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Massaker an Studenten: Mexikanische Armee entwaffnet Polizei in Iguala

Nach Massaker in Mexiko: Soldaten patroullieren in Iguala Fotos
AFP

In Mexiko wurden offenbar 43 Studenten von Kartellmitgliedern getötet - im Auftrag der Polizei. Dutzende Beamte aus Iguala sollen im Sold der Verbrechergruppe stehen. Die mexikanische Armee hat jetzt die Kontrolle in der Stadt übernommen.

Iguala - Nach dem Verschwinden von Dutzenden Studenten und der Entdeckung eines Massengrabs im südmexikanischen Iguala haben Armee und Bundespolizei in der Stadt die Kontrolle übernommen. Die Beamten der städtischen Polizei seien entwaffnet und zum Verhör in eine Militärbasis im Zentrum des Landes gebracht worden, sagte der nationale Sicherheitsbeauftragte Monte Alejandro Rubido.

Zwei Mitglieder der Bande "Guerreros Unidos" (Vereinigte Krieger) und ein städtischer Polizist hatten die Ermittler zu einem Massengrab am Rande von Iguala geführt und erklärt, dort 17 Studenten getötet zu haben. Der Sicherheitschef der Stadt, Francisco Salgado Valladares, habe angeordnet, die Studenten festzunehmen. Der Mordauftrag sei von "Chucky", dem örtlichen Chef der "Guerreros Unidos" gekommen, so die drei Männer.

Noch sind die insgesamt 28 Leichen in dem Massengrab nicht zweifelsfrei identifiziert, doch die Geständnisse weisen auf ein enges Geflecht zwischen dem organisierten Verbrechen und den staatlichen Sicherheitskräften hin. Allein in Iguala sollen 30 Beamte der städtischen Polizei im Sold der "Guerreros Unidos" stehen.

Bürgermeister und Sicherheitschef sind auf der Flucht

Die Bande ging einst aus einem bewaffneten Arm des Drogenkartells Beltrán Leyva hervor und gilt als ausgesprochen brutal. Nach Einschätzung des Geheimdienstes haben die "Guerreros Unidos" die Sicherheitskräfte in Iguala großflächig infiltriert. Die Stadt liegt strategisch günstig zwischen der Kartellhochburg Tierra Caliente, dem Urlaubsort Acapulco an der Pazifikküste und Mexiko-Stadt im Zentrum des Landes.

Warum die Gangster nun offenbar im Auftrag der Polizei die Studenten töteten, ist unklar. Der Bürgermeister und der Sicherheitschef von Iguala sind seit einer Woche auf der Flucht. "Es gibt keinen Unterschied mehr zwischen den staatlichen Institutionen und dem organisierten Verbrechen. Man kann sie nicht mehr auseinanderhalten", sagte Édgar Cortez vom Mexikanischen Institut für Menschenrechte und Demokratie der Zeitung "La Jornada".

Stadträtin Sofía Morena wagt sich seit einem Jahr nur noch in Begleitung eines Leibwächters auf die Straßen von Iguala. "Aus Angst und wegen der Unsicherheit gab es hier seit einem Jahr keine sozialen Proteste mehr", sagte sie der Zeitung "Excélsior".

Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam übernahm nun persönlich die Ermittlungen. "Straflosigkeit darf es nicht geben und wir müssen verhindern, dass sich so etwas wiederholt", sagte er. Auch der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto verurteilte die Tat scharf. Der Mord an den jungen Leuten sei empörend und inakzeptabel.

"Der Krieg hat schon begonnen"

Das Lehrerseminar Ayotzinapa, zu dem die Studenten gehörten, gilt als politisch links und als besonders aktiv bei politischen Protesten. Die meisten der Hochschüler stammen aus einfachen Verhältnissen und kommen aus Indio-Gemeinden. Sie waren zum Spendensammeln in Iguala unterwegs und kaperten als Protestaktion mehrere Busse, um in die etwa 100 Kilometer entfernte Provinzhauptstadt Chilpancingo zu fahren. Polizisten aus Iguala eröffneten daraufhin das Feuer.

Drei Studenten wurden getötet, Dutzende in Polizeifahrzeugen fortgebracht. Seitdem fehlt von 43 Studenten jede Spur. Nach weiteren Schüssen auf einen Bus voll Fußballspieler wurden insgesamt 30 Menschen festgenommen, darunter 22 Polizisten sowie Mitglieder der kriminellen Bande.

