Gruppenvergewaltigung in Indien Jüngster Beschuldigter soll besonders brutal gewesen sein

Fünf Männer sind im Fall der vergewaltigten indischen Studentin wegen Mordes angeklagt. Ein sechster Beschuldigter, Jüngster der Gruppe, soll sich laut Polizei besonders barbarisch verhalten haben. Er könnte in wenigen Monaten wieder frei sein.

Demonstrationen in Indien: Mehr Sicherheit für Frauen gefordert
AP

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Neu-Delhi - Die Vergewaltigung der 23-jährigen Inderin war offenbar geplant. Jeder der Beschuldigten habe bei der Tat eine bestimmte Rolle gespielt, zitierte die Zeitung "Indian Express" den Staatsanwalt Rajiv Mohan. "Deswegen sind sie alle gleich haftbar für das Verbrechen." Gegen fünf mutmaßliche Täter wurde am Donnerstag Anklage wegen Entführung, Mordes, Gruppenvergewaltigung und Vernichtung von Beweismaterial erhoben.

Laut einem Bericht der "Hindustan Times" soll der sechste Beschuldigte, Jüngster der Gruppe und bislang nicht angeklagt, noch brutaler als die anderen Angeklagten vorgegangen sein. Der polizeilichen Anklageschrift zufolge vergingen er und der Angeklagte Ram S. sich zweimal an dem Opfer - auch, als die Studentin schon bewusstlos war. Der Jugendliche und der Busfahrer seien am barbarischsten vorgegangen, zitiert die Zeitung einen Polizisten.

Der Name des jüngsten Angeklagten wird aus rechtlichen Gründen nicht bekannt gegeben, weil er noch minderjährig sein soll. Ein Dokument seiner Schule weist ihn laut Polizei als jünger als 18 Jahre aus. Tests sollen zeigen, ob er nicht doch schon volljährig ist - bislang hat die Polizei von Neu-Delhi dazu noch keine Ergebnisse.

Sollte sich erweisen, dass er volljährig ist, droht ihm wie seinen mutmaßlichen Komplizen die Todesstrafe. Sollte er dagegen tatsächlich minderjährig sein, würde gegen ihn nach Jugendstrafrecht verhandelt.

Das könnte sich für ihn als Rettung erweisen. Laut der Zeitung "Times of India" sehen Indiens Gesetze vor, dass verurteilte Minderjährige in gesonderten Haftanstalten untergebracht werden. Wenn sie 18 werden, können sie dort nicht länger inhaftiert bleiben. Gleichzeitig können aber Straftäter, die nach Jugendstrafrecht verurteilt wurden, nicht in ein Gefängnis für Erwachsene verlegt werden.

Mutmaßliche Täter aus ärmlichen Verhältnissen

Über den jüngsten Beschuldigten ist kaum etwas bekannt. Er soll 2007 nach Neu-Delhi gezogen sein. Seine mutmaßlichen Mittäter sind zwischen 19 und 35 Jahren alt - wobei Altersangaben variieren. Die Männer sollen aus ärmlichen Verhältnissen stammen:

  • Ram S.: Der 35-jährige Witwer gilt als Anführer der Gruppe und stammt ursprünglich aus dem westlichen Bundesstaat Rajasthan. Die Polizei und Nachbarn seiner derzeitigen Behausung in einem Armenviertel im Süden Neu-Delhis beschreiben ihn als gewalttätigen Alkoholiker. Er soll den Bus, in dem sich die Vergewaltigung ereignete, regelmäßig gefahren haben. Vielfach wurden in dem Fahrzeug Kinder zur Schule gebracht. In manchen Quellen wird sein Alter mit 33 Jahren angegeben.
  • Mukesh S.: Der 26-Jährige ist der Bruder von Ram S. Er arbeitet gelegentlich als Fahrer und Reiniger des Busses. Er soll an der Gruppenvergewaltigung beteiligt gewesen sein und die junge Frau sowie ihren Freund mit einer Eisenstange geschlagen haben.
  • Vinay S.: Der 20-Jährige arbeitet als Fitnesstrainer. Der Zeitung "The Hindu" zufolge gibt er zu, den Freund der indischen Studentin geschlagen zu haben. Er bestreitet aber, an der Vergewaltigung beteiligt gewesen zu sein.
  • Akshay T.: Der 28-Jährige stammt aus dem verarmten Bundesstaat Bihar im Osten Indiens. Dort wurde er am 21. Dezember festgenommen. Er hilft ebenfalls bei den regulären Fahrten des Busses aus. Ihm wird auch vorgeworfen, versucht zu haben, Beweismittel verschwinden zu lassen, da er nach der Vergewaltigung bei der Reinigung des Fahrzeugs half. T.s Alter wird in manchen Quellen mit 24 Jahren angegeben.
  • Pawan G.: Der 19-Jährige ist Obstverkäufer. Berichten von "The Hindu" zufolge sagte er bei einer früheren Gerichtsanhörung, er habe etwas "Schreckliches und Schlimmes getan".

