Vierfachmord in Chevaline: Britischer Geheimdienst soll ermitteln

Von , Paris

Die Opfer starben an Kopfschüssen. Das Motiv für den Vierfachmord in den französischen Savoyen ist jedoch noch unklar, die Obduktionen und die Suche nach verdächtigen Autos sollen weiterhelfen. Offenbar ermittelt jetzt auch der britische Geheimdienst.

AFP

Kein Motiv, keine Verdächtigen, keine konkreten Spekulationen: Der Vierfachmord im französischen Departement Haute-Savoie gibt den Ermittlern Rätsel auf. Zwei Tage nach der grausamen Tat beginnt am heutigen Freitag die Untersuchung der Opfer im gerichtsmedizinischen Institut von Grenoble. Die Behörden erhoffen sich von der Autopsie der Leichen erste Hinweise auf die Art und Weise, wie die Bluttat in der Kleinstadt Chevaline begangen wurde.

Spezialisten von Gendarmerie und Kriminalpolizei prüfen derweil die am Tatort sichergestellten Indizien und untersuchen das Fahrzeug auf ballistische Spuren. Von der Analyse der 15 rund um den Wagen gefundenen Patronenhülsen erhoffen sich die Techniker Aufschluss über die Frage, ob ein oder mehrere Täter zugegen waren.

Am Mittwoch waren in einem weinroten BMW drei ermordete Erwachsene sowie daneben ein ebenfalls getöteter Radfahrer gefunden worden. Zwei kleine Mädchen hatten die blutige Tat überlebt. Der zuständige Staatsanwalt sprach von einer Tat, verübt mit "großer Rohheit und ausgesprochener Brutalität". Nach Darstellung von Eric Maillaud erhielten die vier Opfer "mindestens einen direkten Schuss in den Kopf". Das ältere Mädchen erhielt äußerst schwere Schläge und erlitt mehrere Schädelbrüche. "Hier wollte jemand töten", so der Staatsanwalt.

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Tatort Chevaline: Kein Motiv, keine Verdächtigen, viele Spekulationen
Die Polizei schließt zum gegenwärtigen Stand der Ermittlungen kein Motiv aus: professioneller Auftragsmord, Rachetat aus Leidenschaft oder ein Familiendrama - alles scheint möglich.

Die Ermittler konzentrieren sich zurzeit vor allem auf verdächtige Autos, die in der Nähe des Tatorts oberhalb des Sees von Annecy gesehen wurden. Nach Informationen der "Daily Mail" untersucht die Polizei unter anderem einen möglichen Zusammenhang mit einem versuchten Wagendiebstahl, der von vier maskierten und bewaffneten Männern in einer rund 80 Kilometer entfernten Stadt durchgeführt worden sei.

Möglicherweise hat eine Frau aus dem Nachbarort von Chevaline den Täter beobachtet: Dem Nachrichtensender BFM-TV berichtete sie, ein weißer Peugeot sei kurz nach 16 Uhr in hoher Geschwindigkeit durch eine Kurve am Ortseingang auf sie zugerast und beinahe außer Kontrolle geraten. "Der Fahrer, ein Mann mit schwarzem Hemd oder Poloshirt, war total in Panik."

Opfer soll britischem Geheimdienst bekannt sein

Inzwischen wurden weitere Details über die Opfer bekannt - aus denen sich vielleicht auch ein Tatmotiv ableiten lässt. Bei den Toten in dem Wagen handelt es sich um eine britische Familie. Der 50 Jahre alte Vater und seine 47-jährige Frau stammen aus dem Irak, die Familie mit den beiden Töchtern hat sich vor etlichen Jahren in Claygate in der Grafschaft Surrey niedergelassen, rund 30 Kilometer von London entfernt.

Laut "Daily Mail" ermittelt auch der britische Geheimdienst in dem Fall, mehrere Mitarbeiter wurden demnach zum Tatort geschickt. Der 50-jährige Geschäftsmann, der in Bagdad geboren wurde, soll demnach während des zweiten Golfkriegs überwacht worden sein. Nun überprüfe man seine Akte.

