Vernehmung Attentäter Breivik erklärt sich für nicht schuldig

Er wollte ein "starkes Signal" senden, aber nicht "so viele Menschen wie möglich töten": Anders Breivik erklärte sich nach dem Doppelanschlag für nicht schuldig, er soll psychiatrisch untersucht werden. Die Polizei hat die Zahl der Opfer inzwischen korrigiert, insgesamt seien 76 Menschen ums Leben gekommen.


Hamburg - Drei Tage nach dem Doppelanschlag in Norwegen hat der festgenommene Verdächtige die Taten gestanden, eine strafrechtliche Verantwortung aber abgelehnt. Anders Breivik erklärte sich für nicht schuldig. Die Polizei hat die Zahl der Opfer der beiden Anschläge korrigiert: Bei der Explosion einer Bombe im Osloer Regierungsviertel sind demnach acht Menschen ums Leben gekommen. Auf der Insel Utøya tötete der Attentäter 68 Menschen. Bislang war von 86 Opfern allein im Feriencamp die Rede gewesen.

Nach dem Haftprüfungstermin sagte der zuständige Richter Kim Heger, der 32-Jährige habe angegeben, Europa retten zu wollen. Zudem habe Breivik gesagt, dass die sozialdemokratische Arbeiterpartei in Norwegen versagt habe. Ihm sei es darum gegangen, ein Signal zu senden, das "nicht missverstanden werden konnte", sagte der Richter. Er habe aber nicht "so viele Menschen wie möglich töten" wollen.

Während der Vernehmung habe sich der Täter betont entspannt präsentiert. Er habe den Ermittlern deutlich gemacht, dass er davon ausgeht, den Rest seines Lebens im Gefängnis zu verbringen.

Als Motiv habe Breivik angegeben, sein Land gegen den Islam und den Marxismus verteidigen zu wollen. Er habe der Arbeiterpartei größtmöglichen Schaden zufügen wollen. Sie sei für die massenhafte Einwanderung von Muslimen verantwortlich und habe dafür bezahlen müssen. Breivik wollte im Rahmen der Vernehmung aus dem von ihm verfassten Manifest vorlesen. Dies verweigerten ihm die Richter. Breivik soll von zwei Experten rechtspsychiatrisch auf seine Zurechnungsfähigkeit untersucht werden.

Richter Heger begründete die Entscheidung, die Öffentlichkeit von der Anhörung auszuschließen, mit ermittlungstaktischen Gründen und Sicherheitsbedenken.

Vier Wochen Isolationshaft

Der 32-Jährige sprach während der Termins vor dem Haftrichter von "zwei weiteren Zellen in unserer Organisation". Der Richter lehnte es bei einer Pressekonferenz ab, näher auf diesen Punkt einzugehen. "Der Beschuldigte hat Angaben gemacht, die weiterer Untersuchungen bedürfen." In ersten Vernehmungen hatte Breivik angegeben, alleine gehandelt zu haben. Weitere Einzelheiten wollte der Gerichtssprecher aus der nichtöffentlichen Verhandlung mit dem geständigen Attentäter nicht mitteilen.

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Attentate von Norwegen: Anders Breivik vor Gericht
Im Rahmen einer Pressekonferenz haben Vertreter der Polizei beschrieben, wie der Doppelanschlag die norwegische Gesellschaft verändern wird. Es war zugleich der Versuch, das Unfassbare in Worte zu fassen. "Solche Ereignisse sind der Preis der Demokratie", sagte ein Sprecher der Polizei. Absolute Sicherheit könne es nicht geben.

Nach Angaben der Polizei wurden die Leichen der auf Utøya erschossenen Menschen inzwischen von der Insel weggebracht. Die dortige Suche nach Opfern werde aber fortgesetzt, weshalb ihre Zahl erneut steigen könne.

