Mord an bulgarischer Journalistin Die Wut nach dem Verbrechen

Um die Pressefreiheit in Bulgarien ist es schlecht bestellt. Doch der Mord an der Journalistin Marinowa hat damit offenbar nichts zu tun. Der Premierminister kritisiert die Reaktionen auf das Verbrechen scharf.

Ermittler am Tatort
AFP

Ermittler am Tatort

Von Frank Stier, Sofia


Am Samstag, den 6. Oktober 2018 erreicht die Polizei in der nordbulgarischen Stadt Russe um 14:27 Uhr ein Notruf: Im Gestrüpp am Donauufer ist die Leiche einer jungen Frau gefunden worden. So beginnt eine Kriminalgeschichte, die Bulgarien für mehrere Tage weltweit in die Schlagzeilen bringt.

Das Opfer ist Viktoria Marinowa, 30 Jahre alt. Sie wurde von ihrem Mörder aufs Übelste zugerichtet, er schlug sie, vergewaltigte sie mehrfach und erwürgte sie schließlich.

Doch über die Grenzen Bulgariens hinaus bewegt der Fall, weil Marinowa Journalistin war. Schnell stand der Verdacht im Raum, ihr gewaltsamer Tod könnte ein Angriff auf die Medienfreiheit in dem Balkanland gewesen sein.

TV-Journalistin Marinowa
REUTERS

TV-Journalistin Marinowa

Sogar Frans Timmermans, Vize-Präsident der EU-Kommission, fühlte sich veranlasst, den Fall Marinowa zu kommentieren. Er sei "geschockt über den grausamen Mord an Viktoria Marinowa", twitterte er, "wieder ist eine mutige Journalistin im Kampf für die Wahrheit und gegen Korruption gefallen. Die Verantwortlichen sollten von den bulgarischen Behörden sofort zur Rechenschaft gezogen werden".

Viktoria Marinowa, Mutter einer siebenjährigen Tochter, führte die Geschäfte der TV-Gesellschaft My Fi, die den regionalen TV-Kanal TVN betreibt. Beide Unternehmen gehören ihrem Mann Sliven Maximov, von dem sie sich im Frühjahr in gutem Einvernehmen getrennt hat. Die junge Frau, die früher auch als Model gearbeitet hat, kümmerte sich in ihrem TVN-Lifestyle-Magazin "Podium" um Themen wie Mode und gesunde Ernährung.

Doch seit Neuestem beschäftigte sie sich mit politischen Themen, im September übernahm sie die Moderation des Politmagazins "Detektor". In ihrer ersten und einzigen Detektor-Sendung problematisierte sie die Situation der Medien in Bulgarien. Das Balkanland steht auf der Rangliste der Pressefreiheit der Organisation Reporter ohne Grenzen (RoG) auf Platz 111 - die schlechteste Position nicht nur aller EU-Mitglieder, sondern auch aller Balkanstaaten.

Knapp eine Woche nach der Sendung ist Marinowa tot. Dennoch halten es ihre Kollegen für unwahrscheinlich, dass sie wegen ihrer Recherchen umgebracht wurde. Marinowa war bisher nicht als investigative Journalistin aktiv. Viele bulgarische Journalisten beleuchten die Situation der Medien im Land kritisch.

"Ich habe bewusst nicht mit Brüssel geredet"

Inzwischen erscheint es als sicher, dass das Verbrechen nichts mit ihrem Beruf zu tun hat: Am Dienstagabend wurde der Bulgare Severin K., 21, in der Nähe von Hamburg verhaftet, in der Wohnung seiner Mutter. Er hat einem vereinfachten Auslieferungsverfahren nach Bulgarien zugestimmt.

Boiko Borissow
AFP

Boiko Borissow

An einer Pressekonferenz am Mittwochmorgen zu den Ermittlungen nahm nicht nur Generalstaatsanwalt Sotir Tsatsarow teil, sondern auch Bulgariens Ministerpräsident Boiko Borissow. Das war ihm wichtig, Borissow nutzte die Bühne für eine Generalabrechnung mit den Medien und Vertretern der Europäischen Union: "Drei Tage lang habe ich ungeheuerliche Dinge über Bulgarien gelesen und nichts davon ist wahr", sagte er. "Ich habe in diesen Tagen bewusst nicht mit den Leuten in Brüssel geredet. Sie haben uns mit Twitter-Posts überschüttet. Wenn ich nach Brüssel komme, wird es in der Europäischen Volkspartei (EVP) ernsthafte Gespräche geben", kündigte er an.

In ähnlicher Weise witterten bulgarische Medien eine Verschwörung der Weltgemeinschaft gegen ihr Land. "Das sind die Verleumder Bulgariens" titelte die Tageszeitung "Trud" zu Porträts vom Kommissionsvize Timmermans, dem EVP-Vorsitzenden Manfred Weber, Uno-Generalsekretär António Guterres und Christophe Deloire, Generalsekretär von Reporter ohne Grenzen (RoG).

"Völlige Übereinstimmung der DNA"

Die bulgarischen Behörden gehen davon aus, dass K. betrunken war, als er Marinowa beim Joggen an der Donau zufällig bemerkte und aus sexuellem Antrieb angriff. Severin K. ist aus dem Jahr 2007 aktenkundig, vorbestraft für den Diebstahl von Buntmetallen. Eine inzwischen aufgetauchte Videoaufnahme einer Überwachungskamera soll ihn zeigen, wie er rennend vom Tatort flieht. Bulgarische Medien berichten, bereits am Sonntag habe er sich gegenüber seinen Nachbarn in der Roma-Siedlung, in der er lebte, zu der Tat bekannt - sie hätten ihm zur Flucht nach Deutschland geraten.

"Es gibt eine völlige Übereinstimmung der DNA des Festgenommenen mit DNA-Spuren, die an der Kleidung des Opfers gefunden wurden", so Staatsanwalt Tsatsarow am Mittwochmorgen. Außerdem habe man DNA des Opfers an Kleidungsstücken gefunden, die sich im Haus des Verdächtigen befanden.

K.s Attacke sei derart brutal gewesen, dass sie Aufschluss gebe über seine "charakterliche Abweichung", so Tsatsarow. Der Beschuldigte, der Boxen trainiere, habe seinem Opfer durch Schläge ins Gesicht schwere Gehirnerschütterungen zugefügt. Für so einen besonders grausamen Mord droht ihm in Bulgarien lebenslange Haft, ohne Aussicht auf Entlassung.



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