Verhungertes Kleinkind in Bayern 21-jährige Mutter steht unter Tatverdacht

Nach dem Hungertod einer Zweijährigen in der Oberpfalz ist gegen die Mutter Haftbefehl erlassen worden. Sie steht unter dringendem Verdacht, durch Vernachlässigung des Kindes seinen Tod herbeigeführt zu haben. Nachbarn hatten sich zuvor vergeblich an das Jugendamt gewandt.


Tirschenreuth/Weiden - Die kleine Lea war am Samstag tot ihn ihrem Kinderbett gefunden worden. Eine Obduktion ergab: Sie war verhungert und verdurstet. Der Mutter, die von ihrem Ehemann getrennt lebt, wird Totschlag durch Unterlassen vorgeworfen, weil sie dem unterernährten und kranken Mädchen ärztliche Hilfe vorenthalten haben soll.

Die alleinerziehende Mutter war am Sonntag festgenommen worden, nachdem die Zweijährige am Vortag von einem Notarzt tot in ihrer Wohnung entdeckt worden war. Die Mutter selbst hatte diesen verständigt. Der Staatsanwaltschaft zufolge starb das Kind an einer Kombination aus Nahrungs- und Flüssigkeitsmangel sowie akuten Krankheitsfolgen, wie eine Obduktion in der Rechtsmedizin später ergab.

Die Staatsanwaltschaft geht davon aus, dass weder die Mangelernährung noch die Krankheiten zum Tod des Mädchens hätten führen müssen. Sie wirft der Mutter vor, nicht reagiert zu haben und sich damit eines Totschlags durch Unterlassen schuldig gemacht zu haben.

"Wir haben jedenfalls den Verdacht, dass, wenn ein Arzt hinzugezogen worden wäre, das Kind heute noch leben würde", sagte Oberstaatsanwalt Gerd Schäfer.

Das Mädchen hatte seinen Angaben zufolge einen Bruder, der ebenfalls bei der Mutter lebte. Der Junge sei aber wohlauf. Zu den möglichen Beweggründen der 21-Jährigen sagte er zunächst nichts.

Nach Angaben des Landratsamts in Tirschenreuth hatte das Jugendamt vor etwa einem halben Jahr einen vagen Hinweis auf die Mutter erhalten, war aber nicht aktiv geworden.

Ein Anrufer aus der Nachbarschaft habe bemerkt, dass die Kinder der jungen Frau nicht mehr so häufig im Garten zu sehen seien. Zudem habe dieser berichtet, dass sich der Großvater nun verstärkt um diese kümmere. Die zuständige Fachkraft im Jugendamt habe diese Beobachtung aber nicht als akute Gefährdung der Kinder gewertet und daher auf einen sofortigen Hausbesuch verzichtet. Aus "heute nicht mehr nachvollziehbaren Gründen" habe das Amt den Fall später nicht mehr verfolgt, hieß es in der Mitteilung.

Die Deutsche Kinderhilfe forderte als Reaktion auf den Tod des Mädchens ein bundesweit geltendes Kinderschutzgesetz, das Qualitätsstandards für Jugendämter und Interventionspflichten festschreibt. "Der Tod von Lea ist keine Ausnahme", erklärte der Vorstandsvorsitzende der Kinderhilfe, Georg Ehrmann, in Berlin.

Nach Schätzungen seines Verbands sterben wöchentlich etwa drei Kinder an Vernachlässigung oder an Misshandlungen. Der Fall zeige erneut, wie wichtig verbindliche Bestimmungen etwa für verpflichtende Hausbesuche durch die Behördenmitarbeiter seien. Auch obligatorische Vorsorge-Untersuchungen für Kleinkinder könnten Leben retten.

pad/AFP/dpa



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