Fragwürdiger Zeuge im NSU-Prozess Der Balkonmann streitet ab

Thomas D. hält Parolen über "Kanaken" nicht für ausländerfeindlich, seine Söhne benannte er nach germanischen Göttern. Nun musste er im NSU-Prozess Antworten geben: Hatte er Kontakt zu Zschäpe, Böhnhardt und Mundlos, wie es eine Zeugenaussage nahelegt?

Von , München

Im Saal 101 des OLG München: War Zschäpe in Dortmund?
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Im Saal 101 des OLG München: War Zschäpe in Dortmund?


Wie definieren Sie rechte Szene? Welche Ansichten würden Sie als rechtsextrem bezeichnen? Welches Verhalten als ausländerfeindlich, diskriminierend, rassistisch? Fragen, die am 43. Verhandlungstag im Prozess um die Mordserie des "Nationalsozialistischen Untergrunds" (NSU) im Mittelpunkt standen. Gerichtet waren sie an Thomas D. aus Dortmund. Eine Zeugin und deren Ehemann haben ihn im Verdacht, Kontakt zur Hauptangeklagten Beate Zschäpe sowie deren Weggefährten Uwe Mundlos und Uwe Böhnhardt gehabt zu haben - wenige Tage vor dem mutmaßlich achten NSU-Mord an Mehmet Kubasik in Dortmund.

Thomas D. hat gute Laune, als er den Saal 101 des Oberlandesgerichts München betritt. Sie wird ihm im Laufe der Befragung vergehen. Er ist 38 Jahre alt, bezeichnet sich als "Geschäftsführer einer Gesellschaft" in Teilzeit. Ein kräftiger Mann mit Stiernacken, Kinnbart und kunstvoll rasiertem Kopf mit einer Haarinsel, die einer gestutzten Krone gleicht. Seine schwarze Fleecejacke spannt im Kreuz.

Hinter dem Ohr hat Thomas D. die Buchstaben "KF" eintätowiert - für Kaninchenfrau. So nennt er seine Ehefrau, seit er sie auf ihrem Balkon kennenlernte, auf der ein Stall für ihre Kaninchen stand. Seine Ehefrau ließ sich im Gegenzug "BM" eintätowieren - für Balkonmann. Ein echter Dortmunder, seit Generationen lebt seine Familie im Stadtteil Brackel. Ein Borussia-Fan. Einer, der bei Ebay einen Doktortitel erstanden, diesen aber längst von seiner Homepage gelöscht hat: "Hatte sich schnell rumgesprochen, damit hatte sich das erledigt."

Grabungen in der Dämmerung

"Es geht um Beobachtungen aus der Nachbarschaft", leitet der Vorsitzende Richter Manfred Götzl die Befragung des 6. Senats ein. Eine ehemalige Nachbarin und ihr Ehemann hatten ihre Wahrnehmungen und Eindrücke geschildert, die sie in Bezug auf das angrenzende Anwesen in Dortmund gemacht haben: die mutmaßlichen Rechtsterroristen als Besucher im Garten, rätselhafte Grabungen im Dunkeln und "Verbindungen zum rechten Spektrum".

Thomas D. sagt, die Zeugin kenne er gar nicht, außer "einem älteren Herrn" habe er im Nachbarhaus nie jemanden wahrgenommen.

Ja, er habe Grabungen durchgeführt - für den Gartenteich, den er wieder zuschüttete, weil ein nahegelegener Baum "so stark abgelaubt hat". Es könne durchaus in der Dämmerung gewesen sein, eben nach Dienstschluss. "Aber nie mitten in der Nacht."

Dabei habe ihm ein Freund aus Kindergartentagen geholfen: ein muskulöser Bodybuilder mit "sehr kurzen, meist blondierten Haaren". Die Leute auf seinem Grundstück, die die Zeugin als Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt identifiziert haben will, könnten auch seine Schwester und deren Mann, der Neffe oder seine Frau gewesen sein. Die Namen oder Gesichter des Trios kenne er erst seit seiner Ladung beim Bundeskriminalamt. Das Wohnmobil, das dem benachbarten Ehepaar aufgefallen ist, habe er tatsächlich besessen - allerdings erst 2011, viel später also, als es seine Nachbarn registriert haben wollen.