Am Montag forderten die "Guerreros Unidos" auf einem in der Stadt aufgehängten Transparent die Freilassung der Polizisten. Auf ihr Plakat schrieben sie: "Der Krieg hat schon begonnen."

vet/dpa/AFP

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1. Vollkommen verrückt!
captain_scheisse 07.10.2014
Nicht nachvollziehbar, weshalb so viele Menschen nicht einfach entspannen und einfach lieber etwas Schönes in der Sonne unternehmen mogen. Bei so vielen gestörten Nachrichten wäre ich lieber heute als morgen auf einem anderen Planeten. Dies ist immer weniger meine Welt und schlimmer noch: ich stelle fest, dass ich verrohe und mich selbst solche Nachrichten nicht mehr wirklich interessieren. Erschütternd. Kapitulation auf allen Seiten.
2.
outsider-realist 07.10.2014
Ich bin immer wieder überrascht wie wenig ein Menschenleben in so vielen Ländern der Welt wert ist. In solchen Augenblicken bin ich immer froh hier geboren zu sein- jedenfalls zu dieser Zeit. Das es auch bei uns größenwahnsinnige und gefährlich kriminelle Spinner gibt steht außer Frage aber alles in allem haben wir es hier recht gut im Griff. Ich muß immer grinsen, wenn sich dann Menschen hierzulande über schlechtes Wetter und Gutmenschentum aufregen. Solange dies der Fall ist, ist alles soweit in Ordnung.
3.
gott777 07.10.2014
Wirklich erschütternd seit Jahren immer wieder zu lesen, wie wenig ein Menschenleben in Mexiko wert ist und unter welcher Verrohung hier Menschen aufwachsen müssen. Hoffentlich gewinnt die Menschheit irgendwann den Kampf gegen die Drogen, das würde diesen Barbaren die Grundlage entziehen.
4.
enlasnubes 07.10.2014
Zitat von outsider-realistIch bin immer wieder überrascht wie wenig ein Menschenleben in so vielen Ländern der Welt wert ist. In solchen Augenblicken bin ich immer froh hier geboren zu sein- jedenfalls zu dieser Zeit. Das es auch bei uns größenwahnsinnige und gefährlich kriminelle Spinner gibt steht außer Frage aber alles in allem haben wir es hier recht gut im Griff. Ich muß immer grinsen, wenn sich dann Menschen hierzulande über schlechtes Wetter und Gutmenschentum aufregen. Solange dies der Fall ist, ist alles soweit in Ordnung.
Wie Sie schon richtig bemerken, liegen bei uns Europäern die Zeiten der Verrohung mal gerade zwei Generationen zurück. Noch vor einer Generation war es bei uns offizielle Politik, die Menschenrechtsverletzung/Morde der lateinamerikanischen Diktaturen gegen "Linke" stillschweigend zu dulden bzw. zu unterstützen. Der europäische Eiertanz bei der juristischen Verfolgung Pinochets oder die Glanzleistung der FDP-nahen "Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit" bei der Unterstützung des Militär-Putsches in Honduras 2009 sind sogar noch näher an der Gegenwart. Das, was dort in Guerrero geschieht, ist IMHO vielschichtig. Politisch, ökonomisch, rassistisch, sozial + Drogenkrieg. Ich sehe es auch als Mahnmal, was passieren kann, wenn der Staat zu schlank wird, und nur noch die Macht des ökonomisch Stärkeren regiert.
5. Früher war es auch nicht anders
StefanXX 07.10.2014
Zitat von captain_scheisseNicht nachvollziehbar, weshalb so viele Menschen nicht einfach entspannen und einfach lieber etwas Schönes in der Sonne unternehmen mogen. Bei so vielen gestörten Nachrichten wäre ich lieber heute als morgen auf einem anderen Planeten. Dies ist immer weniger meine Welt und schlimmer noch: ich stelle fest, dass ich verrohe und mich selbst solche Nachrichten nicht mehr wirklich interessieren. Erschütternd. Kapitulation auf allen Seiten.
Das erscheint Ihnen nur so .. früher war die Welt keinen Deut besser. Der Unterschied zu früher ist nur, dass Sie heute über fast jede Katastrophe, jedes Verbrechen und jeden Krieg in aller Ausführlichkeit und beinahe in Echtzeit medial informiert werden, wenn Sie das wollen. Und das überfordert uns psychisch oftmals. Früher lebte man mehr nach dem Motto "Was ich nicht weiß macht mich nicht heiß" und das war teilweise gar nicht so schlecht ...
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Sie kämpfen um die Macht und das Geld - mit brutalsten Mitteln: In Mexiko haben Drogenkartelle dem Staat und ihren Rivalen den Krieg erklärt. SPIEGEL ONLINE zeigt, welche Syndikate welche Regionen kontrollieren, und erklärt, wer die Hintermänner sind.

Fläche: 1.964.375 km²

Bevölkerung: 122,273 Mio.

Hauptstadt: Mexiko-Stadt

Staats- und Regierungschef: Enrique Peña Nieto

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