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Vergewaltigungsvorwurf: Kachelmann-Anwalt legt Haftbeschwerde ein

In den Fall Jörg Kachelmann kommt Bewegung. Der Anwalt des Wettermoderators, der wegen Vergewaltigungsverdacht im Gefängnis sitzt, will Haftbeschwerde einlegen. Der Freiheitsanspruch seines Mandaten werde auf "skandalöse Weise" missachtet, sagt er.

Jörg Kachelmann: Die Karriere eines Wettermanns Fotos
ddp

Köln - ARD-Wettermoderator Jörg Kachelmann sitzt inzwischen bereits seit mehr als drei Monaten in Untersuchungshaft. Nun geht die Verteidigung deutlich in die Offensive: Sein Anwalt will vor dem Oberlandesgericht Karlsruhe die Freilassung erreichen. Reinhard Birkenstock legte bei dem Gericht Beschwerde gegen die Haft ein, wie die Kanzlei am Dienstagabend in Köln mitteilte. Damit entfalle der für Freitag angesetzte Haftprüfungstermin vor dem Landgericht Mannheim.

Birkenstock stützt sich bei seiner Beschwerde auf mehrere Gutachten. So habe eine psychologische Sachverständige aus Bremen festgestellt, dass an der Aussage der Freundin gegen Kachelmann massive Zweifel bestünden. Eine absichtliche Falschbelastung sei möglich.

Ein rechtsmedizinisches Gutachten komme außerdem zu dem Ergebnis, dass die angebliche Vergewaltigung nicht stattgefunden haben könne und darum erfunden sein müsse. "Die Verteidigung sieht den Freiheitsanspruch ihres Mandanten auf skandalöse Weise missachtet", erklärte Birkenstock. Man befürchte, dass die Mannheimer Justiz "die Täterin der Falschbeschuldigung" mit dem Haftbefehl gegen Kachelmann schütze. Die Staatsanwaltschaft äußerte sich zunächst nicht zu den Vorwürfen.

Ursprünglich war für kommenden Freitag ein Haftprüfungstermin geplant. Nach Darstellung der Verteidigung lehnte die Strafkammer aber ab, bei diesem Termin die Sachverständigen oder die Freundin Kachelmanns anzuhören. "Zur Aufklärung von Grund und Zustandekommen der Falschbeschuldigung der Anzeigeerstatterin kann Herr Kachelmann aus eigener Wahrnehmung nichts beitragen. Schließlich war er nicht zugegen, als die Anzeigeerstatterin ihre Geschichte erfand", sagte Birkenstock. Der Jurist zog nach eigenen Worten seinen Haftprüfungsantrag zurück, weil nur dann Beschwerde gegen die Haft eingelegt werden kann.

Vorwurf der Vergewaltigung

Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte Mitte Mai Anklage gegen Kachelmann erhoben. Sie wirft ihm Vergewaltigung in Tateinheit mit gefährlicher Körperverletzung vor. Kachelmann soll seine Freundin, die sich der Staatsanwaltschaft zufolge von ihm trennen wollte, in deren Schwetzinger Wohnung mit einem Küchenmesser bedroht und zum Sex gezwungen haben. Der Moderator sitzt seit dem 20. März in Mannheim in Untersuchungshaft. Der 51-Jährige bestreitet die Vorwürfe.

Eine neue Wendung nahm der Fall Anfang Juni, als Details der Gutachten bekannt wurden, die Kachelmann entlasten könnten. Nach Informationen des SPIEGEL geht aus einem von der Staatsanwaltschaft in Auftrag gegebenen sogenannten aussagepsychologischen Gutachten hervor, dass die Schilderungen der Ex-Freundin, wonach Kachelmann sie in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt haben soll, eklatante Mängel aufweisen. In dem Gutachten, auf das sich nun offenbar auch Rechtsanwalt Birkenstock beruft, stellt eine Bremer Psychologin fest, das mutmaßliche Opfer stelle Sachverhalte dar, die handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich seien. Damit sei allerdings noch keine Falschaussage erwiesen.

Die Staatsanwaltschaft hatte bereits Anklage erhoben, bevor dieses Gutachten zu den Aussagen des mutmaßlichen Opfers vorlag. Aber auch in Kenntnis des Gutachtens habe sie keine Veranlassung, die Tat anders zu bewerten, sagte ein Behördensprecher nach Bekanntwerden des Berichts. Der Inhalt sei in der Öffentlichkeit verkürzt dargestellt worden.