"Das würde ich nicht als rechts werten"

Seine Söhne hat Thomas D. Ole Odin und Jone Aryan Thor genannt - in Anlehnung an germanische Götter, wie er sagt. "Damit verknüpfe ich nichts und finde nichts Verwerfliches dabei." Seine heitere Stimmung hat sich verflüchtigt. Ja, er habe auch eine Camouflagehose getragen, wie seine Nachbarin ausgesagt hat. "Das war eine Zeitlang modern, in meinem Bekanntenkreis hatte die jeder." Ist Thomas D. deshalb ein Neonazi?

Nebenklagevertreter Yavuz Narin will dem auf den Grund gehen. "Wie definieren Sie rechte Szene?", fragt er. "Wenn man Nazi ist", sagt Thomas D. und räumt ein, dass er Siegfried "Siggi" Borchardt kenne. "Ein bekannter Name für die, die zum Fußball gehen." So wie Thomas D., der bei Heimspielen von Borussia auf der Südtribüne steht, Block 13, der Fankurve, in der bereits Plakate mit rechtsextremen Botschaften gehisst wurden.

Tatsächlich ist Borchardt besser bekannt als "SS-Siggi" und Neonazi-Hooligan, vorbestraftes Mitglied der militanten, rechtsextremen Szene, einst Funktionär der 1995 verbotenen Freiheitlichen Deutschen Arbeiterpartei, seit 2012 Kreisvorsitzender der Partei "Die Rechte".

Bei den Fußballspielen seien auch welche dabei, "die Ansichten haben", sagt Thomas D. nun vor Gericht. Er würde diese Fans aber "nicht als rechte Szene" bezeichnen. Sie würden "Parolen rufen, die ich aber nicht als ausländerfeindlich bezeichnen würde", sagt Thomas D.

"Welche denn?", fragt Anwalt Narin.

"Soll ich jetzt eine sagen?"

"Ja, bitte."

"Zickzack Kanakenpack. Aber das würde ich nicht als rechts werten."

Zschäpes Verteidiger sehen sich bestätigt

Auch seine beiden Neffen Maurice und Marcel A. würde Thomas D. "nicht als rechts" bezeichnen. Einer von beiden setze sich öffentlich für die Freilassung des rechtsextremen Anwalts Horst Mahler ein, sagt Nebenklagevertreter Narin. Horst Mahler kenne er nicht, sagt Thomas D. Der Neffe appelliere auch für die Freilassung von Ralf Wohlleben. Den kenne er ebenfalls nicht. Wohlleben grinst, er sitzt keine vier Meter von Thomas D. entfernt auf der Anklagebank - wegen Beihilfe zum Mord.

Nach Thomas D. erscheint seine Ehefrau Desiree im Zeugenstand. Sie selbst behaupte, sie sehe Beate Zschäpe ähnlich, hatte Thomas D. bei seiner Vernehmung beim BKA angegeben - vielleicht habe die Nachbarin sie nur verwechselt? Doch die Ähnlichkeit hält sich in Grenzen. Ebenso die Auskunftsfreudigkeit der 36-Jährigen, die inzwischen getrennt von ihrem Ehemann wohnt.

Desiree D. beschränkt ihre Antworten auf polemische Aussagen oder ein schlichtes "Nein": keinen Bezug zur rechten Szene, keine Rechtsrock-Konzertbesuche, keinen Kontakt zu den Nachbarn, keine Kenntnis von Zschäpe, Mundlos und Böhnhardt - oder "SS-Siggi".

Für Beate Zschäpe war es ein guter Tag. Ein möglicher Aufenthalt in Dortmund scheint nicht belegbar. Ihre Verteidigerin Anja Sturm verlas direkt im Anschluss an die Vernehmung der beiden Dortmunder: "Jedem dürfte nach den Aussagen des Ehepaars D. klar geworden sein, dass die Angaben der Zeugin Veronika von A. nicht den Tatsachen entsprechen." Doch Zweifel bleiben.

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