Verhungerte Sarah: "Ich mache diesen Job, um so eine Tragödie zu verhindern"

Aus Thalmässing berichtet

Ihr Bruder war kräftig, sie selbst verhungerte in ihrem Kinderzimmer: Im Fall der dreijährigen Sarah überließ das Jugendamt nach jahrelanger Betreuung die Familie sich selbst. Der Behördenleiter ist tief getroffen - will aber keinen Fehler gemacht haben.

Manfred Korth erlebt in diesen Tagen das, wovor er 25 Jahre lang Angst hatte: Ein schutzbedürftiger Mensch stirbt - und er, Leiter des Kreisjugendamts Roth, muss sich fragen, ob er oder seine Mitarbeiter das hätten verhindern können. Die dreijährige Sarah R. verhungerte in ihrem Zuhause in Thalmässing nahe Nürnberg.

Man sieht dem promovierten Pädagogen an, dass er seit Sarahs Tod kaum geschlafen hat. Korth war einer der ersten, der von Sarahs bedrohlichem Zustand erfuhr. Und einer der ersten, denen ihr Tod mitgeteilt wurde. Seither ist er unzählige Male die Akte von Angela R. und ihrem Ehemann Patrick durchgegangen, auswendig kann er Details rezitieren - persönlich gesehen hat Korth weder die kleine Sarah, ihren ein Jahr älteren Bruder Dominik noch deren Eltern.

Im Januar 2005 landete der Fall erstmals auf Korths Schreibtisch: Ein anderes Jugendamt informierte ihn und sein Behörde, dass Angela R. ins mittelfränkische Thalmässing umgezogen war. "Es könnte Probleme geben", hieß es. Korth und seine Mitarbeiter erfuhren: Der damals 22-Jährigen waren bereits zwei Kinder weggenommen worden. Nun sei sie erneut schwanger und habe einen neuen Lebenspartner. Der allerdings sei nicht der Vater des Kindes.

Mehr Informationen bekam das Kreisjugendamt Roth nicht. Die Akten blieben - so ist es üblich - im Archiv des zuvor zuständigen Jugendamts. Ein Grund, warum es bei gefährdeten Elternpaaren laut Korth oft zu einem regelrechten "Umzugstourismus" kommt: Die Unterlagen ziehen mit Betroffenen nicht um, unangenehme Altlasten lassen sich so leichter abschütteln.

"Ich hätte nichts dagegen, diese Verfahrensweise zu ändern", sagt Korth. "Auch wenn es in diesem Fall nichts geändert hätte, weil wir von Anfang an in die Familie rein sind."

Wenige Wochen nach dem Umzug, im Februar 2005, kam Dominik zur Welt. Ab März arbeitete das Jugendamt mit Hilfe der Diakonie eng mit der kleinen Familie zusammen. Jugendamtschef Korth schätzt die Kooperation mit freien Trägern - "gegenseitige Kontrolle ist dadurch gewährleistet".

Die Arbeit mit der Familie sei anfangs mühsam gewesen, entnimmt Korth den Akten. Auch das sei normal in solchen Fällen: Die Betroffenen haben alte Erfahrungen mit Jugendämtern kaum verarbeitet, geben oft ihnen die Schuld, dass - wie auch im Fall Angela R. - Kinder aus den Familien genommen und in ein Heim gebracht wurden. "Sie waren skeptisch, introvertiert." Doch die Skepsis wich schnell dem Wunsch nach einem intakten Familiengefüge - notfalls mit fremder Hilfe.

"Man muss diesen Menschen auch eine neue Chance geben"

Im Mai 2006 kam Sarah zur Welt. Ihre Eltern gaben sich sichtlich Mühe, selbständig für das Wohl beider Kinder zu sorgen. Trotzdem kümmerten sich Fachkräfte zweimal pro Woche für je zwei Stunden intensiv um das Ehepaar R. und seine Kinder. "Von Beginn an war nie eine Gefährdung oder Misshandlung der Kinder da", betont Korth.

Ab April 2007 wurde die vierköpfige Familie sich selbst überlassen, endlich wollten sie auf eigenen Beinen stehen, sich nicht mehr bevormunden lassen. "Man muss diesen Menschen auch eine neue Chance geben", sagt Korth und reißt hoffnungsvoll die müden Augen auf. Der 54-Jährige mit den schulterlangen, graumelierten Haaren und dem stoppeligen Vollbart gehört zu den unkonventionellen und doch professionellen Pädagogen.

Viele Jahre arbeitete er mit straffälligen Jugendlichen, seit 25 Jahren ist er beim Jugendamt in Roth angestellt, seit 15 Jahren dessen Leiter, verantwortlich für 30 Mitarbeiter. "Ich mache diesen Job mit großer Leidenschaft." Den einen oder anderen hat Korth auch schon zwangsversetzt. "Das gab Ärger, aber ich merkte, die brennen mir sonst aus."

