Vergewaltigungsfall in Indien: Ende der Ignoranz

Fünf Anklagen wegen Mordes sind eingereicht, den mutmaßlichen Tätern droht die Todesstrafe - die Justiz in Indien hat ungewöhnlich schnell auf die Vergewaltigung einer 23-jährigen Studentin reagiert. Der Fall hat eine Dynamik entwickelt, die die Gesellschaft des Landes verändern könnte.

Prozess in Neu-Delhi: Eine Vergewaltigung empört Indien Fotos
AP

Neu-Delhi - Die Justiz hat reagiert. Schnell, ungewöhnlich schnell für Indien. Weniger als drei Wochen nach der Vergewaltigung einer Studentin in Neu-Delhi, an deren Folgen die 23-Jährige starb, stehen ihre mutmaßlichen Peiniger vor Gericht, angeklagt unter anderem wegen Mordes. Es bedurfte offenbar einer dermaßen entsetzlichen Tat, um in Indien eine Veränderung anzustoßen. Jetzt hoffen nicht nur Frauenrechtlerinnen, dass das Verbrechen gegen die Studentin zu einem Wendepunkt im Kampf gegen sexuelle Übergriffe und Gewalt gegen Frauen werden könnte.

Denn wer als Inderin nicht das Glück hat, zu den Reichen, Prominenten und Mächtigen oder zumindest zur aufstrebenden Mittelklasse zu gehören, ist der männerdominierten Welt ziemlich schutzlos ausgeliefert. Vergewaltigungen oftmals armer Frauen auf dem Land sind Alltag, fanden aber bislang kaum öffentliche Beachtung. Sexuelle Belästigung wird häufig als Kavaliersdelikt abgetan.

Die verstorbene 23-Jährige verkörperte die neue Generation des Landes, die aus ärmlichen Verhältnissen in die Mittelschicht strebt. Indische Medien berichteten, ihr Vater - ein Arbeiter - habe ihr das Studium ermöglicht, indem er ein Stück Land verkaufte. Sie sei in der Schule unter den Besten gewesen und habe in ihrem Viertel in Neu-Delhi als Vorbild gegolten. "Die ganze Nachbarschaft war stolz auf sie", zitierte der "Sunday Express" einen Freund des Opfers aus der Gegend. Sie habe studieren und es im Leben zu etwas bringen wollen, "um ihrer Familie eine bessere Zukunft zu ermöglichen".

Alle 18 Stunden eine Vergewaltigung in Neu-Delhi

Nicht nur wegen der unvorstellbaren Grausamkeit des Verbrechens mitten in der Hauptstadt, sondern auch, weil die Studentin für die neue Mittelschicht-Generation stand, erfährt ihr Fall so ungeheuer große Aufmerksamkeit. Er schärft das Bewusstsein für ein bislang wenig beachtetes Problem: Sexuelle Gewalt gegen Frauen ist in Indien an der Tagesordnung. In Neu-Delhi wird Polizeiangaben zufolge im Schnitt alle 18 Stunden eine Frau vergewaltigt, andere sexuelle Übergriffe werden alle 14 Stunden registriert.

Einer Studie der Organisation TrustLaw zufolge ist Indien der Staat unter den 20 führenden Entwicklungs- und Schwellenländern, in dem die Rechte der weiblichen Bevölkerung am wenigsten geschützt werden. Bei knapp 90 Prozent der im Jahr 2011 offiziell erfassten 256.329 Gewaltdelikte waren eine oder mehrere Frauen Opfer.

Männer müssen für Vergehen an Frauen kaum Konsequenzen fürchten. Bei vielen Vergewaltigungen kommt es gar nicht erst zum Prozess, weil der soziale Druck auf Familien von Opfern immens ist - und die Frauen oft selbst für Übergriffe verantwortlich gemacht werden. Viele Opfer trauen sich nicht, ihre Peiniger anzuzeigen, weil sie die schwerfällige Justiz und die Reaktionen männlicher Polizisten fürchten. Die Behörden weigern sich, Anzeigen anzunehmen und üben Druck auf die Frauen aus, einen Kompromiss mit den Vergewaltigern zu finden. Und wenn es zum Prozess kommt, verschleppen Gerichte die Fälle oft jahrelang.

Bislang nahmen die Medien des Landes selbst von Gruppenvergewaltigungen kaum Notiz. Die Tat vom 16. Dezember jedoch schockierte Indien. Seither hat sich die Berichterstattung über Vergewaltigungen intensiviert. Zudem ist in dem Land eine Diskussion über den gesellschaftlichen Stellenwert von Frauen entbrannt. Täglich kämpfen Tausende auf den Straßen für mehr Frauenrechte.

Der Fall wird politisch

"Unsere eigene Unfähigkeit starrt uns ins Gesicht", twitterte etwa die bekannte Bollywood-Schauspielerin Shabana Azmi, nachdem sie vom Tod der Studentin erfahren hatte. "Möge ihr Schicksal der Weckruf sein, den unser Land braucht." Auch Bollywood-Superstar Shah Rukh Khan meldete sich via Twitter zu Wort: "Ich bin so traurig, dass ich Teil dieser Gesellschaft und Kultur bin." Er schäme sich, ein Mann zu sein. Bemerkenswerte Worte für jemanden, der zum in Indien bevorzugten Geschlecht gehört. Mädchen werden häufig abgetrieben, so dass nur 940 Frauen auf 1000 Männer im Land kommen. In Neu-Delhi sind es sogar nur 866 Frauen, wie aus offiziellen Statistiken hervorgeht.

