Videoüberwachung Der Siegeszug der Elektro-Augen

Boom der Videoüberwachung: Die Hamburger Polizei feiert die Kameras als Nonplusultra und will jetzt aufrüsten. Die Briten sind schon einen Schritt weiter. Dort werden Missetäter mit Kinderstimmen zurechtgewiesen.

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Hamburg - In der Bahn, in der Bank, im Bahnhof: So richtig hat man sich an die Überwachungskameras in Deutschland noch nicht gewöhnt - wenngleich die Polizei durch den Einsatz der elektronischen Augen Erfolge in der Verbrechensbekämpfung feiert. Großbritannien dagegen gilt als "Überwachungsgesellschaft": Mehr als vier Millionen Videokameras kontrollieren das Königreich.

Überwachungskamera: Hamburg sagt Verbrechern den Kampf an
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Überwachungskamera: Hamburg sagt Verbrechern den Kampf an

Hamburgs Innensenator Udo Nagel hatte es bereits angekündigt: Die Hansestadt wird ihre Videoüberwachung aufstocken. Heute gab der parteilose Politiker bekannt, dass die genauen Standorte der Kameras rund um den Hansaplatz im Stadtteil St. Georg sein werden. Der Platz gilt mit rund 300 Straftaten pro Jahr als zweitgrößter Brennpunkt in Hamburg - nach der Reeperbahn. Erst am 22. März eskalierte auf dem Platz ein Streit zwischen zwei Männern, bei dem ein 43-jähriger Afghane niedergestochen wurde. Ab Juli sollen die Kameras fertig installiert sein. Große Hinweisschilder sollen Unwissende deutlich auf die Überwachung hinweisen.

"Wir sehen mehr, sind schneller vor Ort und können den Menschen eher helfen", sagte Nagel. "Die Videoüberwachung ist als Baustein für die Sicherheit in Hamburg nicht mehr wegzudenken. Das belegen schon nach einem Jahr die Einsatzzahlen mit zahlreichen Einzelbeispielen."

Im vergangenen Jahr wurden zwölf dreh- und schwenkbaren Videokameras auf der Reeperbahn eingesetzt. Was die Beamten sahen, führte nach Angaben des Innensenators zu 271 Einsätzen und 105 Festnahmen. Zahlreiche Schlägereien hätten verhindert werden können. "Die Zahlen zeigen eindrucksvoll, dass hier etliche Menschen durch den Einsatz der Videoüberwachung nicht zu Opfern geworden sind", so der Senator.

Die Zahl der Straftaten stieg allerdings, weil durch die Überwachung jetzt auch mehr Straftaten entdeckt werden. So wäre es nach Behördenangaben ohne die Kamerabilder entweder gar nicht zu Einsätzen oder erst deutlich später dazu gekommen. In weiteren 126 Fällen wurden Einsätze der Polizei Hamburg durch die Videoüberwachung unterstützt.

Deutschlandweit bekannt gewordene Fälle wie der des "S-Bahn-Schubers" im Jahr 2004, der Aufklärung einer Serie von Sexualstraftaten gegen junge Frauen oder die Festnahme der so genannten "Kofferbomber" und die Aufklärung des Mordes an dem kleinen Mitja in Leipzig belegten den Wert der Videoüberwachung, sagte der Politiker.

"Wir wollen nicht terrorisiert werden"

Unterstützung bekommt der Kamera-Einsatz von der Interessengemeinschaft Steindamm, einer Vereinigung aus Geschäftsleuten und Bürgern St. Georgs. "Wir wollen in Sicherheit leben, nicht von bestimmten Menschen terrorisiert werden und hoffen, dass die Videokameras die Gewaltbereitschaft eindämmen", sagt Quartiersmanager Wolfgang Schüler. "Auch wenn wir wissen: Ein Allheilmittel ist die Überwachung nicht."

Nils Zurawski vom Institut für kriminologische Sozialforschung der Universität Hamburg hat drei Jahre lang räumliche Vorstellungen, Sicherheitsgefühl und Einstellungen zur Videoüberwachung bei Hamburgern untersucht. Seinem Bericht "Videoüberwachung in Hamburg" zufolge stimmen 67,9 Prozent der befragten Bürger einer Videoüberwachung zu.

"Seit Jahren sorgen Tausende von Kameras in der U-Bahn, in Bussen, auf Bahnhöfen, in Banken, Schulen oder in Kaufhäusern für Sicherheit und verhindern Straftaten – selbst auf Schiffen im Hamburger Hafenfährverkehr wird bis zum Sommer die Sicherheit der Passagiere durch den Einsatz der Videoüberwachung erhöht", kündigte Nagel an.

In Großbritannien können die Kameras bereits sprechen

Einziger Gegner der Videoüberwachung: Der Bürgerverein St. Georg, der gemeinsam mit Geschäftsleuten und Anwohnern die Initiative "Kultur statt Kameras" gründete. Sprecher Helmut Voigtland befürchtet, dass sich die Kriminalität lediglich verschiebt - und zwar in die Nebenstraßen. "Den Hansaplatz kann man eher mit kulturellen Events retten, womit man Leute anlockt, den Platz belebt", so der Rechtsanwalt, der jedoch zugibt, dass "eine Überwachung die Ergreifung der Täter" vereinfache. "Doch den schrecklichen Mord vor wenigen Wochen hätte eine Kamera auch nicht verhindert."

In Großbritannien - einem Land mit rund 4,2 Millionen staatlichen und privaten Überwachungskameras - schmiedet das Innenministerium dagegen ganz andere Pläne: Dort sollen Überwachungskameras künftig nicht nur beobachten, sondern auch Gesetzesbrecher direkt ansprechen. Wer seinen Müll auf die Straße wirft, Leute anrempelt, Wände beschmiert oder sich anderweitig daneben benimmt, soll laut und klar aufgefordert werden, umgehend sein Verhalten zu ändern.

Die sprechenden Überwacher sollen zunächst für eine Testphase an 20 Orten in England aufgestellt werden. Die Live-Videobilder der Kameras werden wie bisher in Einsatzzentralen der Polizei oder privater Sicherheitskräfte ausgewertet. Bei Verstößen gegen die öffentliche Ordnung sollen entsprechende Mahnungen aus den Lautsprechern tönen: und zwar von Kindern gesprochen. Innenminister John Reid verspricht sich von der "Schande einer öffentlichen Bloßstellung für Erwachsene durch eine Kinderstimme eine größere Wirkung".

Das ist selbst den Anhängern der Hamburger Überwachungspolitik zu viel: "Welch furchterregender Gedanke", sagt Wolfgang Schüler, der Videoüberwachung in Maßen durchaus schätzt. Öffentliche Bloßstellung nach britischem Vorbild findet er unannehmbar. Ähnlich unheimliche Entwicklungen will er aber schon in den USA entdeckt haben. "Dort", sagt er, "können einem die Kameras angeblich schon hinterherlaufen."



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