Verhungertes Kind Das stille Sterben der kleinen Sarah

Sarah muss vor Hunger geschrien haben, solange sie die Kraft dazu hatte: Die Dreijährige verhungerte in ihrem Kinderzimmer im fränkischen Thalmässing. Das Jugendamt hatte die Familie nach Jahren der Betreuung sich selbst überlassen. Sarahs Vater wurde nun wegen Mordes verurteilt.

DDP

Hamburg - Als es kein Zurück mehr gab, brach Patrick R. in Tränen aus. Auf dem Flur des Nürnberger Südklinikums stand der bullige Fernfahrer, eine silberne Kreole im Ohr, und weinte wie ein kleines Kind. Die Ärzte hatten ihm eben mitgeteilt, dass seine dreijährige Tochter Sarah gestorben ist - verhungert in ihrem Kinderzimmer.

Patrick R. hätte ihren Tod verhindern können. Weil er es nicht tat, hat ihn das Landgericht Nürnberg am Donnerstag zu 13 Jahren Haft verurteilt - wegen Mordes durch Unterlassen und Misshandlung von Schutzbefohlenen. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass der 30-Jährige seine Tochter verhungern ließ, um einen Konflikt mit seiner dominanten und aggressiven Frau zu vermeiden.

Der Vater habe den Zustand seiner Tochter sehr wohl erkannt und sich auch Sorgen gemacht, es aber dennoch unterlassen, ihr zu helfen, sagte der Vorsitzende Richter in seiner Urteilsbegründung. Noch eine Woche, bevor sie starb, hätte er Sarah durch einen Arztbesuch retten können. Dies habe der Angeklagte aber unterlassen und damit ihren Tod billigend in Kauf genommen.

Vor Gericht musste sich nur Patrick R. verantworten. Seine Ehefrau Angela, Sarahs Mutter, liegt todkrank im Hospiz, sie hat Krebs und ist verhandlungsunfähig.

Der Fall spielte im fränkischen Thalmässing, einer beschaulichen Gemeinde am Rande des Altmühltals, 52 Kilometer von Nürnberg entfernt. Noch an ihrem dritten Geburtstag im Mai 2009 hatte Sarah dort putzmunter auf dem Schoß ihrer Großmutter gesessen. Zweieinhalb Monate später war sie bei einer Körpergröße von 85 Zentimetern auf 8,2 Kilogramm abgemagert. Am 10. August 2009 starb sie im Krankenhaus an den Folgen von Unterernährung. Rettungskräfte hatten sie als ein kleines Bündel Mensch - mehr tot als lebendig - aus ihrem Kinderzimmer getragen und ins Krankenhaus gebracht.

Sarah vegetierte kraftlos vor sich hin, die Eltern gingen feiern

Sie muss vor Hunger, vor unerträglichen Schmerzen geschrien haben, hatte Staatsanwältin Elisabeth Böhmer in ihrem Plädoyer das Leid des Kindes zusammengefasst. Doch irgendwann hatte Sarah nicht mal mehr dazu die Kraft gehabt.

Apathisch muss sie in ihrem Gitterbettchen gelegen haben, sagt Gerichtsmediziner Peter Betz. Er war Sachverständiger im Prozess. "Am Ende gibt ein Kind keine Lautäußerung mehr von sich. Es vegetiert vor sich hin, wird immer schwächer", erklärt er.

Seit Mai 2009, so kam im Prozess heraus, muss Angela R. das Wimmern und Weinen ihrer Tochter ignoriert, die Tür zum Kinderzimmer verschlossen haben. Das Gericht glaubt, dass Sarahs Leiden mit der starken Gewichtsabnahme ihrer Mutter begann. Seit April litt die 120 Kilogramm schwere Frau unter starken Schmerzen. Binnen vier Monaten nahm sie 60 Kilogramm ab - teils gewollt, teils, weil sie, ohne es zu wissen, an Krebs erkrankt war.

