Volksverhetzung: Strafbefehl gegen Pius-Bischof Williamson beantragt

Bischof Richard Williamson leugnete in einem TV-Interview den Holocaust. Nach langwierigen Ermittlungen hat die Regensburger Staatsanwaltschaft nun einen Strafbefehl gegen den umstrittenen Piusbruder beantragt.

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Richard Williamson: Strafbefehl gegen den Bischof beantragt

Regensburg - Der Antrag auf Erlass eines Strafbefehls wegen Volksverhetzung müsse nun von einem Richter geprüft werden, bestätigte der Regensburger Amtsgerichtspräsident Johann Plöd am Donnerstag einen Bericht der "Süddeutschen Zeitung". Über die von der Staatsanwaltschaft beantragte Strafhöhe machte Plöd keine konkreten Angaben.

Ein Strafbefehlsverfahren kann zu einer rechtskräftigen Verurteilung ohne mündliche Hauptverhandlung führen. Dies entlastet Gericht und Staatsanwaltschaft und kann dem (insbesondere geständigen) Angeschuldigten die Bloßstellung durch eine öffentliche Hauptverhandlung ersparen.

Der britische Bischof hatte in einem Ende Januar ausgestrahlten Interview mit dem schwedischen Fernsehen gesagt, er denke, dass "200.000 bis 300.000 Juden in den Konzentrationslagern gestorben" seien, aber "nicht ein einziger von ihnen in Gaskammern".

Am selben Tag unterschrieb Papst Benedikt XVI. damals ein Dekret, das die Exkommunikation Williamsons und dreier weiterer Mitglieder der erzkonservativen Piusbruderschaft rückgängig machte - und einen Sturm der Entrüstung auslöste. Vom Papst aufgefordert, seine Äußerungen zu widerrufen, sagte Williamson lediglich, er werde seine Aussagen zum Holocaust "überprüfen".

Der katholische Geistliche distanzierte sich schließlich von seinen Äußerungen - nach einer erzwungenen Ausreise aus Argentinien. Der 68-Jährige schrieb einen Brief an den Vatikan und entschuldige sich "vor Gott" bei allen, die er durch seine Leugnung der Judenvernichtung im Dritten Reich verletzt habe. Es habe sich bei seinen Äußerungen nur um die "Meinung eines Nicht-Historikers" gehandelt, die sich auf die Erkenntnisse von vor 20 Jahren gestützt habe, gab der Piusbruder bekannt.

"Ich bitte alle vor Gott um Vergebung"

Wörtlich schrieb Williamson: "Der Heilige Vater und mein Oberer, Bischof Bernard Fellay, haben mich ersucht, die Bemerkungen, die ich vor vier Monaten gegenüber dem schwedischen Fernsehen gemacht habe, neu zu überdenken, da deren Folgen sehr schwerwiegend gewesen sind."

Und weiter: "In Anbetracht dieser Folgen kann ich wahrheitsgemäß sagen, dass es mir leid tut, diese Bemerkungen gemacht zu haben, und dass ich sie nicht gemacht hätte, wenn ich im Vorhinein um den ganzen Schaden und den Schmerz gewusst hätte, die diese verursachen würden, besonders der Kirche, aber ebenso den Überlebenden und den Verwandten der Opfer der Ungerechtigkeit unter dem Dritten Reich.

Im schwedischen Fernsehen habe ich nur die Meinung ( "Ich glaube", "Ich glaube") eines Nicht-Historikers geäußert, eine Meinung, die sich vor 20 Jahren auf Grundlage der damals verfügbaren Beweise herausgebildet hat und seither selten in der Öffentlichkeit geäußert worden ist. Nichtsdestoweniger haben mich die Ereignisse der letzten Wochen und der Rat von älteren Mitgliedern der Bruderschaft des hl. Pius X. von meiner Verantwortung für die verursachten großen Schwierigkeiten überzeugt. Ich bitte alle, die sich aufgrund meiner Worte aufrichtig entrüstet haben, vor Gott um Vergebung."

SPIEGEL WISSEN: Die Piusbrüderschaft und Antisemitismus
Die Piusbruderschaft ist eine der bedeutenderen Abspaltungen der katholischen Kirche . Sie wurde 1970 von dem konservativen und später exkommunizierten Erzbischof Marcel Lefebvre gegründet und lehnt ab, zentrale Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils umzusetzen: Sie verweigert sich gegen die Anpassung an die moderne Welt, weshalb die Piusbrüder ihre Messen bis heute auf Latein lesen, und lehnt Religionsfreiheit und Ökumene ab. Nach jahrelangem Streit mit Rom kam es 1988 zum Schisma . Papst Johannes Paul II. exkommunizierte den Gründer Lefebvre und vier weitere Bischöfe. Im Januar hob Papst Benedikt XVI. die Exkommunikation auf.
Leitende Brüder der konservativen Piusbruderschaft halten daran fest, dass die Juden kollektiv schuld am "Gottesmord" , der Kreuzigung Jesu Christi, sind – ein zentrales Motiv des Antisemitismus .
Indem Papst Benedikt XVI. die Piusbrüder zurück in den Schoß der katholischen Kirche aufnahm, geriet er selbst unter Antisemitismusverdacht.
Besonders belastet wurde die Beziehung zwischen Vatikan und jüdischen Organisationen jedoch durch einen Ausspruch des britischen Piusbruders Bischof Richard Williamson : Er hatte in einem TV-Interview den Holocaust und die Existenz von Gaskammern geleugnet.

jjc/dpa

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