Verhungerte Lea-Sophie: "In diesem Fall Pech gehabt"

Das Entsetzen über den Tod der fünfjährigen Lea-Sophie aus Schwerin ist groß, das Jugendamt steht in der Kritik. Oberbürgermeister Norbert Claussen stellt sich schützend vor die Mitarbeiter der Behörde - und bietet eine befremdliche Interpretation des Geschehens.

Schwerin - Von Schuldzuweisungen will Schwerins Oberbürgermeister nichts wissen: Das Jugendamt könne nicht jede Familie kontrollieren, sagte Norbert Claussen (CDU) heute bei einer Pressekonferenz. "Es hätte in jeder anderen Stadt passieren können, und der, dem es passiert ist, hat in diesem Fall Pech gehabt", fügte Claussen hinzu.

Pech hatte Lea-Sophie aus Schwerin. Sie wog am Tag ihres Todes gerade noch sieben Kilo. Die Haare waren der Fünfjährigen büschelweise ausgefallen, sie war wundgelegen, stank nach Fäkalien, in denen sie hatte liegen müssen. Ihre Eltern ließen das Kind verhungern und verdursten.

"Tief erschüttert", so ließ Bundeskanzlerin Angela Merkel über ihren Sprecher ausrichten, sei sie über das, was dem Mädchen widerfahren sei. Eine Gefühlslage, die wohl die Mehrheit der Deutschen teilen dürfte angesichts der Qualen, die Lea-Sophie in ihrem kurzen Leben erlitt.

Die Eltern des Mädchens sitzen seit gestern in Untersuchungshaft, in der Kritik steht auch das Jugendamt Schwerin. Mitarbeiter der Behörde hatten offenbar Kenntnis von Problemen in Lea-Sophies Familie, in Augenschein nahmen sie das Mädchen jedoch nicht.

Laut Stadtverwaltung ging acht Tage vor dem Tod Lea-Sophies ein anonymer Hinweis beim Jugendamt ein, in dem sich mutmaßlich ein Nachbar um das Wohl des acht Wochen alten Bruders von Lea-Sophie sorgte. Jugendamtsmitarbeiter trafen die Familie bei einem unangemeldeten Besuch nicht an, hinterließen aber eine Nachricht.

Die Eltern erschienen am nächsten Tag mit ihrem augenscheinlich gut versorgten Kleinkind beim Jugendamt und führten ein längeres Beratungsgespräch. Sie behaupteten dabei, dass ihre Tochter bei Bekannten sei. Der Sozialarbeiter fragte den Angaben zufolge mehrfach nach und überprüfte einen Teil der Informationen auch "im Umfeld" der Familie. Er kam zu dem Schluss, dass für Lea-Sophie keine "akute Gefährdung des Kindeswohl" bestehe.

Der Mitarbeiter habe mit den Informationen, die ihm vorlagen, "eine subjektiv richtige Entscheidung getroffen, die am Ende objektiv falsch war", sagte Claussen. Sozialdezernent Hermann Junghans (CDU) erklärte: "Wir erkennen nicht, dass der Mitarbeiter zwingend hätte anders handeln müssen."

Der verantwortliche Sozialarbeiter mache sich nun schwere Vorwürfe, sagte Junghans. "Ich mache mir große Sorgen." Der seit Jahrzehnten "erfahrene Mitarbeiter" habe den Fall der Familie zusammen mit einem jüngeren Kollegen betreut.

Laut Jugendamt habe keiner der beiden zu wenig Zeit gehabt oder sei überlastet gewesen. "Vorschriftsmäßig, ordnungsgemäß und sachgerecht" sei das Verhalten der Jugendamtsmitarbeiter gewesen, sagte Oberbürgermeister Claussen.

Inzwischen sind nach Angaben der Staatsanwaltschaft weitere Anzeigen gegen das Jugendamt eingegangen. Nach Angaben des Amtes werden dessen Mitarbeiter seit Tagen beschimpft.

pad/dpa

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