Versuchter Mord: Gericht lässt mutmaßliche Mai-Randalierer frei

Von Sonja Bechtold

Zwei Schüler sollen bei Krawallen am 1. Mai in Berlin einen Molotow-Cocktail geworfen und eine Passantin schwer verletzt haben. Das Duo steht seit September wegen versuchten Mordes vor Gericht, jetzt dürfen die beiden jungen Männer nach Hause - vorerst.

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Mai-Krawalle in Berlin: "Das Verfahren dauert schon viel zu lange"

Berlin - Nach fast acht Monaten Untersuchungshaft sind die Yunus K., 20, und Rigo B., 17, wieder in Freiheit. Die Richterin hob an diesem Donnerstag den Haftbefehl gegen die jungen Berliner mit der Begründung auf, dass aus ihrer Sicht momentan kein dringender Tatverdacht mehr bestehe. Nicht nur bei den Angeklagten herrschte daraufhin große Erleichterung: Das Publikum im vollbesetzten Saal klatschte begeistert, die Verhandlung musste für zehn Minuten unterbrochen werden.

Vor der Tür des Gerichtssaals warteten etliche ehemalige Mitschüler und Freunde. Mit einer derartigen Nachricht hatte an diesem 16. Verhandlungstag wohl kaum jemand gerechnet. "Ich kann das jetzt nicht glauben", sagte der frühere Waldorfschüler Yunus K., der im Gefängnis sein Abitur gemacht hat, als er vor der Saaltür einem Freund in die Arme lief.

Die Anteilnahme war von Anfang an groß: Zahlreiche Unterstützer der beiden hatten jeden einzelnen Prozesstag auf einer extra eingerichteten Internetseite dokumentiert und kommentiert. Für Yunus und den Waldorfschüler Rigo wurden Mahnwachen, Kundgebungen und sogar ein Benefizkonzert in Berlin veranstaltet.

Ungewollte Unterstützung

Ungewollte Unterstützung bekamen Yunus K. und Rigo B. auch von den Berliner Autonomen. Obwohl sich die Angeklagten und ihre Familien von jeglicher Gewalt distanziert hatten, stilisierte sie die mutmaßlich gewaltbereiten Szene zu Opfern der Behördenwillkür. Die Berliner Antifa warb auf ihren Internetseiten für Yunus und Rigo, auch wenn denen das vor Gericht womöglich schaden könnte.

Die Vorwürfe gegen die beiden sind massiv: versuchter Mord und schwere Körperverletzung. Noch nie in der langen Folge von Krawallen und Gewalt am 1. Mai in Berlin wurden mutmaßliche Randalierer wegen versuchten Mordes angeklagt. Bisher steht nur fest: Jemand hat am Abend des 1. Mai aus einer Menge heraus einen Molotow-Cocktail auf eine Gruppe Polizisten geworfen. Dabei erlitt eine Passantin schwere Verbrennungen am Rücken.

Die Verteidigung wertete die Aufhebung des Haftbefehls als deutliches Zeichen dafür, dass das Gericht die Angeklagten am Ende freisprechen könnte. Dafür könnte auch sprechen, dass die Kammer Zweifel an der Objektivität zweier Belastungszeugen erkennen ließ. Sie wollen Yunus K. und Rigo B. am 1. Mai als Molotow-Werfer erkannt haben. Das Gericht schloss jedoch offenbar eine Verwechslung nicht mehr aus.

Schon seit ihrer Verhaftung bestritten die Angeklagten sämtliche Vorwürfe vehement. Die Verteidigung forderte seit Beginn des Prozesses am 1. September, das Verfahren einzustellen. Ebenso hatten die Anwälte bereits mehrfach Anträge auf Haftaussetzung gestellt und immer wieder bemängelt, dass zu wenige Verhandlungstage angesetzt worden seien.

"Das Verfahren dauert schon viel zu lange. Normalerweise muss im Durchschnitt zweimal pro Woche verhandelt werden. In unserem Fall kommen wir im Durchschnitt nicht mal auf einen Verhandlungstag pro Woche", so Verteidigerin Christina Clemm. Dadurch habe sich die U-Haft von Yunus K. und Rigo B. fast acht Monate hingezogen. Auch wenn die beiden Weihnachten nun zu Hause verbringen könnten, sagte Clemm: "So etwas kann man nie wieder gut machen."