ler/apn

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
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1. Titelchen
Nils Meier, 29.06.2010
Wieso kann Kachelmann nicht bis zur Verhandlung auf freien Fuss gesetzt werden? Wiederholungsgefahr? Fluchtgefahr ins Wetterland? Einstweilige Verfügung re Sicherheitsabstand, Pass wegenehmen, weiterbeamtenverwalten, fertig. Das ein Mensch (unschuldig oder nicht) ohne Verurteilung und bei unzweifelhaften Beweisen für 3 Monate weggeschlossen werden kann ist nicht akzeptabel.
2. ist schon komisch
coitusveritatis 29.06.2010
Zitat von sysopIn den Fall Jörg Kachelmann kommt Bewegung: Der Anwalt des Wettermoderators, der wegen Vergewaltigungsverdacht im Gefängnis sitzt, will Haftbeschwerde einlegen. Der Freiheitsanspruch seines Mandaten werde auf "skandalöse Weise" missachtet. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,703689,00.html
normalerweise ist die Haftbeschwerde ja freilassungsverzögernd, wegen der langen Bearbeitungszeit. irgendwas ist da faul das es beim Kachelmännchen noch nicht zur Freilassung aus Mangel an Beweisen gekommen ist.
3. Augen zu und durch?
Tango, 29.06.2010
Zitat von sysopIn den Fall Jörg Kachelmann kommt Bewegung: Der Anwalt des Wettermoderators, der wegen Vergewaltigungsverdacht im Gefängnis sitzt, will Haftbeschwerde einlegen. Der Freiheitsanspruch seines Mandaten werde auf "skandalöse Weise" missachtet. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,703689,00.html
Da hat der Kollege Recht. Jeder, der auch nur einen Funken Ahnung von Beweiswürdigung hat hat, kann über die Justiz hier nur den Kopf schütteln. Nicht nur die eigene Prozesserfahrung, auch die Aussagewissenschaft hat längst erwiesen, dass die Zeugenaussage das unsicherste aller Beweismittel ist. Handelt es sich beim Zeugen auch noch um einen betrogenen Lover, dessen Aussage sich schon in wichtigen Details als erlogen erwiesen hat, ist der Beweis mausetot, ohne dass hier noch groß Glaubwürdigkeitsgutachten eingeholt werden müssten. Schon im Normalfall von "Aussage gegen Aussage" ist der Beweis nicht erbracht. Ist die Aussage des einzigen Belastungszeugen auch noch von den vorstehend geschilderten Problemen belastet, ist sie wertlos. Die Justiz tickt hier einfach nicht ganz richtig.
4. Unschuldsvermutung
weltbetrachter 29.06.2010
Egal was am Ende dabei herauskommt. Bis zu einem Endurteil gilt die Unschuldsvermutung. Es gilt in der Demokratie dieses Landes die Regel eines rechtsstaatlichen Verfahrens. Ohne Ansehen der beteiligten Personen - weder einen Promibonus noch eine härtere Bestrafung wegen eines Promistatus. und das ist gut so !
5. 3 Monate geduldigen Wartens
National-Oekonom, 29.06.2010
musste der Anwalt seinem Mandanten auferlegen, in der Erwartung, dass sich die Staatsanwaltschaft "selbst entschärfen" würde. Wenn nur 50% von dem stimmt, was seitdem vorgefallen ist, kann man davon ausgehen, dass es der Staatsanwaltschaft nun an einem geeigneten Vortrag mangelt. Der Höhepunkt ist das letzte Gutachten, welche "Erinnerungslücken" erklärt. Hauptsache, man kann die Zeugin ihre Aussagen unter Eid ablegen lassen, schließlich ist evtl. Widersprüchen (bisher schon nachgewiesen) vorgebeugt, da erklärbar und nicht mehr unter dem Vorwurf des Meineids aufgreifbar. Da das Landgericht Mannheim sich dafür offenbar nicht interessiert (Gutachten spielen keine Rolle, man tauscht sich nur in kleinster Runde aus ), setzt die Verteidigung auf die Haftbeschwerde. Man kann nur hoffen - auch unter Würdigung der höchst streitigen "Fluchtgefahr" - dass das Gericht entscheidet, Kachelmann sofort auf freien Fuß zu setzen. Das hat natürlich mit dem eigentlichen Verfahren nichts zu tun und der Be (An?)geschuldigte wird sich jeder Aussage bis dato enthalten. Es bleibt also spannend.
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Chronik
20. März 2010 - Festnahme
Jörg Kachelmann, Meteorologe, Moderator und Schweizer Staatsbürger, wird nach seiner Rückkehr aus Kanada am Frankfurter Flughafen festgenommen. Er gehörte zum Team der ARD bei den Olympischen Spielen in Vancouver. Kachelmann soll seine Ex-Freundin in der Nacht zum 9. Februar vergewaltigt haben.
22. März 2010 - Gegenklage
