Verzögerung im Marwa-Prozess Angeklagter "ungehalten und außer sich"

Im Prozess um eine getötete Ägypterin in Dresden hat der Angeklagte das Verfahren erneut verzögert. Alex W. war nach einer Unterbrechung nicht bereit, erneut im Gerichtssaal vorgeführt zu werden. Grund für seine Erregung war ein Interview, das seine Mutter gegeben hatte.

REUTERS

Dresden - Im Prozess um den Mord an der Ägypterin Marwa al-Schirbini in Dresden hat der Angeklagte erneut für eine Verzögerung gesorgt. Der 28-Jährige konnte am Montag, dem fünften Prozesstag, nach einer Unterbrechung zunächst nicht aus dem Haftkeller vorgeführt werden.

Nach Angaben von Oberstaatsanwalt Frank Heinrich soll sich der Angeklagte über ein Interview seiner Mutter aufgeregt haben. Er sei "ungehalten und außer sich", sagte Heinrich am Rande des Verfahrens. Nach Angaben eines Gerichtssprechers wurde eine Rechtsmedizinerin zu dem Angeklagten Alex W. gebracht.

Die Mutter hatte der "Bild am Sonntag" ein Interview gegeben und unter anderem erklärt, ihr Sohn sei verzweifelt und wolle nicht mehr leben. "Sein Bild vom Islam, seinen Hass, das muss Alex vom Fernsehen haben", wurde sie zitiert.

Die Vorsitzende Richterin hatte sich überrascht über die Veröffentlichung gezeigt. Sie verwies darauf, dass sich die Mutter des Angeklagten bislang geweigert habe, vor Gericht Angaben zu machen. Der Text habe seinen Mandanten "betroffen gemacht", sagte auch Pflichtverteidiger Michael Sturm.

Alex W. habe sich so sehr darüber erregt, dass die Anwälte Zweifel an seiner Verhandlungsfähigkeit äußerten, berichtete die Vorsitzende Richterin Birgit Wiegand. Er empfinde das Interview quasi als Verrat seiner Mutter, da wohl vereinbart gewesen sei, nicht mit den Medien zu sprechen.

Die Ärztin erklärte den Angeklagten dennoch für verhandlungsfähig. Die Kammer gestattete dem 28-Jährigen, nach dem Ende des Verhandlungstages mit seiner Mutter über das Interview zu sprechen. "Vom Inhalt ist es eher beschützend gemeint, wie Mütter das so machen", versuchte die Richterin Alex W. zu beruhigen.

Es ist nicht die erste Verzögerung, die der Angeklagte verursacht hat. In der vergangenen Woche war er bei der Vorführung und im Gerichtssaal ausgerastet und hatte damit für eine stundenlange Verzögerung gesorgt.

Alex W. hatte Marwa al-Schirbini auf einem Spielplatz als "Islamistin" und "Terroristin" beschimpft und war zu einer Geldstrafe verurteilt worden. In der Berufungsverhandlung vor dem Dresdner Landgericht am 1. Juli hatte er die schwangere 31-jährige Muslimin mit 16 Messerstichen getötet und ihren Mann, der sie schützen wollte, ebenfalls mit 16 Stichen lebensgefährlich verletzt. Der dreijährige Sohn des Ehepaars musste die Bluttat mit ansehen.

In dem Mordprozess hat der Mann bislang weder Angaben zur Person noch zur Sache gemacht.

Eine Augenzeugin des Geschehens auf dem Spielplatz sagte am Montag vor Gericht aus, Alex W. habe von Anfang an "ungewöhnlich heftig" auf die Kopftuch tragende Frau reagiert. Als Schirbini ihn im August 2008 auf einem Spielplatz gebeten habe, die Schaukel für ihren Sohn freizumachen, sei er "sofort aggressiv" geworden, berichtete die Zeugin. Ein anderer Augenzeuge sagte aus, Alex W. habe sich weder von ihm noch von seiner eigenen Mutter beruhigen lassen.

Alex W. muss sich seit dem 26. Oktober wegen Mordes, versuchten Mordes und gefährlicher Körperverletzung verantworten. Der Prozess steht auch international im Fokus der Öffentlichkeit. Mehrere Medien aus dem arabischen Raum berichten von der Verhandlung.