Angela R. ließ ihr Kind in seinem Bett liegen, bis seine Beinchen vom Liegen verkrüppelten. Die Obduktion des Kinderleichnams ergab, dass Sarah abgesehen von der Mangel- beziehungsweise Unterernährung vollständig gesund gewesen ist.

"Es wird niemand behaupten können, dass Patrick R. der Zustand verborgen blieb", sagt sein Verteidiger Jochen Horn aus Nürnberg. "Auch ich nicht, aber er hat ihren Tod nicht wissentlich riskiert."

Warum aber griff Patrick R. nicht ein?

"Er war seiner dominanten Ehefrau intellektuell unterlegen", sucht Horn nach Erklärungen. Vor Gericht kam heraus, dass der Lkw-Fahrer lediglich per Handy und SMS aus der Ferne eingriff und seine Ehefrau dazu drängte, mit der Kleinen zum Arzt zu gehen, sie nicht allein zu Hause zu lassen.

Die treibende Kraft war die Mutter, ins Gefängnis muss der Vater

Doch wenn er am Freitag spätabends in die Wohnung über der Dorfpizzeria kam, war auch er zu faul, um sich um seine Tochter zu kümmern, gegen die resolute, herrische Ehefrau anzukämpfen. Er wollte lieber seine Ruhe haben, sich "um nix mehr kümmern", wie sein Verteidiger anführt. Er habe vor seiner Ehefrau regelrecht kapituliert, Konflikte mit ihr gescheut, sich hinter Fernseher und Computer verkrochen. Sonntags musste er oft schon gegen Mittag wieder los auf die Autobahn.

In dieser kurzen Zeit zu Hause habe er Sarah ihrem Schicksal überlassen, sagte Richter Richard Caspar in der Urteilsbegründung. Er habe seine Frau sogar noch dabei unterstützt, das Kind vor der Öffentlichkeit zu verstecken. "Der Grund für dieses Verhalten ist unserer Überzeugung nach Angst", so Caspar. Die Mutter habe befürchtet, jemand könnte den Zustand der kleinen Sarah erkennen und die Behörden informieren.

Die treibende Kraft hinter Sarahs Tod sei ganz klar ihre Mutter gewesen, betonte der Richter. Sie habe den Entschluss gefasst, Sarah verhungern zu lassen, um die schwere Misshandlung zu vertuschen. Und sie habe auch den Entschluss gefasst, das Kind zu verstecken. Ihr Mann habe sie dabei aber unterstützt. Und letztlich habe seine Tochter keinerlei Bedeutung mehr für ihn gehabt.

Statt sein Kind vor der Willkür der Mutter zu retten, ging er mit seiner Frau zu einem Trucker-Festival, besuchte das Feuerwehrfest, fuhr zum Shoppen nach Nürnberg mit Freunden. Sarah ließen sie in ihrem Bettchen zurück. Sie kam am Ende mit so wenig Sonnenlicht in Berührung, dass ihre Knochendichte laut Obduktion bereits gesunken war.

Laut Kriminalstatistik nehmen die Fälle von Kindesmisshandlungen zu

Ein befreundetes Paar schilderte vor Gericht, wie es mit seinem Kind im Juli 2009 ein Wochenende bei der Familie R. in Thalmässing verbrachte. Die Kinder seien bei Verwandten untergebracht, habe das Ehepaar R. auf mehrmaliges Nachfragen beteuert. Der damals vierjährige Dominik war tatsächlich bei den Eltern von Patrick R., aber wo war Sarah?

Im Verfahren vor dem Landgericht konnte das nicht geklärt werden. Doch vermutlich war Sarah in einem bereits erbärmlichen Zustand eingesperrt in ihrem Kinderzimmer, ruhiggestellt oder zu kraftlos, um auf sich aufmerksam zu machen.

