Prozess um verhungertes Kind Vier Jahre Freiheit

Sie ließ ihren todkranken Sohn verhungern, deswegen verurteilte das Landgericht Mannheim die dreifache Mutter zu einer Haftstrafe von neuneinhalb Jahren. Jetzt wurde das Urteil um vier Jahre gekürzt, weil auch die Kammer erkannte: Die Frau war restlos überfordert.

Nathalie B. mit ihrem Verteidiger Steffen Lindberg: "Sie hofft auf einen Neubeginn"
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Nathalie B. mit ihrem Verteidiger Steffen Lindberg: "Sie hofft auf einen Neubeginn"


Hamburg/Mannheim - Die dritte Strafkammer des Landgerichts Mannheim brauchte drei Stunden und 54 Seiten, um das triste Leben der dreifachen Mutter Nathalie B. zusammenzufassen - und die Umstände zu verstehen, warum sie ihren todkranken Sohn verhungern ließ.

Im Mai 2012 hatte das Landgericht Mannheim die 31-Jährige zu einer Freiheitsstrafe von neuneinhalb Jahren verurteilt - wegen Totschlags durch Unterlassung in Tateinheit mit Misshandlung von Schutzbefohlenen. Ihr Verteidiger ging in Revision, der Bundesgerichtshof hob die Entscheidung in Teilen auf und verwies zurück ans Landgericht - mit dem Auftrag, erneut über die Strafhöhe zu verhandeln. Nach der viereinhalbstündigen Verhandlung verkündete der Vorsitzende Richter Rolf Glenz nun das neue Urteil: Nathalie B. muss nur fünfeinhalb Jahre in Haft. Das Urteil ist rechtskräftig. Die Frau weinte und fiel ihrem Verteidiger Steffen Lindberg um den Hals. Gemeinsam mit dem Münchner Rechtsanwalt Nicolas Frühsorger hatte Lindberg kein konkretes Strafmaß gefordert, sondern eine Strafe zwischen vier und fünf Jahren für tat- und schuldangemessen gehalten.

19 Monate hat Nathalie B. in Untersuchungshaft in der JVA Heidelberg verbracht. Als Erstverbüßerin habe sie gute Chancen, bald in den offenen Vollzug zu kommen und nach zwei Dritteln der Haft gar ganz entlassen zu werden, sagt Rechtsanwalt Lindberg. In der JVA Schwäbisch Gmünd, in die Nathalie B. verlegt wird, will sie einen Realschulabschluss nachholen und eine Lehre zur Objektbeschichterin machen.

Ein Lichtblick, den Nathalie B. selten hatte. Das zeigten auch auf erschreckende Weise die 54 Seiten aus der 127-seitigen Urteilsbegründung der ersten Instanz, die vor dem Landgericht Mannheim verlesen wurden. Details, die bereits im ersten Verfahren bekannt waren. "Doch damals hat man die falschen Schlüsse daraus gezogen", sagt Lindberg. "Jetzt hat die Kammer sie neu bewertet."

Die erste Strafkammer hatte damals die von der Verteidigung angeführten Argumente, die zerrütteten Verhältnisse und die Überforderung der Mutter anders gewichtet - und keine spezielle Strafmilderung berücksichtigt, wie sie gesondert für Unterlassungsdelikte möglich ist.

Weder gegen Vater noch Jugendamt wird ermittelt

Nathalie B. wuchs demnach im Stadtteil Schönau auf, in einem sozial eher schwachen Viertel Mannheims. Nach einem schlechten Hauptschulabschluss arbeitete sie als Kassiererin und Putzfrau. Mit 16 Jahren brachte sie einen Sohn zur Welt, lebte mit ihm und dem Vater von Sozialhilfe.

Im April 2001 wurde der zweite Sohn, Marcel, geboren. Er war gerade ein halbes Jahr alt, als das Jugendamt Mannheim die Familie unter ihre Fittiche nahm. Bis zum Juli 2007 ist die Akte der Familie voll mit Gesprächsnotizen und Vermerken von Mitarbeitern der Behörde und Familienhelfern eines freien Trägers. Von Problemen bei der Pflege und der Versorgung der Kinder ist die Rede, von Alkohol und Drogen bei den Eltern, einer verwahrlosten Wohnung. Im März 2005 wurde das dritte Kind geboren, ein Mädchen. Der Vater gab sich gleichgültig, die Mutter überfordert.

Im März 2008 diagnostizierten Ärzte bei Marcel Adrenoleukodystrophie, eine seltene und unheilbare Erbkrankheit, die einen rapiden neurologischen Verfall zur Folge hat. Marcel hatte nur noch eine geringe Lebenserwartung. Nathalie B. beschloss, den Jungen zu Hause zu pflegen. Er sollte in seiner gewohnten Umgebung sterben. Sie wollte es ihm "so schön wie möglich machen", wie sie sagte.

Eineinhalb Jahre später konnte Marcel nicht mehr gehen, seine Knochen verformten sich. Er musste im Rollstuhl sitzen, gewickelt, gewaschen und gefüttert werden. Er war taub und blind und schrie vor Schmerz, manchmal die ganze Nacht. Ende 2009 war er ein hilfloser Pflegefall, der Vater zog aus. Nathalie B. war restlos überfordert. Das wusste auch das Jugendamt, so steht es in der Akte. Die Ermittlungen gegen Mitarbeiter der Behörde und Familienhelfer wurden eingestellt.

Im Januar 2010 entschied sich Nathalie B., ihren Sohn in seinem Kinderzimmer sterben zu lassen. "Sie tröstete sich damit, dass es für sie und das Kind das Beste ist", heißt es im Urteil. Als der Amtsarzt Marcel abholt, wiegt er nur noch 14 Kilo. Er stirbt im Universitätsklinikum Mannheim.

Nathalie B. wisse, dass sie "große Schuld auf sich geladen habe", sagt Verteidiger Lindberg. Ihre beiden Kinder leben inzwischen bei Pflegefamilien, der Vater hat sich aus dem Staub gemacht. Dreimal haben ihre Kinder sie in der Untersuchungshaft besucht, mehrfach konnte sie mit ihnen telefonieren.

Die Bedingungen in der Untersuchungshaft seien grundsätzlich strenger, sagt Lindberg. Auch deshalb wolle die 31-Jährige möglichst schnell in die Strafhaft. Nathalie B. hoffe, wieder mehr Kontakt zu ihren Kindern aufnehmen zu können. "Sie ist wie ausgewechselt", sagt Lindberg. "Erstmals in ihrem Leben hat sie eine Perspektive. Sie hofft auf einen Neubeginn."

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