Bewohner aus Claygate beschrieben die Eltern im Gespräch mit französischen Medien als freundlich, unauffällig und beliebt. Der Vater, ein gelernter Ingenieur, der auch im Irak studiert hatte, war Chef einer Beratungsfirma für die Computerbranche. Die Mutter, ausgebildete Zahnärztin, kümmerte sich um die Familie.

Ein 67-jähriger Nachbar berichtete laut "Daily Telegraph", der Familienvater habe ihm kurz vor der Abreise nach Frankreich gesagt, dass er Ängste habe. Er habe der Polizei davon erzählt, so der Nachbar, der keine näheren Angaben machen wollte. Allerdings: Die Ängste hätten keinen politischen Hintergrund gehabt. Auch diesem Hinweis gehen die britischen Behörden nach.

Frankreichs Präsident François Hollande, der sich gestern zu einem bilateralen Treffen mit Ministerpräsident David Cameron in London aufhielt, versprach seinem britischen Gastgeber die volle Unterstützung der französischen Behörden. "Wir werden alles tun, um den oder die Schuldigen zu finden. Die Polizeiorganisationen unserer Länder kooperieren eng. Wir tauschen alle Informationen aus."

Vierjährige versteckte sich zu Füßen der Mutter

Bei einer Pressekonferenz am Donnerstag hatte der zuständige Staatsanwalt erste Details zur Entdeckung der Bluttat genannt. Danach befand sich am Dienstagnachmittag gegen 16 Uhr ein ehemaliger britischer Militär auf einer Radtour, als er auf einem Fahrweg im Wald an einer Steigung von einem anderen Fahrradfahrer überholt wurde. Nur wenige Minuten später stieß er auf einen großen BMW, Allradantrieb, bei dem der Motor lief, Fenster und Windschutzscheibe zersplittert und damit undurchsichtig waren.

Während der Mann das Auto umrundete, entdeckte er ein Mädchen, das auf ihn zukam und zusammenbrach. Der Brite legte die Verletzte in eine stabile Seitenlage und telefonierte um Hilfe. Nur wenige Schritte entfernt, auf der anderen Seite des Wagens, fand er das vierte Opfer: den Radfahrer, der ihn zuvor überholt hatte. Dann schlug der Brite auf der Fahrerseite die Scheibe ein und stoppte den Motor. Dabei entdeckte er am Lenkrad den Fahrer und auf den Rücksitzen zwei Frauen - alle tot.

Wenig später traf die Gendarmerie am Tatort ein, riegelte das Gelände großräumig ab. Es sollte noch weitere acht Stunden dauern, bis Experten der Gendarmerie vor Ort eintrafen und ihre Untersuchung auf das Fahrzeug ausweiten. Dort entdeckten sie gegen 23 Uhr hinter den Leichen der beiden Frauen einen weiteren Körper - lebend. Ein Mädchen hatte sich bewegungslos und still unter dem Gepäck zu Füßen seiner toten Mutter versteckt, nicht einmal die Wärmekamera des Hubschraubers über dem Tatort hatte die Kleine ausgemacht.

Eine Region unter Schock

Die Vierjährige, die bei ersten Gesprächen von Angst, Krach und Schreien berichtete, befindet sich in spezieller psychologischer Betreuung. Ihre siebenjährige Schwester wurde in einer Kinderklinik in ein künstliches Koma versetzt und befindet sich außer Lebensgefahr. Beide Kinder stehen unter engem Schutz der Polizei, sie sind die einzigen Zeugen, die eventuell konkrete Hinweise zum Tathergang machen können, bei der Vater, Mutter und Großmutter ermordet wurden.

Die getötete Familie hatte sich zuletzt auf dem benachbarten Campingplatz Le Solitaire du Lac aufgehalten, wo die Polizei Zelt und Wohnwagen der Ermordeten sicherstellte. Andere Feriengäste zeigten sich schockiert und erschrocken von der Bluttat.

