Verweigerter Treueschwur Flaggenstreit erregt die USA

Eine Gerichtsposse regt die USA auf: Weil ein Anwalt zu Beginn eines Prozesses das Gelöbnis auf die amerikanische Flagge verweigerte, schickte ihn der Richter für fast fünf Stunden ins Gefängnis. Die Empörung darüber ist groß, der Gescholtene zeigt sich uneinsichtig.

Anwalt hinter Gittern: Danny Lampley weigerte sich, das Treuegelöbnis zu sprechen
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Anwalt hinter Gittern: Danny Lampley weigerte sich, das Treuegelöbnis zu sprechen


Tupelo - Wenn Richter Talmadge Littlejohn seinen Gerichtssaal in Tupelo, Mississippi betritt, erwartet er Respekt. Auch für die amerikanische Flagge. Doch als er am Mittwochmorgen die Anwesenden bat, das Treuegelöbnis auf Fahne und Nation zu sprechen, blieb ein Mann im Saal still. Littlejohn forderte den Anwalt Danny Lampley auf, den Eid ebenfalls aufzusagen. Aber der schwieg beharrlich. Für den Richter ein klarer Fall von Missachtung des Gerichts - er schickte Lampley hinter Gitter.

Im Gefängnis von Lee County solle sich Lampley von seiner Geringschätzung "freimachen", hieß es in der gerichtlichen Anordnung. Fast fünf Stunden verbrachte der 49-jährige Anwalt in einer Zelle. Dann ließ ihn Richter Littlejohn wieder frei. Das Gelöbnis sprach Lampley nicht.

"Ich muss es nicht aufsagen, nur, weil ich Amerikaner bin", sagte der Anwalt der Zeitung "Northeast Mississippi Daily Journal". Er respektiere den Richter, aber er werde in der Sache nicht nachgeben.

An diesem Tag standen sich im Gericht zwei Männer mit festen Prinzipien gegenüber: Auf der einen Seite Lampley, der laut einer Kollegin "die Verfassung liebt" und "ein eiserner Verfechter der Grundrechte" ist. Als Anwalt setzte er sich immer wieder für das Recht auf freie Meinungsäußerung ein. In den neunziger Jahren vertrat er eine Frau, die gegen Schulgebete in Mississippi klagte. Und half einem Mitglied des rassistischen Ku-Klux-Klan, eine vom Verbot bedrohte Demonstration gerichtlich durchzusetzen.

Respekt für Gott und die Flagge

Auf der anderen Seite Richter Littlejohn, Mitte 70, engagiertes Kirchenmitglied. Kollegen beschreiben ihn als ruhigen, etwas pedantischen Mann, der Gott respektiert - und die Flagge.

Laut dem "Northeast Mississippi Daily Journal" war es nicht das erste Mal, dass die beiden Männer aneinander gerieten: Bereits im Juni habe Littlejohn den Anwalt für seine Weigerung, den Schwur zu sprechen, gemaßregelt. Damals musste Lampley lediglich den Gerichtssaal verlassen. Offenbar hielt der Richter nun drastischere Maßnahmen für nötig. Er wollte jedoch keine Stellungnahme zu seiner Entscheidung abgeben.

Unter Rechtsexperten hat die Inhaftierung Lampleys für Empörung gesorgt. "Es ist nicht zulässig, jemanden zu dem Treueschwur zu zwingen", sagte Anwalt Bear Atwood von der "Amerikanischen Bürgerrechtsunion".

Umstrittenes Gelöbnis

Im Jahr 1943 hatte der Oberste Gerichtshof der USA entschieden, dass Schulkinder das Gelöbnis nicht sprechen müssen. Dieses Urteil wird meist so interpretiert, dass generell niemand gezwungen werden kann, das Treuegelöbnis zu leisten.

Die 35.000-Einwohner-Kleinstadt Tupelo, in der die Gerichtsverhandlung stattfand, war bislang vor allem den Verehrern des "King" ein Begriff, Elvis Presley wurde dort geboren. Nun ist Tupelo dank Lampleys Schweigen Schauplatz einer Posse, von der ganz Amerika Notiz nimmt.

Die Reaktionen sind geteilt. "Er ist eine Schande für die Vereinigten Staaten", sagte ein Bewohner Tupelos über Anwalt Lampley. "Wenn er den Eid nicht vor einem Richter sagen kann, verdient er es nicht, in diesem Land zu leben."

Lampleys Kollegin Judith Schaeffer verteidigte ihn dagegen in der "Washington Post": "Danny wird jederzeit die Prinzipien jedes Menschen verteidigen. Er liebt unsere Verfassung, und ihr überzeugter Verfechter."

