Vom Opfer zur Täterin Wenn Frauen morden

Oft haben sie jahrelang nur still gehalten. Wenn der Partner auf sie einprügelte, sie demütigte. Wenn sie sich wehren, werden sie nicht selten zu Mörderinnen. Eine SPIEGEL-TV-Reportage zeigt, was Frauen dazu bringt zu töten - und wie sie dabei vorgehen.

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Hamburg - Als Horst K. am 19. Oktober 2005 wie von Sinnen auf seine Lebensgefährtin einprügelt, ist es nicht das erste Mal. In dieser Nacht bricht er Ursula S. die Nase. Danach verlässt er seelenruhig das Haus.

Die damals 45-Jährige ruft nicht die Polizei. Sie flieht nicht. Sie hat auch nicht vor, ihren gewalttätigen Partner zu verlassen. Stattdessen schmiedet sie einen mörderischen Plan: "Ich bin in die Küche und habe Messer in verschiedenen Größen und eine Fleischergabel herausgeholt, habe sie mit ins Wohnzimmer genommen, dort auf den Tisch gelegt und hab' dann da gesessen - hinter meinen Waffen", sagt Ursula S.

Sie trägt ihre Haare raspelkurz, ihre dunklen Augen blicken ruhig. In der SPIEGEL-TV-Dokumentation "Wenn Frauen morden" von Sanja Hardinghaus spricht Ursula S. offen über den Mord, den sie begangen hat.

Auf dem Wohnzimmertisch habe an jenem Abend auch eine Nagelfeile gelegen. "Dann habe ich mir ein Messer nach dem anderen vorgenommen und sie scharf gemacht." Die Schärfe der Messer testet sie, in dem sie die Klingen durch eine Zeitung zieht. Bewaffnet wartet Ursula S. auf die Rückkehr ihres Peinigers. Vier Mal rammt sie ihm ein 20 Zentimeter langes Fleischermesser in den Bauch. "Da hab ich die Rippe durchschlagen mit dem Messer und hab' die Lungenschlagader getroffen. Zweieinhalb Zentimeter tief war der Stich, ich hab' genau getroffen."

Frauen töten anders als Männer. "Aufgrund ihrer geringeren Körperkraft sind Frauen meist darauf angewiesen, eine Gelegenheit abzuwarten, wenn sie töten. Zum Beispiel, dass das Opfer schläft, betrunken oder benommen ist", sagt Rudolf Egg, Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden, zu SPIEGEL ONLINE. Oft machten Frauen ihr Opfer schon vor der Tat wehrlos. Fälle wie der einer Frau, die ihrem friedlich im Sessel sitzenden Ehemann von hinten einen Fleischklopfer auf den Kopf schlug, seien die Ausnahme. "Die typische weibliche Mörderin nimmt, dem althergebrachten Klischee entsprechend, Gift oder neuerdings Medikamente", schreibt der Psychiatrieprofessor Michael Soyka in seinem Buch "Wenn Frauen töten".

Dass Frauen ihre Mordtaten minutiös planen müssen, um das gewünschte Tatergebnis zu erzielen, wird von Gerichten oft als "Heimtücke" ausgelegt. "Werden deswegen 'männliche' Tötungsdelikte vor Gericht manchmal weniger hart geahndet als 'weibliche' Taten, die naturgemäß seltener mit den eigenen Händen und kurz entschlossen verübt werden?", fragt Soyka. Diese Einschätzung finde sich in der Literatur, sei jedoch umstritten.

Für Frauen der letzte Ausweg: Mord

Nicht wenige Frauen verüben einen Mord gleichsam als Befreiungsschlag. "In vielen Fällen geht der Tötung ein längerer Prozess des Abwägens voraus", sagt Kriminalpsychologe Egg. Der Mord sei "der Versuch, eine unerträglich werdende Qual zu beenden."

Frauen töten, um sich aus Beziehungen zu befreien, in denen sie geprügelt und gedemütigt würden und aus denen sie keinen anderen Ausweg sähen. "Männer töten dagegen eher aus Wut, Verlustangst und Eifersucht - vorzugsweise mit eigener Körperkraft und bloßen Händen", so Egg. Nicht selten töteten Männer gar zweimal: Jeder zehnte nimmt sich nach der Tat das Leben.

