Vermisste Studentin "Als hätte sich die Erde aufgetan und sie verschluckt"

Vor drei Jahren feierte die Studentin Tanja Gräff auf der Sommerfete der Fachhochschule Trier. Gegen vier Uhr früh telefonierte sie zuletzt mit einem Freund - seitdem fehlt von der 21-Jährigen jede Spur. Für ihre Eltern ist es, "als wäre die Zeit stehengeblieben".


Für Bernd Michels ist der Tod kein Unbekannter. Er war noch ein kleiner Junge, gerade einmal elf Jahre alt, als seine Mutter starb. Er ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, hat schon als Kind gelernt, das Pferd anzuspannen und das Feld zu pflügen. Bernd Michels sagt über sich selbst, er sei außergewöhnlich "belastbar". 44 Dienstjahre und einen Monat lang war er bei der Polizei, rund 25 Tötungsdelikte hat er als Kommissariatsleiter bearbeitet - jedes Jahr.

Er ist der Typ, bei dem immer Bleistift und Notizblock auf dem Nachttisch liegen. Seit über einem halben Jahr ist Bernd Michels jetzt in Pension. Aber es gibt einen Fall, der lässt ihn nicht zur Ruhe kommen. Denn weit schlimmer als der Tod ist für Bernd Michels die Ungewissheit.

Donnerstag, der 7. Juni 2007, in den frühen Morgenstunden: Die Bässe wummern, die Scheinwerfer zucken. Mehr als 10.000 Menschen tanzen, johlen, feiern. Die alljährliche Party auf dem Gelände der Fachhochschule Trier ist ein Pflichttermin für alle Studenten aus der Region, das Gelände am Waldrand ideal für eine laute Feier, die alten, gammeligen Parkdecks direkt am Campus geben eine wettergeschützte Tanzfläche ab. Die Lehramtsstudentin Tanja Gräff ist mit Freunden unterwegs, die sie vor kurzem erst kennengelernt hat. Sie hat ihre bunte Stofftasche umgehängt, die sie aus einem alten Hawaii-Hemd ihres Vaters genäht hat. An jeder zweiten Ecke trifft Tanja gute Bekannte, Freunde aus Schulzeiten, Kommilitonen. Irgendwann zerstreut sich die Clique, man verliert sich im Getümmel aus den Augen. Gegen vier Uhr wird Tanja an einem Bierwagen gesehen, das Handy am Ohr. Sie spricht mit einem Freund, der schon mit dem Shuttlebus auf dem Weg in die Stadt ist. Man verabredet, sich dort wieder zu treffen. Danach fehlt von Tanja Gräff jede Spur.

Die Eltern von Tanja Gräff sind Leute, mit denen man sich bei einem Straßenfest zufällig auf die gleiche Bierbank setzt und schon nach fünf Minuten plaudert, als würde man sich ewig kennen. Waltraud Gräff, 54, kurze blonde Haare, rote Brille, sagt: "Es ist als hätte sich die Erde aufgetan und Tanja einfach verschluckt". Karl-Heinz Gräff, 65, sitzt neben seiner Frau auf der Ledercouch und studiert still das bunte Kaffeeservice auf dem Wohnzimmertisch. An der Wand hängt das Bild seiner vermissten Tochter. Sie lächelt darauf offen in die Kamera, die rot-blonden Haare fallen über ihre Schultern.

Nach dem Verschwinden von Tanja wurde aus dem Schnappschuss das offizielle Fahndungsfoto, tausendfach abgedruckt in Zeitungen und auf Flugblättern. Der größte Schicksalsschlag ihres Lebens hat sich für die Gräffs nicht angekündigt. Über Nacht wurde aus der einzigen Tochter "der Fall Tanja Gräff". Selbstmord oder ein absichtliches Verschwinden schließen die Eltern aus.

Kein Tatort, keine Leiche, kein Anhaltspunkt

Drei Jahre sind seit dem 7. Juni 2007 inzwischen vergangen, "aber es ist, als ob die Zeit damals für uns einfach stehengeblieben wäre", erzählt Waltraud Gräff. Ihr Mann nickt. "Wir leben weiter, irgendwie, aber mit unserem richtigen Leben, mit unserem Leben mit Tanja, hat dieses Sein nichts mehr gemein." Therapeuten haben ihnen empfohlen, einen Grabstein aufstellen zu lassen, damit ihre Trauer einen Ort habe. "Pah", schnaubt Waltraud Gräff, "wo soll ich denn den hinstellen? Was sollen wir denn dort begraben? Unsere Hoffnung?" Waltraud und Karl-Heinz Gräff wollen einfach nur wissen, was in jener Nacht passiert ist.

