Vietnam-Krieg Todesregen, Prozessflut und ein Tropfen Hoffnung

Agent Orange - so hieß das hochgiftige Pflanzenvernichtungsmittel, mit dem die US-Armee Vietnam verpestet hat. Noch heute leiden die Opfer unter den schrecklichen Folgen. Jetzt wollen sie vor Gericht eine Entschädigung erstreiten.

Von Marina Mai


Hamburg - Für Hai Bluhm aus Potsdam beginnen nun anstrengende Wochen. Sie wird hoffen, bangen, leiden - und die Sozialarbeiterin Mitte 50 wird, anders als es sonst ihre Gewohnheit ist, sämtliche Nachrichten begierig aufsaugen, die aus den USA über den Atlantik schwappen.

Grund für Hai Bluhms Aufmerksamkeit ist ein Zivilprozess, der am Montag vor einem New Yorker Gericht in die nächste Runde geht: Mit einer mündlichen Anhörung beginnt dort die Berufungsverhandlung der Vietnamesischen Vereinigung der Agent-Orange-Opfer gegen 37 US-Chemiefirmen. Mit einer Entscheidung ist erst in Monaten zu rechnen.

Die Opferorganisation, die nach eigenen Angaben 4,8 Millionen erkrankte Vietnamesen vertritt, fordert vor Gericht Entschädigung für Gesundheitsschäden, die durch das im Vietnamkrieg eingesetzte Herbizid Agent Orange verursacht worden sein sollen. Beklagt wurden insgesamt 37 Chemiefirmen, die das dioxinhaltige Gift hergestellt hatten, darunter Dow Chemical and Monsanto.

Agent Orange war zwischen 1961 und 1971 durch die US-Armee über großen Teilen Zentralvietnams sowie über den sogenannten Ho-Chi-Minh-Pfad an der Grenze zu Laos und Kambodscha versprüht worden. Die Amerikaner wollten das Laubdach beseitigen, das dem Gegner Schutz und Tarnung bot. Nach Angaben der Hanoier Regierung sollen 76 Millionen Liter des Herbizids ausgebracht worden sein. Die Opferorganisation verklagt nun die Herstellerfirmen, weil die Verfassung der USA eine Klage gegen die Regierung nicht zulässt.

Opfer fordern "endlich Gerechtigkeit"

"Ich wünsche mir, dass den Opfern endlich Gerechtigkeit geschieht", sagt Hai Bluhm. Die Sozialarbeiterin betreut einen in Deutschland lebenden Landsmann, der möglicherweise an den Spätfolgen von Agent Orange leidet. Der 24-jährige Vo Minh Chau aus dem brandenburgischen Belzig ist aufgrund eines Gehirntumors fast erblindet. Ein Gutachten schreibt die Erkrankung mit einer hohen Wahrscheinlichkeit dem Gift zu. Der abgelehnte Asylbewerber genießt wegen der Krankheit Abschiebeschutz. In Vietnam werden auch heute noch viele Kinder mit schweren Missbildungen geboren. Mehr als 30 Jahre nach Ende des Krieges ist die Dioxin-Konzentration dort in vielen Lebensmitteln ungewöhnlich hoch.

Dennoch scheiterte Anfang 2005 die ursprüngliche Klage der Opferorganisation vor dem New Yorker Federal Court of Brooklyn. Richter Jack B. Weinstein konnte einen kausalen Zusammenhang zwischen dem versprühten Gift und den Krankheiten der Kläger nicht zweifelsfrei erkennen. Die Opfer gingen in Berufung.

"Richter Weinstein irrt, wenn er sagt, die Chemiefirmen hätten mit der auftragsmäßigen Herstellung von riesigen Mengen Herbiziden für die US-Streitkräfte nicht internationales Recht gebrochen", erklärt der amerikanische Staranwalt Constantine Kokkoris, der die vietnamesische Opferorganisation vertritt. "Und das wollen wir vor dem Berufungsgericht beweisen."

Nach Angaben der Hanoier Onlinezeitung "Thanh Nien News" werden vier Opfervertreter am Montag persönlich nach New York reisen und angehört. Zudem werden ehemalige GIs aussagen – nicht als Gegner der Vietnamesen, sondern als ebenfalls Erkrankte.

Betroffene GIs wurden entschädigt, Vietnamesen aber nicht

Unter den vietnamesischen Klägern ist der 47-jährige Vo Thanh Hai aus dem zentralvietnamesischen Hue. Während des Krieges lebte er in einem stark besprühten Gebiet nahe dieser Stadt. Heute leidet er unter einer besonders aggressiven Erkrankung des Lymphsystems, die er auf den Einsatz von Agent Orange zurückführt. Auch den Tod seiner beiden neugeborenen Kinder schreibt der Mann den versprühten Giften zu.

Für die Herstellerfirmen der Gifte schien das Thema Agent Orange längst abgeschlossen. 1984 ließen sie sich auf einen außergerichtlichen Vergleich mit den GIs ein, die als Kriegsteilnehmer mit den Giften Umgang hatten und Gesundheitsschäden davongetragen hatten. Es wurde ein Fonds in Höhe von 180 Millionen US-Dollar eingerichtet, aus dem 300.000 Amerikaner versorgt wurden. Ein formales Schuldzugeständnis der Chemiefirmen war damit ausdrücklich nicht verbunden. Sie wollten nur eines: einen Schlussstrich unter das Thema ziehen. Mit einer Klage von betroffenen Vietnamesen hatte damals niemand gerechnet. Die wurde erst möglich, nachdem 1994 das US-Handelsembargo gegen den einstigen Kriegsgegner gefallen war.

Doch auch danach hielt es die Hanoier Regierung lange Zeit nicht für geboten, dass ihre Bürger vor einem US-Gericht Entschädigung erstritten. Zuerst sollten sich die zwischenstaatlichen Beziehungen normalisieren. Hanoi hoffte auf freiwillige humanitäre Leistungen des einstigen Kriegsgegners. Vergebens.

Im vergangenen Jahr verpflichtete dann ein südkoreanisches Gericht die Herstellerfirmen zur Entschädigung von 6800 Militärveteranen, die die US-Armee während des Vietnamkrieges unterstützt und Gesundheitsschäden davongetragen hatten. Sieben internationale Völkerrechtler aus den USA, Frankreich, Deutschland, Indien, Belgien, Benin und der Schweiz forderten im April die US-Regierung zur Zahlung staatlicher Wiedergutmachung auf. Anders als die vor Gericht möglicherweise zu erstreitenden Entschädigungen sollte eine Wiedergutmachung nicht den Opfern zugute kommen. Sie könnte es dem Staat ermöglichen, verseuchte Territorien und das Grundwasser zu entgiften.

Hai Bluhm aus Potsdam hingegen wünscht sich, "dass die Familien mit behinderten Menschen in Vietnam" endlich Unterstützung bekommen. "Ich kenne viele, denen diese Last sonst über den Kopf wächst."



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