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insgesamt 16 Beiträge
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1. Unerträgliches Leid
DeGe_Richter 17.12.2009
Zitat von sysopAuch wenn die beiden Weihnachten nun zu Hause verbringen könnten, sagte Clemm: "So etwas kann man nie wieder gut machen."
Wie schön dass das für schwere Verbrennungen gilt. Ja, da ist U-Haft für Randalierer definitv schlimmer, denn Verbrennungen höherer Grade pflegen sauber, narbenlos und ohne lebenslange Beschwerden abzuheilen. Wie schön, dass diese Passantin nun als Strafe dafür, in einer Autonom Befreiten Zone leben zu wollen, lebenslang wortwörtlich gebrandmarkt ist. Da haben Yunnus und Rico ihren Pazifistenfreunden sicher viel zu erzählen. Der Yuppieschlampe haben sie es aber gegeben! Und dank der Verzögerungstaktik ihrer RechtsbeiständIn haben sie jetzt vieleicht auch noch an dieser Brnadmarkung verdient. Ja, das kann man wirklich nie wieder gutmachen, Frau Clemm.
2. Schuldig
Gegengleich 17.12.2009
Zitat von DeGe_RichterWie schön dass das für schwere Verbrennungen gilt. Ja, da ist U-Haft für Randalierer definitv schlimmer, denn Verbrennungen höherer Grade pflegen sauber, narbenlos und ohne lebenslange Beschwerden abzuheilen. Wie schön, dass diese Passantin.....
Sie tun ja gerade so, als wären die beiden schuldig. Das ist nicht nur nicht erwiesen, es scheint auch fraglich. Außerdem tun Sie ja so, als wüßten Sie mehr. Warum sagen Sie dann nicht vor Gericht aus, um die Beiden zu belasten und ihrer gerechten Strafe zuzuführen? Mit den Verbrennungen und der Wiedergutmachung gebe ich Ihnen Recht, aber was hat das mit der Schuld der beiden Angeklagten zu tun?
3. Max und Moritz oder Yunus und Rigo.
Parzival v. d. Dräuen 17.12.2009
Zitat von Gegengleich... Mit den Verbrennungen und der Wiedergutmachung gebe ich Ihnen Recht, aber was hat das mit der Schuld der beiden Angeklagten zu tun?
Bedauerlich. Vielleicht lernt die Polizei daraus und setzt nächsten 1. Mai ein paar Kameras mehr ein, damit der Beweis vor Gericht anständig zu führen ist und endlich die Mordsbrut sich der Taten verantworten muss. Im besagten Falle bleibt dennoch ein schales Gefühl, dass da unter Umständen die falschen "heilige Nacht" singen werden.
4. Neuauflage der Dreyfus-Affaire
Bloomberg76 17.12.2009
Die Beweislage gegen die beiden war von Anfang an extrem dünn. Da war zunächst die fehlende Benzinspur an den Angeklagten, dann die Behauptung der Polizisten die beiden im 1.Mai Chaos ununterbrochen verfolgt zu haben (während sie seelenruhig auf eine Polizeikette zu gingen). Dann der Handschuh, der laut Polizeiprotokoll in der Hosentasche eines der Jugendlichen gewesen sein soll, was der Beamte aber nachdem sich herausstellte dass an dem Handschuh kein Brandbeschleuniger war widerrief und vor Gericht behauptete, der Handschuh habe irgendwo am Boden gelegen und er habe ihn "aus versehen" den Angeklagten zugeordnet. Dann der dritte Polizeizeuge, der seine Aussage zur Beobachtung der Täter komplett zurückzog. Seine Angaben im Protokoll seien ihm von seinem Chef (einem der anderen Polizeizeugen!) wörtlich vorgegeben worden. Dann die drei unabhängigen Zeugen (inklusive einer Beamtin und eines Anwohners) die Aussagen im Gegensatz zur Polizei (die das ganze aus 9-15 Metern beobachtet haben will) die Täter direkt von vorn gesehen zu haben und dass es sich bei den zwei Jugendlichen nicht um die Täter handelt. Die Tatsache dass die Staatsanwaltschaft ein Foto dass die wahren Täter zeigen soll, welches Filmstudenten noch in der Nacht der Polizei übergeben haben vier Monate lang zurückhält und dass dann bei der Durchsuchung bei einer der abgebildeten Personen ein Benzinkanister im Bettkasten (bei einem 16-jährigen!) nicht beschlagnahmt wird und sich dann wundert wenn bei einer erneuten Durchsuchung der Benzinkanister verschwunden und die Festplatte des PCs des Jugendlichen (der auch beim ersten mal nicht beschlagnahmt wurde) gelöscht ist. Nein, dieser Fall stinkt zum Himmel. Das ist eine neue Dreyfus-Affaire. Ohne Not wegen angeblicher Fluchtgefahr wurden hier die Leben von zwei jungen Menschen zerstört. Wenn dieser Fall vorbei ist MUSS gegen den Staatsanwat und die Polizeibeamten ermittelt werden. Ein solches Schauspiel ist unseres Rechtsstaats nicht würdig!
5. @ kleiner-moritz: Grundgesetz
cha cha 17.12.2009
Zitat von DeGe_RichterWer einen Migrationshintergrund aufzuweisen hat oder wie hier, der linken Szene zuzurechnen ist, der darf sich Dinge erlauben, da würden andere schon lange für brummen.
Auch Unschuldige? Das verwundert in der Tat, denn Demonstrationen bedürfen in unserem freiheitlichen Staat keinerlei Genehmigung. Wie kommt die Leipziger Verwaltung also dazu? Gibt's etwa nach 1989 in Leipzig noch immer Demonstrationen, die nicht genehmigt werden? Hierzulande herrscht Demonstrationsfreiheit. Man braucht keine Genehmigung, sondern muss lediglich Demonstrationen unter freiem Himmel (also solche an einem öffentlich zugänglichen Ort) *anmelden*. Einer Genehmigung bedürfen aber auch Demonstrationen unter freiem Himmel nicht. Weil Sie das offenbar vergessen haben, zitiere ich Artikel 8 unseres GGs: "Alle Deutschen haben das Recht, sich ohne Anmeldung oder Erlaubnis friedlich und ohne Waffen zu versammeln. Für Versammlungen unter freiem Himmel kann dieses Recht durch Gesetz oder auf Grund eines Gesetzes beschränkt werden."
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