt, trotz aller Wiederstände, sind die Frauen. Wie ich in Namibia beobachten konnte, wird bei Projekten, die Frauen unterstützen, mehr erreicht als bei Männern. Männer kaufen sich erst mal ein Moped, Frauen bauen Schulen bzw. Krankenstationen. Und ja, ich habe genug Männer in Naminia unter Bäumen gesehen.
paoloDeG 25.11.2013
3. In Tansania und überall!
Nicht nur in Tansania, sondern überall! In einem Artikel am 23.04.2012 von Spiegelonline : “Die UNO hat erstmals den Jahresumsatz von organisiertem Verbrechen, Drogenschmuggel und Menschenhandel berechnet. Das Ergebnis: Mit einer Summe von 2,1 Billionen Dollar liegt die organisierte Kriminalität etwa gleichauf mit dem Bruttoinlandsprodukt von Großbritannien – und wächst weiter.” Wenn man die Gewinne von Prostitution, Pedophilie, Pedopornographie, Pornographie, Racket und Erspressung von Geld und Gut, Recycling von schmutzigem Geld, Geldwäscherei, Korruption, u.s.w. dazu rechnet es sind 4,4 Billionen Dollar! Nicht mal in den Westlichen Welt kämpfen die Staaten gegen die Acse des Bösen, sondern sie vermitteln “Ein Gefühl der Straflosigkeit”! Europa ist also nicht verschont! Besonders In Frankreich in Cannes haben die Mädchen, die Frauen kein Recht, den Mann zu wählen, ohne das sie beleidigt, bedrängt und entführt werden von den hypergewaltsamen mafiosen, terroristischen islamistischen Netzen! Die Opfer sind, junge Damen, Mädchen und kleine Mädchen für die sexuelle Ausnutzung, gezwungene Islamisierung, gezwungenen Heiraten, Menschenhandel, Organ- und Gewebehandel, Drogenhandel, Diebstähle, Erpressungen, u.s.w.! Die Opfer werden mit physischen, psychologischen Foltern und mit gezwungene Verabreicherung von Drogenr beherrscht.Die Opfer haben niemals die Chance sich zu befreien, weil mit "unsichtbaren Handschellen" gefangen gehalten! Alle diese Organisationen von Verbrechern und Terroristen sind bis zu den Zähnen bewaffnet und sie reißen sich 60milliards Euros unter den Nagel pro Jahr in Frankreich und 500milliarden in Europa und sie bezahlen keine Steuern! Sie verstecken das Geld überall, in den SteuerParadiesen auch! Es gibt sehr viel Geld im Spiel, daß Leute aller Sprachgemeinschaften treibe, diese kriminellen Netze zu unterstützen! Diese Achse des Bösen, mit internationalen Verknüpfungen, unterhält sehr gute Beziehungen mit den Behörden, mit der Geschäftswelt u.s.w aufrecht! Alle diese kriminelle Organizationen finden Hilfe und Unterstützung auf allen Ebenen der Gesellschaft, Mitschuld der Finanzwelt, der politischen Macht, auf allen Staatsebenen und Stadtverwaltungen! Die Korruption macht sie unbesiegbar! Diese Unterwerfung wird durch eine Reihe von Organisationen gebaut, das die Kette der Transaktionen einrichtet, sich auskennt, und ihre gute Abwicklung durchbringt! Es ist die Korruption, dass die Verwurzelung des Übels möglich macht! „Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ Wenn ich Präsident-EU wäre, anstatt die EU-Kommission und EU-Parlament die nichts geleistet haben, wie ich im Februar 2006 in meinem Website geschrieben habe; ich würde den Aufstand und einen Krieg führen gegen das Chaos, die wilde Globalisierung, gegen die durch Liberalismus getarnte Anarchie, gegen Terrorismus und seinen Netzwerken organisierter Kriminalität, gegen Korruption, gegen die organisierte Finanzkriminalität, gegen das organisierte Verbrechen u.s.w.!
privat23 25.11.2013
4. Wer will
Zitat von sysopThilo ThielkeEine 13-Jährige erzählt der Polizei, wie sie dreimal vergewaltigt worden sei. Die Beamten sperren sie in eine Zelle, am nächsten Morgen muss das Mädchen die Wache putzen. Der Fall aus Tansania zeigt, wie groß das Problem mit sexueller Gewalt gegen Frauen in Ostafrika ist. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/vergewaltigung-in-tansania-13-jaehrige-musste-wache-putzen-a-934715.html
hier mit dem Finger auf andere zeigen. Laut Dunkelzifferstudie, werden z.b in NRW nur 4%!!! aller Sexuallstraftaten angezeigt.
am.pochiero 25.11.2013
5.
oha einfach nur grausam!!!!!
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