Gegen den Attentäter wurde eine achtwöchige Untersuchungshaft angeordnet - doppelt so lange wie normalerweise maximal üblich. Dies hatten die Ermittler beantragt, um mehr Zeit für die Aufklärung der Tatumstände zu haben. Die ersten vier Wochen der Untersuchungshaft soll er in vollkommener Isolation verbringen, um die Ermittlungen der Polizei in dem Fall nicht zu stören. Breivik darf weder Besuch empfangen noch Briefe schreiben oder empfangen. Auch Kontakt zu seiner Familie ist ihm untersagt.

Die Ermittler haben nun acht Wochen Zeit, die Untersuchungen abzuschließen. Schaffen sie es nicht innerhalb dieses Zeitraums, geht der Fall wieder zurück an das Gericht. Während der Fahrt zum Gericht hatten aufgebrachte Männer den Gefangenenwagen angegriffen.

Unterdessen wurde bekannt, dass Breivik Chemikalien zum Bau von Bomben über das Internet unter anderem bei einer polnischen Firma in Breslau bestellt hatte. Wie die polnischen Sicherheitsbehörden mitteilten, handelte es sich um legale Substanzen. Ein Sprecher von EU-Innenkommissarin Cecilia Malmström forderte in Brüssel eine Verschärfung der Bestimmungen zum Handel mit solchen Substanzen. Entsprechende Vorschläge lägen vor, sagte er.

Nach Informationen des "Tagesspiegels" hat Breivik sein Manifest kurz vor der Tat gezielt an mehrere hundert E-Mail-Adressen von Rechtsextremisten in Europa und den USA geschickt. Die Zeitung beruft sich auf Sicherheitskreise. Die E-Mails seien auch nach Deutschland geschickt worden - unter anderem an die NPD-Zentrale in Berlin sowie an E-Mail-Adressen der Partei in Erfurt, Aschaffenburg und Unna.

Weitere Empfänger seien Gruppierungen wie der "Nationale Widerstand Dortmund", die "Autonomen Nationalisten Ostfriesland" und die rechtspopulistische Partei "Bürger in Wut" gewesen, die mit einem Sitz in der Bremischen Bürgerschaft vertreten ist.

han/dpa/dapd/AFP

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Seite 1
Kalaharry 25.07.2011
1. Paßt ins Bild
Zitat von sysopEr gab an, Europa retten und ein "starkes Signal" senden zu wollen: Anders Behring Breivik hat sich nach dem Doppelanschlag in Norwegen als nicht schuldig bekannt. Gegen den 32-Jährigen wurde eine achtwöchige Untersuchungshaft verhängt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776499,00.html
Schon kurios, er wird mit den rauchenden Tatwaffen in der Hand am Tatort seines Massenmordes festgenommen und er bekennt sich nicht schuldig, als hätte ein unbekannter Dritter diese Taten begangen. Was für ein Mensch?
Acrylium 25.07.2011
2. Schuldig oder nicht?
In dem Artikel steht leider nicht genau, zu welchem Vorwurf er sich als "nicht schuldig" bekannt hat.
Arne11 25.07.2011
3.
Zitat von sysopEr gab an, Europa retten und ein "starkes Signal" senden zu wollen: Anders Behring Breivik hat sich nach dem Doppelanschlag in Norwegen als nicht schuldig bekannt. Gegen den 32-Jährigen wurde eine achtwöchige Untersuchungshaft verhängt. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,776499,00.html
Demokratie/Aufklärung ist definiert als das verbale Beilegen von Konflikten. Menschen mit anderen Meinungen zu erschiessen ist so ziemlich genau das Gegenteil davon...
smokinbu 25.07.2011
4.
Mehr war auch von diesem Scheusal nicht zu erwarten. Ich hoffe dieser Mensch kommt nie wieder auf freiem Fuß. Weg damit !
miruwa 25.07.2011
5. .
Wenn man sein komisches Manifest mal überfliegt läuft für ihn ja grade auch alles bestens. Er hat viele seiner "Gegner" erwischt und seine wirren Ideen wabern jetzt für alle Zeit durchs Netz. Mehr dazu sicher bald auf SPON.
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