"Unter Gott" ist nicht verfassungswidrig

"The Pledge of Allegiance" wurde erstmals 1892 veröffentlicht und lautet heute, nach einigen Änderungen: "Ich schwöre Treue auf die Fahne der Vereinigten Staaten von Amerika und die Republik, für die sie steht, eine Nation unter Gott, unteilbar, mit Freiheit und Gerechtigkeit für jeden." Das Gelöbnis wird zumeist an Schulen vor Unterrichtsbeginn gesprochen. Oft ist es auch Teil öffentlicher Veranstaltungen.

Immer wieder kommt es zu Auseinandersetzungen um den Treueschwur. Zuletzt entschied ein Gericht im März dieses Jahres, dass die Nennung der Worte "unter Gott" in dem Gelöbnis entgegen einer entsprechenden Klage nicht verfassungswidrig ist.

Verfassungswidrig habe sich höchstens Richter Littlejohn verhalten, sagt auch der Rechtswissenschaftler David Hudson Jr., die Anordnung, Lampley ins gefängnis zu werfen, verletze eindeutig Lampleys Recht auf freie Meinungsäußerung.

Richter Littlejohn ficht dies offenbar nicht an. Am Donnerstag verlangte er bei einer Verhandlung in Tupelo erneut, dass sich alle Anwesenden im Gerichtssaal erheben und den "Pledge of Allegiance" sprechen. "Damit habe ich wirklich nicht gerechnet", sagte Melissa Adams, die als Zeugin vorgeladen war und sich im Gerichtssaal befand. "Aber er hat darum gebeten, also habe ich's getan."

ank/AP

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 69 Beiträge
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Seite 1
Transmitter, 09.10.2010
1. Keine Posse!
Zitat von sysopEine Gerichtsposse*regt*die USA auf: Weil ein Anwalt zu Beginn eines Prozesses das Gelöbnis auf die amerikanische Flagge verweigerte, schickte ihn der Richter für fast fünf Stunden ins Gefängnis. Die Empörung*darüber ist*groß,*der Gescholtene zeigt sich uneinsichtig. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,722054,00.html
Der "Treueschwur" auf die Flagge symbolisiert lediglich die Akzeptanz des US-amerikanischen Rechtssystems, auf dessen Grundlage der Anwalt handeln sollte und müsste. Mit Nationalstolz hat das wenig zu tun. Daher ist das Verhalten des Richters keine Posse.
emantsol 09.10.2010
2. Heuchelei
Wir (die westlich orientierten Gesellschaften) erwarten von islamischen Ländern eine Säkularisierung und können sie selbst nicht bieten.
citizen_kane 09.10.2010
3. Land of the Free, Transmitter?
Zitat von TransmitterDer "Treueschwur" auf die Flagge symbolisiert lediglich die Akzeptanz des US-amerikanischen Rechtssystems, auf dessen Grundlage der Anwalt handeln sollte und müsste. Mit Nationalstolz hat das wenig zu tun. Daher ist das Verhalten des Richters keine Posse.
Und genau diese Akzeptanz soll an dem tatsächlichen(!) Handeln des Anwaltes deutlich werden und nicht an irgendwelchen symbolischen Handlungen wie einem Flaggenschwur. Wer das gerne möchte, darf das natürlich. Wer solche symbolischen Handlungen nicht will, muss in einem freien(!) Land auch die Möglichkeit dazu haben.
Riff 09.10.2010
4. Widerlegung eines lachhaftes Arguments
Zitat von TransmitterDer "Treueschwur" auf die Flagge symbolisiert lediglich die Akzeptanz des US-amerikanischen Rechtssystems, auf dessen Grundlage der Anwalt handeln sollte und müsste. Mit Nationalstolz hat das wenig zu tun. Daher ist das Verhalten des Richters keine Posse.
Da reicht die Zulassung durch die Anwaltskammer und ggf. ein Führungszeugnis nicht? Da kannst du genausogut von jedem, der in einen Bus einsteigt, einen "Treueschwur auf die Flagge" als Symbol für die Akzeptanz der Straßenverkehrsordnung verlangen.
Knut Olsen 09.10.2010
5. Auf Thema antworten
Zitat von TransmitterDer "Treueschwur" auf die Flagge symbolisiert lediglich die Akzeptanz des US-amerikanischen Rechtssystems, auf dessen Grundlage der Anwalt handeln sollte und müsste. Mit Nationalstolz hat das wenig zu tun. Daher ist das Verhalten des Richters keine Posse.
Nein, es ist ein Willkürakt, über den das Geschrei groß wäre, wenn er in einem islamischen Land passiert wäre. Freedom of speech heißt auch, dass man nichts sagen muss, wenn man nicht will. Ich würde auch keinen Eid schwören, in dem ein "Gott" vorkommt. Daran gebunden ist man ja sowieso nicht, was es nicht gibt, darauf kann man auch nicht schwören.
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