Verhinderter Amokläufer "Wir wollten verletzen und töten"

Außenseiter, Problemschüler, Mobbingopfer: Mitschüler von Rolf B. und Robin G. wollen schon lange etwas geahnt haben. Reagiert haben sie im allerletzten Moment - gerade noch rechtzeitig, um am Kölner Georg-Büchner-Gymnasium einen Amoklauf zu verhindern.


Köln - Das seltsame Gefühl hatten einige Schüler des Kölner Gymnasiums schon länger, diesen Verdacht, ihr Klassenkamerad Rolf B. könne etwas im Schilde führen. "Er hatte keine Freunde, niemand wollte etwas mit ihm zu tun haben", zitiert der Kölner "Express" eine Mitschülerin. Nach dem Amoklauf an einer finnischen Schule vor knapp zwei Wochen hatten sich die Jugendlichen darüber unterhalten, "wer an unserer Schule für so eine Tat in Frage käme", berichtet eine weitere Schülerin. "Alle waren sich einig: Der Rolf, der ist auch so ein komischer Einzelgänger, der irgendwann durchdreht."

In der vergangenen Woche wandten sich die besorgten Mitschüler an die Schulleitung - und die informierte am Freitag die Polizei: Auf der Website eines Schülerforums zeige Rolf B., 17, Bilder des Amoklaufs von Columbine - dort hatten zwei Jugendliche im April 1999 zwölf Schüler, einen Lehrer und sich selbst getötet.

In einem Gespräch konfrontierten die Polizisten Rolf B. mit den Vorwürfen - er erklärte sich bereit, die Bilder aus dem Forum zu entfernen. Dann, auf dem Nachhauseweg, warf sich B. vor eine Straßenbahn. Er starb im Krankenhaus.

Bei Befragungen der Mitschüler stellt sich heraus: B. plante zusammen mit Robin G., 18, einen Amoklauf. Morgen sollte die Tat stattfinden. In der Wohnung von G. finden Beamte eine Liste mit 17 Namen von Lehrern und Schülern. "Ja", gesteht der Jugendliche, "wir wollten verletzen und töten, und uns danach selbst töten."

Bei weiteren Durchsuchungen entdecken die Ermittler zwei Armbrüste mit 16 Pfeilen und mehrere Softair-Waffen. Außerdem sollen sich die beiden Teenager darüber informiert haben, wie man Rohrbomben und Molotowcocktails baut. Der "Express" zitiert einen Gymnasiasten, der sich an eine Nachfrage G.s vor einigen Wochen erinnert: "Kannst du mir eine Waffe besorgen?"

Der Hintergrund des Plans liegt noch im Dunkeln. Rolf B. galt nach Angaben der Polizei als unauffällig, lebte in gutbürgerlichen Verhältnissen, machte keinen Ärger. "Er war uns nicht als gefährlich oder gefährdend bekannt", sagte Kripo-Chef Norbert Wagner dem "Kölner Stadt-Anzeiger". Mitschüler beschreiben B. laut "Express" allerdings als krassen Außenseiter: "Er und seine Schwester wurden von vielen gemobbt." Auch Robin G. fiel am Georg-Büchner-Gymnasium auf. Laut Polizeisprecher Wagner passt G. "ins klassische Raster" des jugendlichen Amokläufers: "Ein Einzelgänger. Er hat schulische Probleme, Schwierigkeiten mit Mitschülern, er fühlte sich gemobbt." Die beiden Zwölftklässler B. und G. hätten sich seit Jahren gekannt, sagt der Sprecher dem "Stadt-Anzeiger".

"Zutiefst erschreckend"

Robin G. soll heute einem Haftrichter vorgeführt werden. Die Polizei hat die Computer der beiden Schüler sichergestellt. Von der Auswertung der Dateien erhoffen sich die Ermittler weitere Hinweise auf die Motive.

Der Unterricht am Georg-Büchner-Gymnasium fällt heute aus. Die Lehrer wollen in einer Konferenz über das weitere Vorgehen beraten.

"Der verhinderte Amoklauf darf nicht folgenlos bleiben", teilte ein Sprecher der Landesschülervertretung Nordrhein-Westfalen gestern Abend mit. Die Schüler fordern härtere Auflagen für den Besitz von Waffen sowie mehr Sozialarbeiter und Psychologen an den Schulen. "Wir finden es zutiefst erschreckend, was in diesen Köpfen vor sich ging", teilte Landesschülervertreter Johannes Struzek mit.

Morgen jährt sich der Amoklauf eines schwer bewaffneten Ex-Schülers der Realschule im münsterländischen Emsdetten. Bei der Tat waren am 20. November 2006 insgesamt 37 Menschen verletzt worden, sechs von ihnen durch Schüsse des Täters Bastian B. Der 18-Jährige hatte mehrere selbst gebaute Rohrbomben und Rauchkörper gezündet, bevor er sich in dem Schulgebäude mit einem Kopfschuss selbst tötete.

ffr/dpa/AFP



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