Verhungertes Kind: Jugendamt beendete Betreuung von Problem-Familie

Hätte der Tod der Dreijährigen im fränkischen Thalmässing verhindert werden können? Das zuständige Jugendamt hatte die als problematisch eingeschätzte Familie zunächst betreut, die Maßnahme jedoch nach zwei Jahren eingestellt. Man habe keinen Bedarf mehr gesehen, hieß es.

Thalmässing/Nürnberg - Das Kind verhungerte unter den Augen seiner Eltern: Die Dreijährige aus dem fränkischen Thalmässing sei in einer Klinik an Unterernährung gestorben, berichtete ein Sprecher des Landgerichts Nürnberg-Fürth am Dienstag. Gegen die 26-jährige Mutter und den drei Jahre älteren Vater sei Haftbefehl wegen gemeinschaftlichen Totschlags durch Unterlassung ergangen.

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Ortsschild von Thalmässing: "Eine ganz tragische Geschichte"

Die Eltern hatten am Samstagabend den Rettungsdienst gerufen, als der Gesundheitszustand des Kindes bereits bedrohlich gewesen sei, hieß es bei der Polizei in Nürnberg. Ein Notarzt habe die Dreijährige sofort in eine Klinik einweisen lassen, dort starb sie am Montag. Bei einer Obduktion des ansonsten gesunden Mädchens sei Mangelernährung festgestellt worden. Ein vierjähriger Bruder des Kindes wurde inzwischen bei den Großeltern untergebracht. Dort soll er vorerst bleiben. Der Junge sei wohlauf, sagte ein Polizeisprecher SPIEGEL ONLINE.

Der Vater wurde noch am Dienstag befragt und habe eine Erklärung abgegeben, hieß es. Der Haftbefehl gegen den 29-Jährigen werde aufrechterhalten. Die Mutter liege dagegen mit einer schweren Erkrankung in einer Klinik - gegen sie habe der Haftbefehl noch nicht vollstreckt werden können. Die Frau wird von der Polizei bewacht. Die Krankheit soll nach Polizeiangaben aber nichts mit dem Tod der Dreijährigen zu tun haben.

Die Familie wohnte in einem zweigeschossigen Wohnhaus in der Ortsmitte des fränkischen Thalmässing. Die Wohnung im ersten Obergeschoss wirkte am Dienstag verlassen.

Nachbarn schilderten die Mutter als ausgesprochen nett, ihnen sei nichts Besonderes an der Familie aufgefallen. Der Bürgermeister der Marktgemeinde, Georg Küttinger, sagte SPIEGEL ONLINE: "Es gab keine Hinweise aus der Nachbarschaft. Die Familie ist nicht auffällig gewesen."

"Wir sind sehr betroffen"

Der Leiter des zuständigen Kreisjugendamtes Roth, Manfred Korth, zeigte sich entsetzt: "Damit hat niemand gerechnet. Wir sind sehr betroffen", sagte er SPIEGEL ONLINE. Als die Mutter zum Jahreswechsel 2004/05 mit ihrem neuen Partner in den Landkreis gezogen sei, sei das Amt informiert worden, so Jugendamtsleiter Manfred Korth: "Die Frau galt als problematisch."

"Zwei Jahre lang ist zweimal die Woche jemand zu der Familie gegangen", sagte Korth. Mehrere Fachleute seien aber im April 2007 der Ansicht gewesen, dass keinerlei Kindeswohlgefährdung mehr vorliege. "Die Familie hatte sich stabilisiert." Deswegen wurden die Besuche reduziert.

"Der letzte Kontakt war im November 2008." Seither habe man keinerlei Hinweise auf Probleme bekommen. "Sonst wären wir sofort da gewesen", beteuerte Korth, "hätten wir irgendeine Ahnung gehabt."

Keine Anzeichen für Probleme

Am Sohn der Familie, der bereits im Kindergarten war, habe man keine Anzeichen für Probleme bemerkt, sagte der Jugendamtsleiter. Dass das Mädchen nun verhungerte, kann sich Korth nur damit erklären, dass es im vergangenen halben Jahr eine massive Veränderung in der Familie gegeben haben müsse. Ob sie mit der Erkrankung der Mutter zusammenhing, konnte er nicht sagen: "Das ist eine ganz tragische Geschichte."

In der Vergangenheit ist es immer wieder zu Todesfällen von Kindern gekommen, deren Familien unter Aufsicht des Jugendamtes standen. Erst im April soll ein Mann in Lahnstein seine eineinhalbjährige Tochter zu Tode misshandelt haben. Gegen das Jugendamt wurden Vorwürfe laut. Der Behörde seien frühere Fälle von Misshandlungen durch den Mann bekannt gewesen.

Im März war in Hamburg die neun Monate alte Lara-Mia gestorben. Sie war unterernährt. Die Sozialbehörden der Hansestadt räumten später Fehler ein.

jdl/dpa/AP

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