Dreifachmord in Villingendorf "Du musst dein ganzes Leben leiden"

Drazen D. soll drei Menschen erschossen haben, darunter seinen eigenen Sohn. Das mutmaßliche Motiv: Die Ex-Freundin sollte bestraft werden, sie ließ er leben. Nun muss er sich vor Gericht verantworten.

Gedenken in Villingendorf (Archiv)
DPA

Gedenken in Villingendorf (Archiv)

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Katja Mayr* hatte den gemeinsamen Sohn noch nicht geboren, da zeichneten sich erste Konturen der Katastrophe ab: Der Vater ihres Kindes packte sie während eines Streits, hielt ihr ein Messer an den Hals, presste sie gegen eine Balkontür. Er werde ihr "sein Kind" aus dem Bauch schneiden, schrie Drazen D. Katja Mayr war im vierten Monat schwanger. Es war November 2010.

Ein Jahr später, im Dezember 2011, zog Drazen D. seine Lebensgefährtin an den Haaren, schlug mit den Fäusten auf sie ein, warf sie zu Boden, trat auf sie ein. Als er wieder nüchtern war, entschuldigte er sich bei ihr. Katja Mayr verzieh ihm, sie verlobten sich.

Im Rausch verprügelte Drazen D. sie weiter, bis sie sich im Februar 2017 von ihm trennte. Eine Entscheidung, die D. nicht akzeptieren wollte; er drohte Katja Mayr, ihr den gemeinsamen Sohn wegzunehmen, sie zu bestrafen, sie zu quälen.

Die Staatsanwaltschaft Rottweil ist sicher, dass Drazen D. seine Drohungen am 14. September 2017 wahr machte: Am Abend jenes Tages soll er sich im baden-württembergischen Villingendorf auf die Terrasse seiner ehemaligen Lebensgefährtin geschlichen haben. Er soll dort vor ihren Augen auf den neuen Partner seiner Verflossenen geschossen haben, auf dessen 29-jährige Cousine und schließlich auf den gemeinsamen Sohn, der im Wohnzimmer spielte. Alle drei starben.

Vor dem Landgericht Rottweil beginnt am Freitag der Prozess gegen Drazen D. Er ist wegen dreifachen Mordes angeklagt, er habe heimtückisch und aus niedrigen Beweggründen gehandelt, so die Staatsanwaltschaft.

Der Angeklagte will vor Gericht aussagen

Die Tat erinnert an Fälle, in denen sich ein Vater von seiner Verzweiflung, seiner Rache, seiner Wut leiten lässt und in der Auslöschung der Familie die einzige Lösung sieht. Doch in diesem Fall soll nach Ansicht der Staatsanwaltschaft Drazen D. das Kind getötet haben, um dessen Mutter zu bestrafen, um deren Leben mit dem Verlust und der Trauer zu erschweren. Auch ihr neuer Lebensgefährte habe aus diesen Gründen sterben sollen.

Drazen D. werde sich nicht am ersten Prozesstag, wohl aber im Laufe der Hauptverhandlung zum Tatgeschehen äußern, sagt sein Verteidiger Fritz Philipp Döringer. Die Dimension der Vorwürfe sei ihm bewusst.

Polizeibeamte in Villingendorf (Archiv)
DPA

Polizeibeamte in Villingendorf (Archiv)

Die Staatsanwaltschaft geht von einem lang gehegten und ausgetüftelten Plan aus: Drazen D. soll sich demnach in Kroatien oder Serbien ein Repetiergewehr besorgt haben, das er auf eine Gesamtlänge von 54 Zentimeter kürzte.

In einer Sporttasche soll er am Tatabend Benzin, Kabelbinder und Klebeband bei sich getragen haben. Damit habe er, so die Staatsanwaltschaft, seine ehemalige Lebensgefährtin fesseln wollen, damit sie die Tat in allen grausamen Details mitansehen müsse. Am Ende soll Drazen D. geplant haben, ihr die Augen auszustechen. So hatte er es wenige Wochen zuvor angekündigt und ihr gedroht: "Am Ende mache ich dir die Augen raus!" Er werde den gemeinsamen Sohn töten "und du musst dein ganzes Leben leiden ohne Augen".

Seinem Mandanten mache die Untersuchungshaft, die Ungewissheit vor dem Verfahren, vor allem aber die Konfrontation mit den Nebenklägern im Gerichtssaal zu schaffen, sagt sein Verteidiger.

Auch die Ex-Frau fühlte sich bedroht

Das Landgericht hat insgesamt zwölf Nebenkläger zugelassen. "Das eigene Kind zu erschießen, nur um das Leid der Mutter steigern zu wollen, ist für die Hinterbliebenen eine barbarische Tat ohnegleichen", sagt Rechtsanwalt Roland Weber aus Berlin, er vertritt die Geschwister des getöteten Lebensgefährten.

Insgesamt sind 92 Zeugen geladen, darunter auch die Ex-Frau des Angeklagten. Sie wird aus dem Ehealltag mit Drazen D. berichten. Auch ihr gegenüber soll er gewalttätig geworden sein. Auch ihr soll er gedroht haben, die gemeinsame Tochter umzubringen, damit sie, die Mutter, leide. Auch die Ex-Frau versuchte, vor ihm ihren Aufenthaltsort geheim zu halten.

Als die Polizeibeamten den Tatort am 14. September 2017 sicherten, fanden sie die Tochter der getöteten Cousine. Die Dreijährige hatte sich in einer Duschwanne versteckt. Drazen D. war zu diesem Zeitpunkt auf der Flucht, er hatte seine Ex-Freundin körperlich unversehrt am Tatort zurückgelassen.

Die Polizei fahndete europaweit nach D. Fünf Tage nach den tödlichen Schüssen wurde er festgenommen, nicht weit vom Tatort entfernt. Die Tatwaffe hatte er bei sich.

Drazen D. leistete keinen Widerstand. Er schien fast erleichtert.

*Name geändert



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