Verschwundene Studenten in Mexiko Wahrheit unerwünscht

Die mexikanische Regierung will den Fall abhaken: Angeblich steht fest, wer die 43 verschleppten Studenten getötet hat. Die Täter seien geständig, sie hätten die Leichen stundenlang verbrannt. Doch Physiker sagen, das könne nicht sein.

AFP

"Carpetazo". Das Wort machte diese Woche in ganz Mexiko die Runde. In Cafés, auf der Straße, bei Demonstrationen und in den sozialen Netzwerken reagierten die Menschen mit Wut, Häme und Ungläubigkeit auf das, was sie für eine konzertierte Aktion von Justiz und Regierung halten.

Präsident Enrique Peña Nieto hatte die Mexikaner aufgerufen, nach vorne zu schauen und nicht beim Thema der 43 verschwundenen Studenten zu verharren. Wenig später erklärte Generalstaatsanwalt Jesús Murillo Karam die 43 jungen Männer offiziell für tot. Weite Teile der mexikanischen Gesellschaft sind daher überzeugt, dass die Regierung den Fall nur noch schnellstmöglich loswerden will. "Carpetazo" bedeutet: etwas in den Papierkorb wandern lassen oder zu den Akten legen.

Das Verschwinden der 43 Studenten ist in Mexiko zum Symbol geworden für die Verstrickung von Politik und Polizei in das organisierte Verbrechen. Und ebenso für die Unfähigkeit oder den Unwillen des Staates, eine überzeugende Antwort auf die vielen offenen Fragen in dem Fall zu geben.

Das Vertrauen in den Staat ist so weit gesunken, dass viele Bürger die offiziellen Ermittlungsergebnisse für unwahr halten - und stattdessen alle möglichen Hintergründe des grausamen Verbrechens denkbar scheinen. Waren vielleicht sogar Sicherheitskräfte auf Bundesebene involviert?

Gut vier Monate sind seit dem Verschwinden der Studenten vergangenen. Es gibt 99 Festnahmen, 45 Angeklagte, eine 2000 Seiten starke Ermittlungsakte.

Die Ergebnisse der Staatsanwaltschaft

Lokale Polizisten in dem Ort Iguala übergaben die Studenten an Mitglieder der kriminellen Organisation Guerreros Unidos. Bandenmitglieder brachten die jungen Leute um, verbrannten die Leichen und warfen die Überreste in einen Fluss. Den Auftrag zur Beseitigung der Studenten soll der Bürgermeister von Iguala gegeben haben, um zu verhindern, dass sie eine Rede seiner Frau stören.

Mehrere Guerreros Unidos haben Geständnisse abgelegt, doch bisher konnten extra angefragte Gerichtsmediziner aus Österreich und Argentinien nur ein Opfer eindeutig identifizieren. Die gefundenen Überreste sind kaum noch auswertbar, sie lassen sich demnach keinem weiteren Studenten zuordnen.

Human Rights Watch (HRW) kritisierte die "Hast", mit der die Justiz den Fall medienwirksam abschließen will. Die offizielle Version sei zwar durchaus plausibel, aber in einem Land, in dem Geständnisse mit Druck und Folter erpresst würden, seien immer Zweifel angebracht, sagte José Miguel Vivanco, Amerika-Direktor bei HRW. Auch Amnesty International forderte die Regierung auf, weiter in andere Richtungen zu ermitteln. "Es ist sehr beunruhigend, dass in einem solch unklaren Fall nur eine Spur verfolgt wird", sagte Erika Guevara Rosas, Amerika-Direktorin bei AI. Sie fordert, eine mögliche Tatbeteiligung der mexikanischen Bundespolizei und Armee zu prüfen.

"Die Bundespolizei nahm aktiv teil"

Das mexikanische Magazin "Proceso" widmete dem Fall in Kooperation mit der kalifornischen Universität Berkeley eine Sonderausgabe. Die investigativen Reporter zeichnen nach, dass eine Tatbeteiligung der nationalen Sicherheitskräfte durch Videos, Aussagen von Opfern und Gerichtsakten belegt sei. "Die Bundespolizei nahm aktiv und direkt an dem Attentat auf die Studenten am Abend des 26. September teil", heißt es dazu in "Proceso".

Die Untersuchung der Reporter legt die These nahe, dass es nicht in erster Linie der Bürgermeister von Iguala war, der die Ortspolizei auf die Studenten ansetzte. Vielmehr seien die als linksgerichtet und rebellisch bekannten Studenten seit ihrer Abfahrt am Studienort Ayotzinapa vom Geheimdienst überwacht und von nationalen Sicherheitskräften auf ihrem Weg ins zwei Stunden entfernte Iguala verfolgt worden. Dort seien die jungen Männer erst um 22 Uhr angekommen - da war die Veranstaltung der Frau des Bürgermeisters aber schon zwei Stunden vorbei.

Weitere Ungereimtheiten betreffen die Aussagen der angeblichen Täter, sie hätten ihre Opfer über mehrere Stunden auf einer Müllkippe verbrannt. Die Physiker Jorge Antonio Montemayor und Pablo Ugalde von den Universitäten UNAM und UAM in Mexiko-Stadt halten dies für unmöglich. Um so viele Menschen zu verbrennen, bräuchte es mehr als die drei angeblichen Täter und unendlich viel brennbares Material. 33 Tonnen Baumstämme oder 995 Autoreifen wären notwendig gewesen, schreiben die Wissenschaftler in einer Untersuchung.

"Hauptsache, alles vertuschen"

Die offizielle Version der Staatsanwaltschaft sei nichts anderes als eine "Fantasie", behauptet Montemayor. Der Physiker hält es für möglich, dass die Studenten in den Krematorien der Streitkräfte verbrannt wurden. Das Militär sei die einzige Institution, die in der Nähe über "moderne und ausreichend große" Krematorien verfüge.

In diese Richtung geht auch die Aussage von Rafael López Catarino, Vater eines der Verschwundenen. Er habe das Handy seines Sohnes Julio César zuletzt in der Kaserne des 27. Infanteriebataillons in Iguala lokalisiert, behauptet López Catarino. "Mein Sohn war in der Nacht des 26. September zeitweise dort. Die Militärs sind verwickelt. Sie müssen wissen, wo unsere Jungs sind."

Trotz der Bitten der Angehörigen hat die Justiz weder die Spur zur Bundespolizei noch die zum Militär verfolgt. Für Raúl Vera, Bischof von Saltillo im Norden Mexikos, zeigt der Fall, dass sich der Staat in eine kriminelle Institution verwandelt habe. "Hauptsache, alles vertuschen", das sei die Devise.

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