Ein Wimmern, Weinen oder Geräusche habe sie aus dem Zimmer nicht gehört, sagte die Freundin vor Gericht. Zum Kinderzimmer habe sie keinen Zugang gehabt. Sie habe nicht mitbekommen, dass einer der Eltern das Zimmer betreten habe, beispielsweise um dem Kind Essen zu bringen. Vielmehr habe man sich den ganzen Tag auswärts vergnügt, sei nach Nürnberg gefahren und dort essen gegangen.

Laut Kriminalstatistik für 2009 haben die Fälle von Kindesmisshandlungen in Deutschland in den vergangenen fünf Jahren deutlich zugenommen, die Zahl der Kindstötungen ging dagegen zurück. Wurden 2005 noch 3359 Fälle von Misshandlungen an unter 14-Jährigen registriert, waren es 2009 bereits 4081 Fälle - sie gehen allerdings seltener als zuvor tödlich aus. 2005 zählten die Behörden 208 Fälle von Tötungsdelikten an unter 14-Jährigen, 2009 waren es 152.

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einuntoter 18.11.2010
1. Vielleicht
liegt die Erhöhung Zahl der (entdeckten und verfolgten) Kindesmisshandlungen auch daran, dass die Mitmenschen und Behörden sensibilisiert wurden und nun (früher) einschreiten. Auf jeden Fall kamen mir beim Lesen des Artikels auch die Tränen. Insbesondere bei der Vorstellung, dass genau jetzt viele andere Kinder hier in unserem Land das gleiche durchmachen und wir ihnen nicht helfen (können).
frubi 18.11.2010
2. .
Zitat von sysopSarah muss vor Hunger geschrien haben, solange sie die Kraft dazu hatte: Die Dreijährige verhungerte in ihrem Kinderzimmer im fränkischen Thalmässing. Das Jugendamt hatte die Familie nach Jahren der Betreuung sich selbst überlassen. Sarahs Vater wurde nun wegen Mordes verurteilt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,729843,00.html
Was geht in solchen Menschen vor? Wie egoistisch kann man sein, dass man sein eigen Fleisch und Blut verhungern lässt, während man selber einen ordentlichen Bauch hat? Krank. Einfach nur krank. Bei solchen Nachrichten schätze ich die gute Erziehung und Fürsorge meiner Eltern umso mehr. Das man es auch schlimmer erwischen kann zeigen solche Fälle. Ich möchte hier zwar keine unnötigen Diskussionen hervorrufen aber mich würde mal gerne interessieren, was unsere ganzen Islam-Basher dazu sagen. Ist nun eine solche Tat, verübt von einem Bürger aus der christlichen Ecke schlimmer als ein Ehrenmord bei Muslimen? Wer definiert Grausamkeit? Es gibt halt überall Menschen, die aus verschiedenen Beweggründen zu grausamen Taten fähig sind. Für mich sind das Monster, egal welcher Religion sie angehören.
a.weishaupt 18.11.2010
3. Wäre der Vater die treibende Kraft gewesen...
Wäre der Vater die treibende Kraft gewesen und die Mutter hätte weggesehen, wäre sie dann auch zu 13 Jahren verurteilt worden? Ich gehe jede Wette ein, dass das nicht so wäre.
endbenutzer 18.11.2010
4. Ich habe...
...Tränen in den Augen...
-sportsman- 18.11.2010
5. Fassungslos
Krebs hin oder her - ich würde diesen Abschaum der sich Eltern schimpft zusammen ans Krankenbett fesseln und sie elendig verrecken lassen. Bei solchen Leuten würde ich ohne zu zögern zum Mörder werden. Es tut einem richtig weh sowas zu lesen, dass es sowas in unserem Land gibt - und mit Sicherheit ist dies kein Einzelfall. Jugendämter sind überfordert und viele junge mütter / paare besitzen eben nicht die Qualifikation um Eltern zu sein. Aber unser Abschaum in Berlin sieht das nicht.
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