Die Historikerin und Autorin Kathrin Kompisch beschreibt in ihrem Buch "Furchtbar feminin. Berüchtigte Mörderinnen des 20. Jahrhunderts" sechs Typen von Mörderinnen: Den "Todesengel im Krankenhaus", Lustmörderinnen, kriminelle Mädchen, Mörderinnen aus Habgier, Gattenmörderinnen und Kindsmörderinnen.

Was sie gemeinsam haben, ist die Nähe zum Opfer: "Wenn eine Frau überhaupt tötet, dann Personen aus ihrem nahen Umfeld: Lebenspartner, eigene Kinder, Menschen, die große Bedeutung in ihrem Leben haben", sagt Kriminalpsychologe Egg. Nur selten ermordeten Frauen Fremde. Die Serienmörderin, zu der die Spur im Fall der in Heilbronn erschossenen Polizistin führte, sei typologisch außergewöhnlich, ebenso wie Sexualmörderinnen oder Raubmörderinnen.

Mit Stöckelschuhen zu Tode getreten

15 Prozent der Tötungsdelikte in Deutschland werden von Frauen verübt. Ihre Opfer sind in den meisten Fällen die eigenen Kinder. Die 31 Jahre alte Krankenschwester Dorothea F. aus Nürnberg zum Beispiel köpfte ihren zehn Monate alten Sohn Romeo mit einem Brotmesser, als dieser im Laufstall stand.

Colette S. tötete ihren Sohn Johnny-Lee mit den Pfennigabsätzen ihrer schwarzen Lederstiefel. Sie trat in der Nacht zum 12. April 2004 auf den Zweijährigen ein, weil er nicht einschlafen wollte. Johnny-Lee starb an inneren Blutungen, die Abdrücke der Stöckelabsätze hatten sich in den kleinen Körper gebohrt. An seinem Leichnam fanden sich mehr als 30 Tritt- und Schlagspuren. Das Landgericht Erfurt verurteilte die 31-Jährige und ihren Freund Volker S. wegen gemeinschaftlicher Tötung zu zwölf Jahren Haft. "Einen derartigen Gewaltexzess gegen ein wehrloses Kleinkind habe ich noch nie erlebt", sagte Richter Holger Pröbstel fassungslos.

Als eine der prominentesten Mörderinnen Deutschlands gilt Marianne Bachmaier. Im Lübecker Gerichtssaal erschoss sie am 6. März 1981 den Mörder ihrer kleinen Tochter Anna. In den USA erlangte Aileen Wournos traurige Berühmtheit. Sie wurde am 9. Oktober 2002 als erste amerikanische Serienmörderin hingerichtet. Die Prostituierte hatte sieben Männer umgebracht. Für den Kinofilm "Monster" schlüpfte Charlize Theron in Wournos' Rolle. Die Schauspielerin musste selbst im Alter von 15 Jahren miterleben, wie ihre Mutter den gewalttätigen Vater erschoss, nachdem er jahrelang im Suff die Familie terrorisiert hatte.

Wenn Frauen zu Mördern werden, spielt oft ihre Vergangenheit eine Rolle - nicht selten haben solche Frauen selbst Gewalt erfahren. Ursula S. hatte schon vor ihrer Beziehung zu Horst K. Erfahrungen als Opfer von Gewalt gemacht. Regelmäßig verprügelte ihr rabiater Vater ihre wehrlose Mutter. "Ich kenne das nicht anders", sagt sie. "Die Frau bleibt bei ihrem Mann, kommt, was will."

Ursula S. rennt nach dem Angriff auf ihren Lebensgefährten zum Nachbarn, der die Polizei alarmiert. Horst K. wird schwer verletzt in eine Klinik gebracht, Ursula S. abgeführt. Während des Verhörs erfährt sie von einem Polizeibeamten, dass Horst K. "verstorben" sei. "Ist er tot?", fragt sie noch einmal zurück. Als sie Gewissheit hat, sagt sie: "Gott sei Dank ist er jetzt weg."



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