Der Fall hat längst politische Dimensionen angenommen - und erste Veränderungen bewirkt. Opfer sexueller Gewalt können seit dem 1. Januar eine spezielle Hotline anrufen. Außerdem soll es in der Hauptstadt mehr Beleuchtung geben und öffentliche Busse besser überwacht werden. Daneben versucht die Polizei, mehr Frauen für ihren Dienst auszubilden, damit es Vergewaltigungsopfern leichter fällt, sich an die Behörden zu wenden.

Die Regierung hat zwei Kommissionen eingesetzt, die Vorschläge zur Verbesserung der Sicherheit von Frauen erarbeiten solle. Eines der Gremien soll bereits im Januar Empfehlungen veröffentlichen. Bislang sind dazu rund 17.000 Vorschläge aus der Bevölkerung eingegangen.

Der Vater der vergewaltigten 23-Jährigen forderte, neue Gesetze gegen Sexualverbrechen zu Ehren seiner Tochter zu benennen. "Sie ist diejenige, die geopfert wurde", sagte er im Dorf Mandwara Kalan im Bundesstaat Uttar Pradesh. Die Studentin war in dem Dorf geboren worden und später mit ihrer Familie nach Neu-Delhi gezogen.

"Perverse, beschämende" Zustände

Die regierende Kongresspartei erwägt einen Gesetzesvorstoß zur chemischen Kastration von Vergewaltigern. Das gehöre zu einem Katalog schärferer Strafen, die diskutiert würden, berichtete unter anderem die "Economic Times". Zudem sollen Vergewaltiger nicht mehr auf Kaution freikommen und schnell vor Gericht gestellt werden. Die Vorsitzende der Kongresspartei, Sonia Gandhi, versprach noch mehr Engagement ihrer Partei gegen die "perversen, beschämenden" Zustände in der Gesellschaft, die es Männern erlaubten, Frauen ungestraft zu belästigen und zu vergewaltigen.

Ein Bewusstseinswandel ist in der Tat auch in der politischen Klasse notwendig. Nach einer Studie der Gesellschaft für Demokratische Reformen (ADR) sind in den vergangenen fünf Jahren 27 Männer bei Wahlen in Indien angetreten, obwohl gegen sie wegen Vergewaltigung ermittelt wird. 260 weitere gaben demnach zu, dass sie wegen Gewalt gegen Frauen angeklagt sind.

Ein Beispiel für die Entrücktheit der politischen Klasse lieferte auch der Sohn von Präsident Pranab Mukherjee. Diese hübschen Frauen, die jetzt mit Kerzen auf den Straßen protestierten, seien gar keine Studentinnen, sagte Abhijit Mukherjee einem Fernsehsender. Sie seien doch "ausgestopft und angemalt" und suchten die Kameras. Er sei selbst einmal Student gewesen und wisse, dass Studentinnen einen ganz anderen Charakter hätten.

Ein Zeichen der Veränderung könnte ein Vorfall im nordöstlichen Bundesstaat Assam sein. Dort wurde ein führendes Mitglied der Kongresspartei von Dorfbewohnern gefasst und schließlich von Polizisten verhaftet. Der Politiker soll eine Frau vergewaltigt haben. Fernsehbilder zeigten, wie Frauen um den Mann herumstanden - und ihn verprügelten.

ulz/wit/dpad/dpa/AP

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Vergewaltigungsfall in Indien - Chronologie
16.12.2012 Vergewaltigung
Eine 23-jährige Medizinstudentin wird in einem Bus in Neu Delhi von sechs Männern vergewaltigt. Die Täter misshandeln die Frau und einen Freund, der sie begleitet, mit einer Eisenstange.
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Die Polizei nimmt vier Verdächtige fest, zwei weitere folgen später. Das Opfer schwebt mit einer schweren Hirnverletzung und inneren Verletzungen im Krankenhaus weiter in Lebensgefahr.
18.12. Erste Demonstrationen
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23.12. Viele Verletzte
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25.12. Polizist stirbt
Ein Polizist, der bei den Demonstrationen verletzt worden war, stirbt im Krankenhaus.
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Die indische Regierung ordnet eine Untersuchung des Falls an. Die Kommission soll mögliche Versäumnisse der Polizei und anderer staatlicher Stellen herausfinden. Sie soll auch Maßnahmen für mehr Schutz und Sicherheit von Frauen vorschlagen.
27.12. Opfer kommt in Spezialklinik
Der Gesundheitszustand der 23-Jährigen verschlechtert sich rapide. Sie wird nach Singapur in eine Spezialklinik ausgeflogen.
29.12. Studentin stirbt
Die junge Frau stirbt an Organversagen. Die sechs verdächtigen Männer werden des Mordes beschuldigt. Tausende demonstrieren erneut gegen sexuelle Gewalt und für mehr Frauenrechte.
30.12. Bestattung des Opfers
Die Leiche der vergewaltigten Inderin wird in Neu Delhi nach traditionellen Riten verbrannt. Zwischen Demonstranten und Polizei kommt es erneut zu Auseinandersetzungen.
3.1.2013 Anklage wegen Mordes
Die Justiz erhebt Anklage wegen Mordes gegen fünf Beschuldigte.

Fläche: 3.166.414 km²

Bevölkerung: 1213,370 Mio.

Hauptstadt: Neu-Delhi

Staatsoberhaupt:
Pranab Mukherjee

Regierungschef: Narendra Modi

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