"Ich habe mich bewusst für diesen Beruf entschieden - gerade, um so eine Tragödie zu verhindern." Sarahs Tod hat ihn im Mark erschüttert. Wie muss es erst dem Mitarbeiter gehen, der die Familie persönlich kannte und betreute? Es gehe dem Kollegen, selbst mehrfacher Vater, sehr schlecht, sagt Korth. "Ständig kreisen wir in unserem Job um die Frage: Nehmen wir die Kinder aus der Familie - oder nicht?"

Im Fall der Familie R. fiel die Entscheidung leicht. Dominik entwickelte sich prächtig: Der blonde Junge wirkte proper, fast mopsig. Mit Beginn seines dritten Lebensjahrs marschierte er fröhlich in den Kindergarten und freute sich, wenn ihn seine Mutter abholte. Die junge Frau habe sich rührend um ihn gekümmert und alle Elternabende besucht, sagte die leitende Erzieherin. Für Dominik wäre eine Frühförderung sinnvoll gewesen, auch diesbezüglich habe Angela R. immer Ratschläge angenommen.

"Der Bub wurde nicht vernachlässigt", sagt Korth. "Es gab auch für die Erzieherinnen keinerlei Hinweise dafür, dass die Mutter mit der Situation nicht fertig wird, vor allem, weil für Dominik augenscheinlich gut gesorgt wurde."

Dass Patrick R. nicht dessen leiblicher Vater war, habe keine Rolle gespielt. Das Paar heiratete Monate nach der Geburt. Besonders Patricks Mutter baute ein inniges Verhältnis zu Dominik auf. Bei den Großeltern ist der Vierjährige auch momentan untergebracht. Aus Angst, zur Verantwortung gezogen zu werden, haben sie sich nun einen Anwalt genommen.

Wussten die Großeltern, wie es um Sarah steht? Welchen Platz hatte das Mädchen in ihrem Leben, welchen in ihrem Herzen? Korth schüttelt traurig den Kopf. "Ich weiß nur, dass wir in solchen Patchworkfamilien eher darum kämpfen, dass gerade die Kinder aus anderen Beziehungen nicht nach draußen gedrängt werden. Aber in diesem Fall ist alles anders."

Auch das Erscheinungsbild der Eltern, die ihr Kind verhungern und immer wieder allein in einer verdreckten Wohnung zurückließen, entspricht nicht dem üblichen Schema: festes Einkommen, gepflegtes Auftreten, sympathische Ausstrahlung. "Was hätten wir sehen sollen?", fragt der Behördenleiter. Auch Frank Zimmer, Pfarrer von Thalmässing, sei außer sich, dass er nichts bemerkt habe. "Es gab keine Anzeichen dafür, dass die Eltern ihre Kinder vernachlässigten."

Als Dominik in den Kindergarten kam, habe Angela R. auch meist Sarah im Kinderwagen dabei gehabt. Seit ein paar Monaten allerdings nicht mehr. Als sich die Erzieherinnen erkundigten, wann die Kleine denn ebenfalls angemeldet werde, erfand die Mutter glaubhafte Ausreden.

Die Wohnung der Familie glich einer Mülldeponie

Tatsächlich krepierte Sarah in einer völlig verdreckten Wohnung. Polizeibeamte verglichen das Zuhause der Familie, in dem zwei Katzen herumtollten und ein toter Hase gefunden wurde, mit einer Mülldeponie.

Vor Wochen erzählte Angela R., sie könne sich nicht mehr so gut um Sarah kümmern, weil sie ins Krankenhaus müsse. Tatsächlich leidet die 26-Jährige an einer schweren Darminfektion. Innerhalb des letzten Jahres verlor sie rapide an Gewicht, von einst mehr als 120 Kilo soll sie jetzt noch 60 wiegen. Sie liegt noch immer - bewacht von Polizeibeamten und nicht ansprechbar - im Klinikum Nürnberg.

Zuletzt wurde Sarah im November 2008 offiziell in Augenschein genommen. Es war eine Zufallsbegegnung: Das ehemals zuständige Jugendamt suchte wegen einer Petitesse den Kontakt zu Angela und Patrick R. und bat den ihnen vertrauten Jugendamtsmitarbeiter aus Roth um Unterstützung.

Sarah sei wohlauf gewesen, habe aus einer Flasche getrunken, ein bisschen gefremdelt mit dem Kollegen - sonst sei alles bestens gewesen, beteuert Korth. Sein Mitarbeiter habe lediglich angemerkt, dass Sarah - wie ihr älterer Bruder auch - entwicklungsverzögert sei. Er habe der Mutter deshalb eine Frühförderung und einen Arztbesuch empfohlen. Von Verwahrlosung des Kindes oder der Wohnung keine Spur. "Es klingt unvorstellbar: Aber wir als Jugendamt würden alles noch einmal genau so machen."

Korth und sein Mitarbeiter können für Sarah nur noch eins tun: Lückenlos aufklären, warum die Dreijährige in ihrem Kinderzimmer verhungern musste. "Wir werden alle Erkenntnisse offenlegen und daran mitarbeiten, wie man unsere Arbeit optimieren kann."

