Vermeintliche Vergewaltigung Mann saß fünf Jahre zu Unrecht im Gefängnis

Für ihn war es die "Hölle": Fünf Jahre lang saß ein Lehrer unschuldig wegen Vergewaltigung im Gefängnis. Nun hat ihn das Kasseler Landgericht freigesprochen - der Mann hofft, jetzt wieder ein ganz normales Leben aufnehmen zu können.


Kassel - Ein 52-jähriger Lehrer ist vom Vorwurf der Vergewaltigung einer Kollegin freigesprochen worden. Das mutmaßliche Opfer habe gelogen, befand das Kasseler Landgericht am Dienstag in dem neu aufgerollten Verfahren. "Die letzten zehn Jahre waren die Hölle", sagte der Lehrer in seinem Schlusswort.

"Den Angeklagten sehen wir nachweislich als unschuldig an", sagte der Vorsitzende Richter Jürgen Dreyer. Zuschauer im Gerichtssaal applaudierten. Außer der Verteidigung des Angeklagten hatte auch die Staatsanwaltschaft in dem neuen Verfahren einen Freispruch gefordert. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

Das Landgericht Darmstadt hatte den Mann 2002 zu fünf Jahren Haft verurteilt, weil er seine damals 36 Jahre alte Kollegin in Reichelsheim in Südhessen vergewaltigt habe. Da der Lehrer stets seine Unschuld beteuerte, wurde er nicht vorzeitig aus der Haft entlassen.

Sein Anwalt hatte auch nach der abgesessenen Strafe nicht aufgegeben, neue Beweise gesucht - und gefunden. Demnach log das vermeintliche Opfer immer wieder. Das sah auch das Kasseler Gericht so. Die Frau habe ein "an sich kaum glaubhaftes Geschehen geschildert", so Richter Dreyer. Es sei davon auszugehen, dass die Zeugin die Geschichte von vorn bis hinten erfunden habe.

So habe die Frau nach der vermeintlichen Tat zum Beispiel eine Tochter erfunden - oder behauptet, ihren angeblich im Koma liegenden Freund zu betreuen, um eine Versetzung zu erreichen. "Sie setzte Lügen gezielt ein, um berufliche Vorteile zu erzielen." Ein mögliches Motiv für den Vergewaltigungsvorwurf könnte gewesen sein, dass die Frau - ebenfalls Biologielehrerin - an die Stelle ihres Kollegen kommen wollte. Im neu aufgerollten Prozess hatte sie die Aussage verweigert.

Ihre Anwältin, die gefordert hatte, das Urteil des Darmstädter Landgerichts aufrecht zu erhalten, prüft nun eine Revision. Gegen ihre Mandantin ermittelt inzwischen die Staatsanwaltschaft Darmstadt wegen Freiheitsberaubung.

Der Freigesprochene zeigte sich nach dem Urteil zufrieden. "Ich hoffe, dass Normalität eintritt." Der 52-Jährige kündigte an, dem Land Hessen Fragen zu stellen, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Dabei könnte es um eine Entschädigung gehen.

ulz/dpa



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