Familie in Regionalzug verprügelt Die Angst fährt mit auf dem Land

Ein Fahrgast bat um Ruhe - das empfanden drei junge Männer in einem Regionalzug offenbar als Beleidigung und verprügelten die ganze Familie. Wie steht es um die Sicherheit im öffentlichen Nahverkehr?

Regionalzug der Niederbarnimer Eisenbahn NEB: "Brutaler Übergriff"
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Regionalzug der Niederbarnimer Eisenbahn NEB: "Brutaler Übergriff"

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Hamburg - Erneut sorgt ein Fall von Gewalt in einem Regionalzug für Empörung. Diesmal schreckten die Täter nicht davor zurück, auch einen sechsjährigen Jungen anzugreifen.

Am Samstag gegen 21 Uhr kam es auf der Bahnstrecke zwischen Müncheberg und Strausberg in Brandenburg zu der Auseinandersetzung: Drei junge Männer attackierten einen 29-jährigen Familienvater mit Fäusten - offenbar, weil er sie zuvor gebeten hatte, ihre Unterhaltung etwas leiser zu führen.

Als die Frau ihrem Mann zu Hilfe eilte, wurde sie am Oberkörper von Schlägen getroffen. Auch der sechsjährige Sohn blieb nicht von Hieben verschont. Der Mann erlitt Hämatome und eine Platzwunde über dem Auge, auch die Frau und der Junge trugen Blutergüsse davon. Sie wurden in einem Krankenhaus behandelt, konnten inzwischen aber wieder in ihre Wohnung im Berliner Bezirk Treptow zurückkehren.

Die Täter flüchteten, als der Zug am Bahnhof Strausberg hielt. Die Polizei suchte vergeblich die Umgebung ab - und hofft jetzt, dass sich Zeugen melden. Die Ermittlungen wegen gefährlicher Körperverletzung laufen. Den Opfern zufolge sind die drei Tatverdächtigen etwa 20 Jahre alt, einer trug eine weiße Kapuzenjacke, ein anderer eine Camouflage-Jacke. Zu Hintergrund und Motiv ist derzeit nichts bekannt.

Betreiber des Zugs von Berlin-Lichtenberg ins polnische Kostrzyn ist die Niederbarnimer Eisenbahn (NEB). "Einen so brutalen Übergriff in einem Zug haben wir noch nie gehabt", sagt Unternehmenssprecherin Corinna Alder. Seit 2006 befahre die NEB die Strecke, bisher sei es allenfalls zu Pöbeleien unter Passagieren gekommen.

Die drei Triebzüge des Regionalzugs seien offen und gut einsehbar, betont Alder. An Bord hätten sich der Triebfahrzeugführer und ein Kundenbetreuer befunden, der aber nicht Zeuge des Überfalls geworden sei. "Ein Fahrgast hat Alarm geschlagen und sie haben sofort die Bundespolizei informiert."

Personalmangel als Sicherheitslücke

Bei Umfragen geben über 90 Prozent der Befragten an, sich im öffentlichen Nahverkehr sicher zu fühlen. Doch Fälle wie dieser wecken immer wieder eine Urangst: die Furcht, in einem geschlossenen Raum bedroht zu werden, der Situation nicht entfliehen zu können, ausgeliefert zu sein. Umso mehr, wenn die Täter nicht einmal auf ein kleines Kind Rücksicht nehmen.

Weil Menschen geneigt sind, aus Angst ihr Verhalten zu ändern und womöglich seltener öffentliche Verkehrsmittel benutzen, sind Prügelattacken ein sensibles Thema für die Bahngesellschaften. So wird die Bahn nicht müde zu betonen, dass Züge und Bahnhöfe noch immer sicherer seien als der öffentliche Raum, zugleich musste der Konzern in seinem Sicherheitsreport vermelden, dass die Zahl der Körperverletzungen in ihren Bereichen 2013 um 4,3 Prozent gestiegen sei. Zur Beruhigung bemüht man gerne einen Vergleich: In Berlin würden sich sechsmal mehr Körperverletzungen im Jahr ereignen als im gesamten Bereich der Bahn.

Es ist der Versuch, mit Fakten der Furcht zu begegnen. Der stellvertretende Vorsitzende der Bundespolizeigewerkschaft, Horst Pawlik, reagiert mit Zahlen: "Allein im Vollzugsbereich fehlen der Bundespolizei mindestens 1000 Leute. Das wirkt sich kolossal auf die Sicherheitslage an Flughäfen, Bahnhöfen und Bahnanlagen aus."

Nun ist es der Job des Gewerkschafters, mehr Personal zu fordern, doch wenn er auf die Präsenz im ländlichen Raum zu sprechen kommt, trifft er offenbar einen wunden Punkt. Pawlik sagt, es sei nicht verwunderlich, dass sich der Vorfall an einem Samstagabend und in einem ländlichen Gebiet zutrug. Städtische Brennpunkte wie Frankfurt, Berlin oder Hamburg verzeichneten mehr Kriminalität, "fressen mehr Personal". Zudem seien am Wochenende bis zu 3000 der insgesamt 6000 Bereitschaftspolizisten damit beschäftigt, Bahnhöfe bei Fußballspielen zu sichern.

Wie souverän sind die Zugbegleiter?

Tatsächlich fühlen sich laut einer Forsa-Umfrage nur 63 Prozent der Reisenden auf den Bahnhöfen Brandenburgs sicher. Eine große Mehrheit der Befragten plädiert für mitfahrendes uniformiertes Personal und mehr Videoüberwachung. Die kann zwar Delikte nicht verhindern, aber zur Aufklärung des Verbrechens beitragen.

Eine Sprecherin der Bundespolizei erklärte, man werte derzeit die Daten der Überwachungskamera aus dem Regionalzug der NEB aus. Erste Ergebnisse sollen in Kürze vorliegen.

Etwa 160 Millionen Euro investiert die Bahn pro Jahr in Sicherheit. Die etwa 3700 Mitarbeiter des Bahnsicherheitsdienstes aber haben keine Polizeibefugnisse, sondern nur Jedermann-Rechte. Sie können im Ernstfall einen Täter festhalten, bis die zuständige Bundespolizei kommt.

Etwa 4800 Zugbegleiter sind im Nahverkehr unterwegs. "Die Zahl der Mitarbeiter ist aber nicht alles", sagt Gerd Aschoff vom Fahrgastverband Pro Bahn. "Vieles hängt davon ab, wie souverän sich die Zugbegleiter in einer kritischen Situation verhalten."

Es gebe viele Trainingsprogramme, in denen Deeskalationstechniken geübt würden. Auch die Mitarbeiter der NEB in Brandenburg wurden laut Sprecherin regelmäßig geschult. "Aber nicht jeder kriegt das gleich gut hin, wir sind alle nur Menschen", sagt Aschoff.

Große Hoffnung legt man in die Videoüberwachung. Schon jetzt sind 4800 Kameras auf 640 Bahnhöfen im Einsatz, außerdem 18.000 in Regional- und S-Bahnzügen. Laut Bahn sind damit 80 Prozent der Fahrgastströme überwacht. Blinde Flecken und tote Ecken gibt es bundesweit allerdings noch genug.

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