Verhungertes Kind: Neuer Prozess gegen Marcels Mutter

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Nathalie B. war mit der Pflege ihres unheilbar kranken Sohnes überfordert, ließ ihn verhungern und wurde wegen Totschlags zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt. Nun die überraschende Wende: Der Bundesgerichtshof hat das Urteil teilweise aufgehoben, der Fall wird neu verhandelt.

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dapd

Nathalie B. im Gerichtssaal: "Sie weiß selbst nicht, was die gerechte Strafe ist"

Hamburg - Mit dieser Nachricht - kurz vor Weihnachten - hatte Nathalie B. in keiner Weise gerechnet: Der Bundesgerichtshof (BGH) hat das Urteil gegen sie teilweise aufgehoben. Das Landgericht Mannheim hatte die 31-Jährige wegen Totschlags durch Unterlassung und Misshandlung Schutzbefohlener zu neuneinhalb Jahren Haft verurteilt.

Ihr Rechtsanwalt Steffen Lindberg überbrachte Nathalie B. die Nachricht am Montag im Besuchsraum der Justizvollzugsanstalt Heidelberg. "Sie war überrascht, zum Teil war sie auch erleichtert, dass sie eine zweite Chance erhält", sagt Lindberg, anders könne man ihre Reaktion nicht beschreiben. "Sie weiß selbst nicht, was die gerechte Strafe ist für das, was sie getan hat."

Im Frühjahr 2008 diagnostizierten Ärzte bei ihrem Sohn Marcel Adrenoleukodystrophie, eine unheilbare Erbkrankheit, die einen rapiden neurologischen Verfall zur Folge hat. Die Lebenserwartung liegt bei maximal drei Jahren. Nathalie B. pflegte den Jungen zu Hause, er sollte in seiner gewohnten Umgebung leben und sterben. Die Familie stand unter Aufsicht des Jugendamts und lebte von Unterstützung des Sozialamts.

Im Herbst 2009 waren Marcels Knochen so verformt, dass er nicht mehr gehen konnte. Er musste im Rollstuhl sitzen, war taub und blind und musste gewickelt, gewaschen und gefüttert werden. Später musste er durch eine Sonde ernährt werden, war ans Bett gefesselt, ein hilfloser Pflegefall. Nathalie B. war restlos überfordert, zuletzt legte sie dem Jungen keine Sonde mehr. Im Mai 2010 starb Marcel.

Für die erste Strafkammer des Landgerichts Mannheim ist erwiesen, dass Nathalie B. die Versorgung des Jungen einstellte und ihn schwer vernachlässigte - in vollem Bewusstsein, dass dies zum Tod des Neunjährigen führen würde.

Laut Entscheidung des 1. Strafsenats des BGH ist der sogenannte Strafausspruch jedoch fehlerhaft. Das bedeutet: Über die Höhe der Strafe muss neu verhandelt werden. Der Fall Marcel wird deshalb ein zweites Mal neu aufgerollt und vor einer anderen Kammer des Mannheimer Landgerichts verhandelt.

Neuer Prozess garantiert keine mildere Strafe

Ein "voller Erfolg" für Pflichtverteidiger Lindberg und seinen Kollegen Nicolas Frühsorger aus München, der sich honorarfrei bei der Revision einklinkte. Ihr Ziel: Eine Verurteilung wegen Totschlags im minder schweren Fall. "Uns ging es nicht darum, die Mutter von ihrer Schuld freizusprechen, sondern um die angemessene Höhe einer Strafe", konstatiert Frühsorger. Neuneinhalb Jahre seien "total überzogen".

Ein neues Verfahren bedeutet nicht unbedingt eine mildere Strafe, theoretisch kann Nathalie B. erneut zu neuneinhalb Jahren verurteilt werden.

Den fehlerhaften Strafausspruch macht der BGH in seiner Begründung an einem Beispiel fest: In der Urteilsbegründung lehnte die Kammer eine Strafmilderung ab, weil die Angeklagte ohne jegliche Empathie gehandelt habe - gleichzeitig aber attestierte sie ihr, sie habe das Kind "nach besten Kräften" und "liebevoll" gepflegt, auch weil Marcel ihr "Wunschkind" gewesen sei. Fehlende Empathie auf der einen Seite, überbordende Zuneigung auf der anderen Seite - ein Widerspruch, der nach Ansicht des BGH nicht aufgelöst wird.

Lindberg und Frühsorger blicken nun "voller Erwartung" auf einen neuen Prozess: Vielleicht könnte in einem zweiten Verfahren noch einmal die umstrittene Rolle des Jugendamts beleuchtet werden. Die Staatsanwaltschaft Mannheim hatte im September die Ermittlungen gegen eine Sozialarbeiterin der Behörde und zwei Mitarbeiter eines freien Trägers eingestellt. Es bestehe kein hinreichender Verdacht, dass sie Fehler bei der Wahrnehmung ihrer Aufgaben gemacht hätten. Nathalie B. habe die Familienhelfer getäuscht und sie unter Vorwänden nicht zu dem unheilbar kranken Neunjährigen gelassen, heißt es in der Begründung.

Zweite Chance, die Rolle des Jugendamtes ins Visier zu nehmen

Doch gehört Täuschung von Menschen wie Nathalie B. nicht zu den täglichen Risiken von Sozialarbeitern? Ist nicht gerade das ihre Aufgabe, herauszufinden, ob ihre Klienten die Wahrheit berichten? Gehört es nicht zu ihrer Pflicht, sich auch bei intensivem Engagement der Mutter um ein pflegebedürftiges Kind zu kümmern?

Nathalie B. lebte von Geburt an am Rande der Gesellschaft, immer am Existenzminimum. Als sie ihren Sohn in Pflege nahm, stand sie unter immensem Druck: Sie hatte sich vom Vater ihrer Kinder getrennt, der neue Partner, ein stadtbekannter Drogendealer, war mehr Belastung als Stütze, das Jugendamt erwog, Marcels Geschwister in Obhut zu nehmen.

Nathalie B. musste entscheiden: Entweder hätte sie Marcel aushäusig pflegen und sterben lassen oder die beiden anderen Kinder in fremde Obhut geben müssen. Beides wollte sie nicht. Ihr neuer Lebensgefährte sagte vor Gericht, Nathalie B. sei oft mehrere Stunden in Marcels Zimmer verschwunden und habe es sichtlich gezeichnet verlassen. Über den erbarmungswürdigen, besorgniserregenden Zustand ihres Sohnes habe sie kein Wort verloren.

Dem Jugendamt war die Familie seit 2001 bekannt - auch von Marcels Erkrankung wussten die zuständigen Mitarbeiter. Tatsächlich aber hatte seit Januar 2010 weder ein Mitarbeiter des Jugendamts noch ein Helfer des freien Trägers Marcel zu Gesicht bekommen.

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