Angst, dass der Fall Sarah Konsequenzen für ihn als Behördenleiter haben könnte, hat Korth nicht. "Wir haben keinen Fehler gemacht. Wir können mit unserer Einschätzung auch mal danebenliegen." Dass der Fall die Arbeit seiner Behörde verändert, glaubt er indes schon. "Meine Mitarbeiter und ich könnten dadurch verängstigt sein. Es kommt nicht selten vor, dass morgens ein Kollege sagt: 'Ich hab' schlecht geschlafen, was sagst du zu dem und dem Fall?' Gemeinsam wägt man dann die Unsicherheiten ab. Die Angst, falsch zu reagieren, ist immer da."

Seit 25 Jahren schon.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 88 Beiträge
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1. Misstrauen
Tubus 12.08.2009
Zitat von sysopIhr Bruder war kräftig, sie selbst verhungerte in ihrem Kinderzimmer: Im Fall der dreijährigen Sarah überließ das Jugendamt nach jahrelanger Betreuung die Familie sich selbst. Der Behördenleiter macht sich nun bittere Vorwürfe - will aber keinen fehler gemacht haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,642040,00.html
Nicht jede Tragödie ist zu verhindern. Die wahren Umstände werden hoffentlich bei einer Gerichtsverhandlung geklärt. Aus meiner Kenntnis der Arbeit von Behörden ist allerdings jedes Misstrauen angebracht.
2. x
shopgirl1 12.08.2009
Zitat von sysopIhr Bruder war kräftig, sie selbst verhungerte in ihrem Kinderzimmer: Im Fall der dreijährigen Sarah überließ das Jugendamt nach jahrelanger Betreuung die Familie sich selbst. Der Behördenleiter macht sich nun bittere Vorwürfe - will aber keinen fehler gemacht haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,642040,00.html
"Ab April 2007 wurde die vierköpfige Familie sich selbst überlassen, endlich wollten sie auf eigenen Beinen stehen, sich nicht mehr bevormunden lassen. "Man muss diesen Menschen auch eine neue Chance geben", sagt Korth und reißt hoffnungsvoll die müden Augen auf." Neue Chancen sollte man aber nur vergeben, wenn keine Menschen, noch dazu hilflose Kinder, auf dem Spiel stehen. Falls die Sache wieder schief geht, meine ich.
3. traurig
schwarzer Schmetterling 12.08.2009
ist alles was man dazu sagen kann. traurig, weil ein kleiner mensch tot ist. raurig auch für die umgebung und das jugendamt, weil sie offensichtlich diesen tod nicht verhindern konnten und noch lange damit unterwegs sein werden. traurig halt
4. Erst die Familie
Streitaxt 12.08.2009
Das Grundgesetzt schützt die Familie zu Recht vor staatlichen Eingriffen. Diese müssen immer die Ausnahme bleiben. Versagt haben hier in erster Linie die Eltern. Dann die Familie und Freunde, die Nachbarn, dann das Amt. Wir neigen immer dazu, gleich nach dem Staat zu schreien, wenn etwas schief geht. Wenn der Staat aber Eingriffe in den Datenschutz und das Internet zum Schutz vor Kinderpornos fordert, ist es auch wieder nicht recht. Wir alle sind der Staat und müssen die Augen aufhalten. Erst Wegschauen und dann den Amtsleiter kreuzigen ist etwas billig.
5. Kinder verhungern
roswitha.lebbe 12.08.2009
Zitat von sysopIhr Bruder war kräftig, sie selbst verhungerte in ihrem Kinderzimmer: Im Fall der dreijährigen Sarah überließ das Jugendamt nach jahrelanger Betreuung die Familie sich selbst. Der Behördenleiter macht sich nun bittere Vorwürfe - will aber keinen fehler gemacht haben. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,642040,00.html
Es ist doch immer wieder die fast gleiche Situation. Das Jugendamt behauptet, es sei alles in Ordnung und ein kleines Kind verhungert. Das ist zynisch und nicht entschuldbar. Leider ist dies kein Einzelfall und die Jugendämter, aus welche Gründen auch immer - versagen kläglich. Ist eine Familie erst einmal auffällig geworden, dann darf man sie nicht mehr aus den Augen verlieren. Im November vergangenen Jahres wurde ein letztes mal kontrolliert. Ich fasse es nicht. Natürlich ist der Verweis auf Nachbarn, die vielleicht etwas hören konnten richtig. Aber das entlastet die Jugendämter nicht von ihrer Verantwortung. Was zählt ein Kind in diesem Staat, wo selbst dann den Jugendämtern und den Schulämtern nichts auffällt, wenn ein schulpflichtiges Kind nicht eingeschult wurde. Wie viele Kinder vegetieren in schlimmen Verhältnissen vor sich in und niemand fühlt sich verantwortlich. Ich glaube, diese Gesellschaft, dieses System ist krank.
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