Nach bisheriger Planung soll das Urteil am 11. November gesprochen werden.

pad/AP/dpa

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Seite 1
bürger mr 04.11.2009
1. Trauer
Jetzt kann der Prozess zu einem schnellen Abschluß gebracht werden. Bei Anwendung unserer Rechtstaatlichen Instrumente wird dieser Mörder für immer von der Bildfläche verschwinden. Kein Trost für die Familie des opfers, aber immerhin Genugtuung.
stonie, 04.11.2009
2.
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Prozess um den Tod der Ägypterin Marwa al-Schirbini: Der Angeklagte Alex W. hat die Tat gestanden - nachdem er zuvor jegliche Zusammenarbeit mit dem Gericht verweigert und im Saal randaliert hatte. Wie geht es weiter im Marwa-Prozess?
nun ja. er bekommt lebenslänglich. ist nur noch die frage nach der schwere der schuld im bezug auf sicherungsverwahrung. da der prozess unter starker internationaler beobachtung steht, wirds wohl mit sicherungsverwahrung kommen. m.E: gehört der man in die geschlossene forensik... viel spanennder dürfte das echo aus der arabischen welt sein. wenn man die letzten tage liest, dass "man es bedauere, dass es in D. keine todesstrafe gibt" endet bei mir zumindest jedes verständnis. wenn wir karikaturen mit rücksichtnahme auf religiöse empfindlichkeiten zensieren sollen, kann man wohl mit recht darauf bestehen, dass unser rechtsstaatliches system anerkannt und nicht mit füßen getreten wird!
burghard42 04.11.2009
3. der Verteidiger gewinnt die Oberhand
Zitat von sysopÜberraschende Wende im Prozess um den Tod der Ägypterin Marwa al-Schirbini: Der Angeklagte Alex W. hat die Tat gestanden - nachdem er zuvor jegliche Zusammenarbeit mit dem Gericht verweigert und im Saal randaliert hatte. Wie geht es weiter im Marwa-Prozess?
Ich verstehe die Taktik des Sysop nicht,warum ein neuer Strang heute ? Langsam gewinnt offensichtlich der Verteidiger Einfluß auf den Angeklagten und lenkt den Prozeß in übliche Bahnen :Affekthandlung,Totschlag oder Mord mit verminderter Schuldfähigkeit,Sozialisierung unter schlimmsten Umständen in der Wildnis.......usw.usf
Kabe 04.11.2009
4.
Zitat von burghard42Ich verstehe die Taktik des Sysop nicht,warum ein neuer Strang heute ? Langsam gewinnt offensichtlich der Verteidiger Einfluß auf den Angeklagten und lenkt den Prozeß in übliche Bahnen :Affekthandlung,Totschlag oder Mord mit verminderter Schuldfähigkeit,Sozialisierung unter schlimmsten Umständen in der Wildnis.......usw.usf
Dem ist leider nichts hinzuzufügen. Dieses "Geständnis" sucht nach Entschuldigungen, nichts weiter.
mursilli 04.11.2009
5. Affekttat
Zitat von burghard42Ich verstehe die Taktik des Sysop nicht,warum ein neuer Strang heute ? Langsam gewinnt offensichtlich der Verteidiger Einfluß auf den Angeklagten und lenkt den Prozeß in übliche Bahnen :Affekthandlung,Totschlag oder Mord mit verminderter Schuldfähigkeit,Sozialisierung unter schlimmsten Umständen in der Wildnis.......usw.usf
Wenn das keine Tat im Affekt war, dann weiß ich nicht, was ein Affekt ist. Allerdings bemißt die Schuld sich a u c h an der Schwere der Tat und ihren Folgen. (Alter Grundsatz: Die Tat tötet den Mann.) Infolgedessen wäre dies genauso zu bestrafen wie der finsterste Mord. Das rein subjektive Schuldstrafrecht führt zu den unsäglichsten Windungen und Fiktionen. Der Richter soll einen i n n e r e n Tatbestand feststellen, was er i.d.R. gar nicht kann. Daher diese unendliche Prozession von Gutachtern, die sich allerlei Kenntnis anmaßen, die sie einfach nicht haben.
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