Urteil im Fall Ilsede: "Eigensüchtiger kann man Kinder nicht umbringen"

Von , Hildesheim

Andreas S. liebte seine vier Kinder, wollte sie selbst im Tod bei sich haben: Deshalb hat er sie ermordet. Dafür muss er 15 Jahre in Haft, untergebracht wird er in der Psychiatrie. Das Landgericht Hildesheim sieht in dem 37-Jährigen weiter eine Gefahr für sich und andere.

Als die Rettungssanitäter ins Schlafzimmer im zweiten Stock eines Reihenhauses im niedersächsischen Ilsede stürmten, saß Andreas S. mit aufgeschlitztem linken Arm auf der Kante des Ehebettes. Neben sich die Leichen seiner vier Kinder aufgebahrt. Mit einem Teppichmesser ritzte er sich in diesem Moment in den Hals.

Die Helfer entrissen ihm die Waffe, Andreas S. wehrte sich. "Lasst mich sterben!", rief er, er wolle bei seinen Kindern sein. "Das werden wir nicht tun", sagte eine Rettungskraft. Wenige Minuten später wäre Andreas S. seinen schweren Verletzungen erlegen.

Dass Andreas S. lebt, ist wohl die schlimmste Strafe für ihn. Er muss damit leben, dass er am 14. Juni dieses Jahres seine Kinder Pia, Noah, Lio und Lean, die zwischen fünf und zwölf Jahren alt waren, getötet hat. Er hat damit auch das Leben ihrer Mutter zerstört und das der Großeltern, Verwandten und Freunde schwer erschüttert.

So muss das Urteil, das das Landgericht Hildesheim am Donnerstag fällte, für ihn eher eine untergeordnete Rolle gespielt haben: Die Schwurgerichtskammer sprach ihn des vierfachen Mordes schuldig, verurteilte ihn zu 15 Jahren Haftstrafe und ordnete die Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik an.

Sind weitere Taten zu befürchten?

Letzteres sei, so der Vorsitzende Richter Ulrich Pohl, das Schwierigste gewesen, das die Kammer habe klären müssen: Ist dieser Angeklagte in der Psychiatrie unterzubringen? Und vor allem: Sind weitere Taten zu befürchten?

Bei der Tat sei der Vater in seiner Steuerungsfähigkeit erheblich eingeschränkt gewesen, konstatierte die Kammer und stufte Andreas S. als vermindert schuldfähig ein. Durch eine schwere Depression, 1,3 Promille Alkohol im Blut und eine Persönlichkeitsakzentuierung sei Andreas S. "in einen psychose-nahen Zustand" geraten, der ihn in die Irrealität katapultiert habe.

"Wir alle sind uns sicher, dass er im Normalzustand diese Tat nicht begangen hätte", so Pohl. Andreas S. habe seine Kinder, seine Frau geliebt, alles für die Familie getan. Ein Gutachter hatte den 37-Jährigen wegen seiner Persönlichkeitsstruktur, seiner Depressionen und einer extremen Suizidgefährdung als gefährlich eingestuft.

Dieser Einschätzung folgte die Kammer. Sie sehe eine "ganz konkrete Gefahr", dass Andreas S. einen weiteren Anlauf nehmen könnte, aus dem Leben zu scheiden und andere in Gefahr zu bringen, begründete Richter Pohl das Urteil. "Die Motivation, jetzt zu sterben, ist durch die Tat nur gestiegen."

Mit seiner Schwermut, die ein Psychiater später als Depression attestierte, hatte die Talfahrt dieser Bilderbuchfamilie begonnen. Richter Pohl schilderte am Donnerstag noch einmal die Zeit nach Pfingsten 1997. Damals hatte Andreas S. seine spätere Ehefrau kennengelernt. Es waren harmonische Jahre voller liebevoller Momente, denen im Prozess mehrere Zeugen noch Respekt zollten.

Am 3. Oktober 2011 kam es jedoch zu einem Vorfall, der nach Ansicht des Gerichts im Wesentlichen die Wende in der Idylle nach sich zog: Andreas S. hatte am späten Abend drei Flaschen Wein intus, war völlig aufgelöst, mit den Nerven am Ende. Er sorgte sich, ob er nicht zu wenig Geld verdiente für seine Familie. Im Wutrausch zertrat er sein Handy und seine Brille. Seine Ehefrau erkannte, dass er psychisch angegriffen war, tröstete ihn.