In den vergangenen Tagen kamen immer wieder Details an die Öffentlichkeit, die sich allmählich zu einem Gesamtbild fügen. Anhand von Zeugenaussagen, Polizei- und Medienberichten lässt sich die Vergewaltigung grob rekonstruieren.

Demnach verbrachten die Angeklagten ihren freien Sonntag zunächst damit, Alkohol zu trinken. Dann sollen sie beschlossen haben, mit einem Bus eine Spritztour zu machen. Ram S. ist nach übereinstimmenden Medienberichten werktags der Fahrer des Busses, der einem Fuhrunternehmer gehört.

Während die Männer angetrunken aufbrechen, gehen die 23-Jährige und ein fünf Jahre älterer Freund ins Kino. In einem der neuen Einkaufszentren im Süden der Hauptstadt sehen die Studentin und der Ingenieur "Schiffbruch mit Tiger", wie der Nachrichtensender NDTV berichtet.

"Alkohol und der Widerstand des Opfers haben ihn durchdrehen lassen"

Es ist nach 21 Uhr, als sie sich auf den Weg nach Hause machen. An einer Haltestelle wartet laut Polizei der Bus mit dem Kennzeichen DL-1PC-0149. Einer der Insassen - offenbar der jüngste Angeklagte - soll sich als Busschaffner ausgegeben haben. Er habe die beiden in das Fahrzeug gelockt und behauptet, man fahre das gewünschte Ziel an. 20 Rupien (knapp 30 Cent) soll er kassiert haben. Am Steuer soll der Bruder des Busfahrers gesessen haben.

Das Fahrzeug setzt sich in Bewegung, neben den sechs Männern sind nach Polizeiangaben nur die Frau und der Freund an Bord. Die Zeitung "The Hindu" berichtet, zunächst habe der Freund protestiert, weil der Bus von der Route abgewichen sei. Dem Polizeibericht zufolge beginnen die Männer daraufhin, ihn mit einer Eisenstange auf Kopf, Arme und Beine zu schlagen. Als die Frau einschreitet, ist ihr Schicksal besiegelt.

Die "Times of India" berichtet, der Frau sei es zunächst gelungen, Ram S. zu beißen. "Er sagt, als sie sich wehrte und seine Hand biss, sei er sehr wütend geworden", erzählt ein Ermittler der Zeitung aus dem Verhör. "Alkohol und der Widerstand des Opfers haben ihn durchdrehen lassen."

Während der Bus ziellos durch die Stadt fährt, wird die 23-Jährige vergewaltigt und misshandelt. Mit der Eisenstange fügen ihre Peiniger ihr so schwere innere Verletzungen zu, dass Ärzte später einen Teil des gerissenen Darms entfernen müssen.

Nach rund einer Stunde Fahrt sollen die Täter ihren Opfern Geld und Handys abgenommen, sie ausgezogen und an einer Schnellstraße aus dem Bus geworfen haben. Die Nachrichtenagentur IANS berichtet, die Männer hätten dann noch versucht, die beiden zu überfahren. Dem 28-Jährigen sei es gelungen, die Freundin zur Seite zu ziehen. Er überlebt verletzt. Sie kämpft 13 Tage lang um ihr Leben - dann stirbt sie in einem Spezialkrankenhaus in Singapur.

ulz/dpa/AFP

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