Kachelmanns Anwalt weist die Vergewaltigungsvorwürfe als "frei erfunden" zurück. Der Moderator kündigt an, "wegen falscher Anschuldigung" Klage zu erheben. Aus Sicht der Staatsanwaltschaft besteht jedoch dringender Tatverdacht.
23. März 2010 - Unschuldbeteuerung
Kachelmann beteuert seine Unschuld: "Er hat die ihm vorgeworfene Tat nicht begangen", teilen seine Kölner Anwälte auf ihrer Web-Seite mit.
24. März 2010 - Beim Haftrichter
Bei einem Termin beim Haftrichter in Mannheim bestreitet der TV-Wetterexperte die Vergewaltigung erneut. Der Haftrichter entscheidet jedoch, dass er vorerst in Untersuchungshaft bleiben muss. Kachelmann ruft wartenden Reportern zu: "Ich bin unschuldig."
27. März 2010 - Soko Flughafen
Nach Informationen des SPIEGEL war die Festnahme des Moderators von langer Hand geplant: Eine "Soko Flughafen" hat die Aktion drei Wochen lang vorbereitet, um möglichst wenig Aufsehen zu erregen.
4./5. Mai 2010 - Neue Ermittlungen
Kachelmanns Anwalt beantragt, den Haftbefehl aufzuheben. Eine Entscheidung darüber vertagt der Haftrichter jedoch. Zunächst müssten weitere Ermittlungsergebnisse vorliegen.
15. Mai 2010 - Korrektur der Vorwürfe
Nach Informationen des SPIEGEL hat die Ex-Freundin des Schweizers einen Teil ihrer Anschuldigungen zurückgenommen. Den Vorwurf der Vergewaltigung hält sie aufrecht.
17. Mai 2010 - Anklageerhebung
Die Mannheimer Staatsanwaltschaft erhebt Anklage wegen Vergewaltigung in einem besonders schweren Fall und Körperverletzung.
2. Juni 2010 - Entlastende Gutachten
In einem Gutachten zur Glaubwürdigkeit des mutmaßlichen Opfers kommt die Bremer Psychologin Luise Greuel zu dem Schluss, dass die Schilderung der Vergewaltigung nicht die Mindestanforderungen an die logische Konsistenz, Detaillierung und Konstanz erfülle. Das mutmaßliche Opfer könne die Tat selbst bei eingehender Befragung nur vage und oberflächlich wiedergeben. Es würden auch Sachverhalte dargestellt, die handlungstechnisch unwahrscheinlich bis unmöglich seien.
15. Juni 2010 - Haftbefehl bleibt
Das Landgericht Mannheim teilt mit, dass die Strafkammer erst später über den Antrag von Kachelmanns Verteidigung auf Aufhebung des Haftbefehls entscheiden werde. Es müsse erst noch eine weitere Stellungnahme des Verteidigers geprüft werden.
25. Juni 2010 - Neuer Haftprüfungstermin
Das Landgericht Mannheim entscheidet, dass am 2. Juli ein Haftprüfungstermin stattfinden soll. Dabei werde auch Kachelmann erneut gehört.
29. Juni 2010 - Haftbeschwerde
Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock legt beim Oberlandesgericht Karlsruhe Haftbeschwerde ein. Damit fällt der Haftprüfungstermin am 2. Juli aus. Mit einer Entscheidung aus Karlsruhe wird Mitte Juli gerechnet.
1. Juli 2010 - Weiter in U-Haft
Das Landgericht Mannheim lehnt einen Antrag auf Aufhebung des Haftbefehls ab. Kachelmann bleibt in Untersuchungshaft.
29. Juli 2010 - Entlassung aus der U-Haft
Das Oberlandesgericht Karlsruhe ordnet an, dass Kachelmann sofort aus der Untersuchungshaft entlassen werden muss. Begründung: "Im derzeitigen Stadium des Verfahrens besteht kein dringender Tatverdacht mehr."
6. September 2010 - Beginn Hauptverhandlung
Erster Verhandlungstag im Kachelmann-Prozess: Das Mannheimer Landgericht muss klären, ob der Moderator tatsächlich eine Ex-Freundin vergewaltigt hat. Bei einer Verurteilung drohen dem Wetter-Moderator bis zu 15 Jahre Haft.
Prozessverlauf
Am 29. November 2010 gibt Kachelmanns Anwalt Reinhard Birkenstock sein Mandat an Johann Schwenn ab. Über die Gründe für diesen überraschenden Schritt schweigt er.
Der Prozess wird sich voraussichtlich länger hinziehen: Zunächst war der 21. Dezember 2010 als letzter Prozesstag vorgesehen, dann wurden bis Ende März 19 weitere Termine reserviert - und nun wird voraussichtlich bis Mai verhandelt. Der Grund: Die zuständige Kammer will mindestens noch an sechs Tagen verhandeln - im April wird es allerdings voraussichtlich keine Termine geben, da Kachelmann drei Wochen nach Kanada reist, um dort Kinder aus einer früheren Ehe zu besuchen. Der Besuch sei notwendig, da er ansonsten sein Besuchsrecht verliere, begründete die Verteidigung die Unterbrechung.


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