Der Frau "Schlimmes" antun, damit sie nicht um ihn trauere

Am nächsten Morgen eskalierte die Situation: Schwer depressiv entschloss sich Andreas S., sich umzubringen, er plante, mit seinem Auto in den Gegenverkehr zu rasen. Er packte seine Frau, schmiss sie auf das Bett, versuchte, sie zu vergewaltigen. Die Kammer glaubte Andreas S., der diesen Gewaltausbruch damit begründete, er habe damals seiner Frau "Schlimmes" antun wollen, damit sie nicht um ihn trauere, wenn er tot sei.

Dieser Exzess manifestierte, wie es um den psychischen Zustand des vierfachen Vaters bestellt war. Er war Auslöser für eine intensive stationäre Behandlung - aber auch ein Wendepunkt für die Ehefrau. Ab diesem Zeitpunkt achtete sie darauf, dass Andreas S. abstinent lebte und dem Alkohol entsagte.

Die Ehe erlebte einen zweiten Frühling, das Paar fühlte sich "frisch verliebt", plante die Erneuerung seines Eheversprechens. Doch im Frühsommer dieses Jahres begann Andreas S. an einem Tag auf der Terrasse Bier zu trinken. "Seine Ehefrau befürchtete, dass er wieder in depressive Stimmung verfallen könnte oder es gar wieder für sie gefährlich werden könnte", resümierte Richter Pohl.

Das Ultimatum, das sie ihm setzte, ignorierte Andreas S. Sie selbst empfand dies als gravierend, verbrachte die folgende Nacht im Bett eines ihrer Söhne und verkündete am nächsten Tag, dass sie die Trennung wolle. Als Liebesbeweis absolvierte er eine Entziehungskur, doch - so viel ließ der Richter am Donnerstag durchblicken - Andreas S. hatte kein Alkoholproblem. Seine Ehefrau ahnte wohl, dass der Alkohol nicht Auslöser für seine Unberechenbarkeit war, sondern vielmehr Katalysator für seine Depressionen.

Er klammerte sich an die Hoffnung, alles werde gut

Andreas S. zog zu seiner Schwester, verbrachte aber trotzdem seine Freizeit ausschließlich mit und bei seinen Kindern. Er klammerte sich an die Hoffnung, dass alles gut werde. Einmal, in tiefe Zweifel gestürzt, drohte er seiner Frau, er werde sich umbringen - zu trostlos war für ihn die Vorstellung, getrennt von seiner Familie zu leben.

Er wollte erneut in Selbstmordabsicht in den Gegenverkehr steuern, tat es jedoch nicht. Seine Ehefrau kümmerte sich danach so intensiv um ihn, dass es zu einer Nähe kam, die der Richter als "Abschieds-Geschlechtsverkehr" bezeichnete.

Ein Akt, der neue Hoffnungen in Andreas S. geweckt haben muss, auch wenn er danach nicht wieder bei seiner Familie einziehen durfte. Als die Ehefrau für eine Woche allein nach Dänemark verreiste, steigerte er sich in die Erwartung, sie und er würden als Paar im Anschluss wieder zusammenfinden.

Das Gegenteil war der Fall. An dem Tag, an dem sie ihm am Telefon aus Dänemark mitteilte, dass seine Zuversicht sinnlos sei, tötete Andreas S. seine vier Kinder. En detail beschrieb Richter Pohl, wie er bis 22.30 Uhr im Keller zwischen sieben und zwölf Flaschen Bier trank, Familienbilder und erotische Aufnahmen von sich und seiner Frau anschaute, in Erinnerungen schwelgte und anschließend seinen drei schlafenden Söhnen mit einem Teppichmesser in den Hals stach, eine Packung Ersatzklingen in der Hosentasche.

Die Kammer ersparte dem Angeklagten keine grausige Einzelheit, etwa die enormen Mengen Blut, die die Kinder in jener Nacht verloren. Das des kleinen Lio floss in eine elektrische Leitung, so dass der Strom im ganzen Haus ausfiel.

"Für keines der Kinder gab es Anhaltspunkte, dass der Vater gewaltsam gegen sie vorgeht", sagte Pohl in der Urteilsbegründung. Sie hätten geschlafen in der Annahme, "im Haus sei alles in bester Ordnung".

Nur Pia, die Älteste, war noch wach. "Was ist denn los?", fragte sie ihren Vater, als er auf sie losging. Sie habe sich nach allen Kräften gewehrt, konstatierte der Richter. "Dieses Kind hat eine Zeit lang gesehen, was auf es zukommt. Dass es der Vater ist, der geliebte Vater, der es töten will."

Andreas S. hat nach Ansicht des Gerichts seine Kinder getötet, weil er nicht ohne sie sein und mit ihnen im Tod vereint sein wollte. "Eigensüchtiger kann man Kinder nicht umbringen", so Pohl.

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