Von Simone Kaiser, Trier
Es sind diese Fälle, die ein Polizist abends im Kopf mit nach Hause nimmt. Am zweiten Jahrestag des Verschwindens von Tanja Gräff erleidet Bernd Michels einen Herzinfarkt. Morgens hatte er noch eine Gedenkfeier für die vermisste junge Frau besucht. "Man versucht natürlich stets eine professionelle Distanz zu halten", sagt Michels, "aber so ein Fall, der lässt einen nicht los." Michels glaubt fest daran, dass Tanja Gräff umgebracht wurde. "Natürlich gibt es auch Fälle wie den von Natascha Kampusch. Aber vieles spricht meiner Meinung nach für einen Sexualdelikt." Und der Kommissar in ihm frage sich immer noch: War der Täter schon bei mir auf der Dienststelle? Und wenn ja, warum hat er ihn nicht erkannt?
Samstag, der 9. Juni 2007: In der Wochenendausgabe der Trierer Lokalzeitung erscheint das Foto von Tanja Gräff, daneben ein Aufruf der Polizei. Gegen Mittag entscheidet der Leiter des Kommissariats für Kapitaldelikte, Bernd Michels, die Sonderkommission "FH" einzurichten. Die ersten Polizeibeamten durchkämmen den Wald hinter dem Hochschulgelände, stochern im Boden, blicken in die Baumkronen. Im Laufe der nächsten Tage, Wochen, Monate kontrollieren sie Brücken, Gewässer, Böschungen, verlassene Steinbrüche, das Moselufer. In der Fachhochschule öffnen sie jede Schranktür. Taucher und Hunde und Helikopter mit Wärmebildkameras suchen nach weiteren Spuren. Die Ermittler sprechen mit Tanjas Freunden, überprüfen ihre Alibis. Sie kontrollieren das Telefonbuch, die E-mails und fragen immer wieder: Wer hat Tanja zuletzt gesehen? Wann? Wo?
"Ein Zehntausend-Teile-Puzzle, das einen spiegelglatten Ozean zeigt"
Es sind die Privatdetektive, Wahrsager, Träumer, Knochenwerfer und selbsternannten Internetermittler, die Christian Soulier die meisten Scherereien machen. "Es vergeht keine Woche, in der wir nicht mehrere derartige Hinweise bearbeiten", erzählt der Kriminalhauptkommissar, "bislang war allerdings keine einzige brauchbare Spur dabei." Soulier trägt Jeans und ein kurzärmeliges Hemd, im Dezember 2009 hat er den Posten von Bernd Michels und damit auch die Suche nach Tanja Gräff übernommen. Mehr als 200 Aktenordner füllt der Fall inzwischen, die elektronischen Daten, Tausende Handy-Fotos etwa von der Fachhochschulen-Party und E-Mails nicht mitgerechnet. 2000 Hinweise sind bei den Ermittlern der Trierer Mordkommission in den vergangenen drei Jahren eingegangen.
Momentan wird beispielsweise erneut den Hinweisen eines Zeugen nachgegangen, der 2007 im saarländischen Homburg, zwei Tage nach dem Verschwinden, eine Beobachtung zu Protokoll gegeben hat, laut der ein Mann eine bewusstlose Frau in ein Auto getragen haben soll. Ob es überhaupt eine Verbindung zum Fall Gräff gibt, ist noch immer völlig offen. Auch Studenten, die auf dem Fachhochschulen-Fest vor drei Jahren Beobachtungen rund um den Zeitpunkt von Tanjas Verschwinden gemacht haben, werden noch immer gesucht.
"Vergleichen Sie es mit einem Zehntausend-Teile-Puzzle, das nichts weiter zeigt als den spiegelglatten Ozean. Wo wollen sie da anfangen", sagt Soulier.
"Man hat uns geraten, unsere Telefonnummer zu ändern", erzählt Tanjas Mutter. Die Gräffs bekommen nicht nur freundliche Anrufe. "Aber das geht doch nicht. Wenn Tanja wirklich noch leben sollte und irgendwann Kontakt zu uns aufnehmen kann, dann muss sie uns doch erreichen können!"
Einer der ersten großen Fälle, die Kommissar Bernd Michels in seiner Laufbahn zu lösen hatte, war eine brutale Vergewaltigung, die Frau wäre damals fast an ihren Verletzungen gestorben. Das war in den frühen achtziger Jahren. Erst 17 Jahre später wurde der Täter gefasst. "Aus diesem Grund darf man auch den Fall von Tanja Gräff nicht zu den Akten legen", sagt Michels. "Irgendwann finden wir vielleicht auch den Schlüssel zu diesem Fall."
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