Freitag, der 8. Juni 2007: Waltraud Gräff hat die ganze Nacht nicht richtig geschlafen. Sie macht sich Sorgen, aber sie geht trotzdem zur Arbeit. Schon am Donnerstagnachmittag - Fronleichnam - sie war gerade mit ihrem Mann vom Erdbeerpflücken zurückgekommen, hatte bereits ein guter alter Freund von Tanja bei ihr angerufen. Er könne ihre Tochter nicht erreichen, das Handy sei ausgeschaltet. Ganz untypisch für Tanja. Ihre Tochter ist äußerst zuverlässig, weiß Waltraud Gräff. Aber sie ist auch erwachsen - und niemandem Rechenschaft schuldig, nur weil sie eine Nacht nicht nach Hause kommt. Doch bei der Arbeit kann sich Waltraud Gräff an diesem Tag kaum konzentrieren. Die Angst setzt sich in ihrem Magen fest, zieht sie nach unten, wie ein Stein, der immer schwerer wird. Inzwischen haben die Freunde von Tanja miteinander telefoniert. Alle haben sie zuletzt auf der Party gesehen. Gegen 16 Uhr meldet Waltraud beim Kriminaldauerdienst in Trier ihre Tochter als vermisst.

Es gibt keinen Tatort. Keine Leiche. Bernd Michels, Erster Kriminalhauptkommissar im unruhigen Ruhestand, weiß, dass dies die schwersten Fälle sind, die ein Polizist zu bearbeiten hat. "Das Bauchgefühl, die Erfahrung signalisiert einem ganz früh: 'Da stimmt was nicht'", erinnert sich Michels an die ersten Tage der Fahndung nach Tanja Gräff, "sie müssen aber einfach alle Eventualitäten in Betracht ziehen. Denn vielleicht ist das, was sie zunächst ignorieren, am Ende die einzig entscheidende Spur."

Gibt es Hinweise auf ein freiwilliges Verschwinden? Auf einen Selbstmord? Einen Unfall? Eine Entführung? Ein Verbrechen? "Wenn wir ehrlich sind, können wir im Fall von Tanja Gräff überhaupt nur feststellen, dass wir nichts definitiv wissen. Das ist das wirklich Schreckliche."



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moricsala, 07.06.2010
1. nnnerv
Zitat von sysopVor drei Jahren feierte die Studentin Tanja Gräff auf der Sommerfete der Fachhochschule Trier. Gegen vier Uhr früh telefonierte sie zuletzt mit einem Freund - seitdem fehlt von der 21-Jährigen jede Spur. Für ihre Eltern ist es, "als wäre die Zeit stehen geblieben". http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,699171,00.html
Weshalb verwenden Sie nicht einfach die deutsche Rechtschreibung? Die ständige Verwendung von "Sie" und "Ihnen" wenn in Wirklichkeit "sie" und "ihnen" gemeint ist nervt unsäglich! Bitte Auto-Korrekturprogramm nicht abschalten, wenn Sie sich nicht sicher sind!
m.barufke 07.06.2010
2. Keine Macht dem Titelzwang
Das gibts doch nicht, der erste Beitrag hier ist geschmakloser Zynismus der schlimmsten Sorte und der zweite regt sich über die Rechtschreibung auf. Aber keiner der Poster äußert sich zum Thema. Haben sie keine anderen Sorgen ? Dieser Fall ist sehr tragisch und ich hoffe innigst das die Ermittler den Fall nicht aufgeben und weiter hartnäckig bleiben. Wenn das junge Mädel vielleicht nicht Lebend gefunden wird so muss zumindest der oder die Täte seine gerechte Strafe erhalten, damit die Famillie endlich in Frieden trauern kann.
Thomas von und zu B. 07.06.2010
3. Witzigkeit kennt keine Grenzen...
... oder vielleicht doch? Ich kann nicht lachen. Let's face it, die Chancen stehen schlecht und möglicherweise wurde ein Mensch brutal ermordet, weil ein anderer Mensch seine Triebe nicht unter Kontrolle hat. Was ist daran witzig?
Nasicha 07.06.2010
4. Sie ...
Echt, ganz mieses Ding. Schande über Sie! .. Das ist eine ganz traurige Geschichte. Besonders das Unwissen muss einen zur Verzweifelung treiben. Wünsche der Familie alle Kraft der Welt!
Jettenbacher 07.06.2010
5. Das Ungewisse
Das ist widerlich! Nichts ist für die Angehörigen schlimmer, als diese Ungewissheit. Wenn sie wenigstens tot wäre, könnten sie trauern, aber so ist es ein furchtbar langes warten. Was mich erstaunt: warum wird jetzt eine drei Jahre alte Spur neu aufgenommen? War sie nicht ausermittelt? Wenn in diesem Fall genau so viele Pannen im Fall Bögerl passiert sind braucht man sich nicht wundern, wenn der Fall nie geklärt wird.
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