"Wie konnte sich eine Tragödie hier abspielen? Hier in dieser so friedlichen Gegend," fragt ein französischer Tourist und fasst damit die Stimmung im gesamten Land zusammen. Die Tageszeitung "metro" überschreibt die Berichterstattung zu der Tragödie heute morgen mit nur einem - englischen - Wort: "Why?"

Mitarbeit Simone Utler, mit Material von dapd

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insgesamt 73 Beiträge
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1. ärgerlich
maarten.gassmann 07.09.2012
Wenn man schon aus anderen Zeitungen / Medien abschaft kann man doch bitte auch ordentlich übersetzten "der von vier maskierten und bewaffneten Männern in einer rund 50 Meilen entfernten Stadt durchgeführt worden sei." Wusste nicht das wir in Deutschland in Meilen messen und ein paar Zeilen weiter heisst es wieder Kilometer. Diese Schludrigkeit fällt immer mehr mehr auf bei SPON, echt Schade.
2. Schlimm....
pm40 07.09.2012
....wir waren letzte Woche noch in Annecy zum Einkaufen. Wenn ich mir vorstelle, dass......Schauder! Die armen Mädchen sind jetzt Vollwaisen. Hoffentlich werden/wird die/der Täter schnell gefasst. RIP
3. Was soll das ?
morpholyte 07.09.2012
Zitat von sysopAFPDie Opfer starben an Kopfschüssen. Das Motiv für den Vierfachmord in den französischen Savoyen ist jedoch noch unklar, die Obduktionen und die Suche nach verdächtigen Autos sollen weiterhelfen. Offenbar ermittelt jetzt auch der britische Geheimdienst. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/0,1518,854425,00.html
Was gibt es denn hier zu kommentieren ? Oder meint SPON, dass sich hier im Forum Zeugen oder gar der/die Täter zu Wort melden ? Blödsinnig !
4.
Methados 07.09.2012
Zitat von maarten.gassmannWenn man schon aus anderen Zeitungen / Medien abschaft kann man doch bitte auch ordentlich übersetzten "der von vier maskierten und bewaffneten Männern in einer rund 50 Meilen entfernten Stadt durchgeführt worden sei." Wusste nicht das wir in Deutschland in Meilen messen und ein paar Zeilen weiter heisst es wieder Kilometer. Diese Schludrigkeit fällt immer mehr mehr auf bei SPON, echt Schade.
[QUOTE=maarten.gassmann;10907761]Wenn man schon aus anderen Zeitungen / Medien abschaft kann man doch bitte auch ordentlich übersetzten "der von vier maskierten und bewaffneten Männern in einer rund 50 Meilen entfernten Stadt durchgeführt worden sei." Wusste nicht das wir in Deutschland in Meilen messen und ein paar Zeilen weiter heisst es wieder Kilometer. Diese Schludrigkeit fällt immer mehr mehr auf bei SPON, echt Schade.[/QUOTE sehe ich genauso wie sie. aber lautstark nach dem leistungsschutzrecht jaulen - damit der qualitätsjournalismus erhalten bleibt. das ich nicht lache.
5. arg und ärger
cassandros 07.09.2012
Zitat von maarten.gassmannWenn man schon aus anderen Zeitungen / Medien abschaft kann man doch bitte auch ordentlich übersetzten "der von vier maskierten und bewaffneten Männern in einer rund 50 Meilen entfernten Stadt durchgeführt worden sei." Wusste nicht das wir in Deutschland in Meilen messen und ein paar Zeilen weiter heisst es wieder Kilometer. Diese Schludrigkeit fällt immer mehr mehr auf bei SPON, echt Schade.
Ist es nicht viel ägerlicher, daß jemand, der versucht, einen Journalisten wegen "Schludrigkeit" zu tadeln, selbst in 6 Zeilen elf (!) Fehler macht? Ansprüche, die man stellt, sollte man - sofern man für die kritisierte Leistung nicht bezahlt - selbst erfüllen (können)!
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