Vergewaltigungsprozess in Essen: Ein erschreckend korrektes Urteil

Von

Der 31-jährige Roy Z. musste sich vor Gericht verantworten. Ihm wurde vorgeworfen, eine 15-Jährige vergewaltigt zu haben. Eine Richterin sprach Z. frei - unter anderem, weil sich das Mädchen nicht genug gewehrt habe. Juristisch korrekt, sagen Experten. In sozialen Netzwerken ist die Empörung riesig.

Essen - Es ist nur ein kurzer Artikel, keine 250 Wörter lang. Aber er reicht, um sehr viele Menschen in den sozialen Netzwerken sehr wütend zu machen. "Mir ist schlecht", twitterte beispielsweise eine Nutzerin namens "Faserpiratin". "Wie bitte? Ich hab mich verlesen, oder?", schrieb "doncish". Und "chaotins" Tweet steht stellvertretend für viele: "ICH KOTZE!"

Sie alle regen sich über einen Artikel auf, den die "Hertener Allgemeine" vor knapp 24 Stunden online stellte: "Freispruch im Vergewaltigungsprozess: 'Mädchen hat sich nicht genug gewehrt'". Inzwischen sind mehr als tausend Tweets dazu im Umlauf, mehr als 2000 Menschen haben den Text geteilt.

Tatsächlich wurde am vergangenen Montag vor dem Essener Landgericht ein Prozess gegen Roy Z., 31, geführt. Ihm wurde vorgeworfen, im Juli 2009 eine damals 15-Jährige in seiner Wohnung in Marl vergewaltigt zu haben.

An dem Abend soll Z. viel getrunken und gekifft haben, eigenen Angaben zufolge hatte er damals massive Alkohol- und Drogenprobleme. Neben ihm und dem Mädchen waren noch zwei weitere Frauen in der Wohnung: Z.s Lebensgefährtin, mit der er zwei Kinder hat, und eine Prostituierte, wie sein Verteidiger Klaus Rumberg sagt.

Nach Ansicht der Anklage hat Z. die beiden Frauen kurz vor dem Einschlafen plötzlich in den Keller geschickt. "Die beiden Zeuginnen kamen der Aufforderung nach, ohne nach dem Grund zu fragen oder sich der Aufforderung zu widersetzen. Beide wussten, dass der Angeklagte immer dann, wenn man seinen Aufforderungen nicht nachkam, sehr aggressiv reagierte", schrieb das Landgericht Essen in einer Bekanntmachung. Anschließend soll es zur Vergewaltigung gekommen sein. Die 15-Jährige ließ sie eigenen Angaben zufolge über sich ergehen. Nur einmal soll sie gesagt haben: "Nein, ich will nicht."

Es geht um Paragraf 177

Für den Prozess gegen Z. waren ursprünglich zwei Tage angesetzt. Er endete nach rund drei Stunden. Rumberg zufolge waren sich alle Beteiligten einig, dass es - trotz "negativen Beigeschmacks" - juristisch keine Handhabe gibt. Im Klartext bedeutete das: Freispruch für Z.

"Nach der höchstrichterlichen Rechtssprechung war das Urteil nachvollziehbar begründet", sagt Tatjana Hörnle, Inhaberin eines Lehrstuhls für Strafrecht an der Berliner Humboldt-Universität, und verweist auf Paragraf 177 des Strafgesetzbuches. Dort steht:

"Wer eine andere Person

1. mit Gewalt,

2. durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib oder Leben oder

3. unter Ausnutzung einer Lage, in der das Opfer der Einwirkung des Täters schutzlos ausgeliefert ist,

nötigt, sexuelle Handlungen des Täters oder eines Dritten an sich zu dulden oder an dem Täter oder einem Dritten vorzunehmen, wird mit Freiheitsstrafe nicht unter einem Jahr bestraft."

Die ersten beiden Punkte konnten in diesem Fall ausgeschlossen werden. Und "schutzlos" war das Mädchen nach Ansicht der Richterin ebenfalls nicht. "Es hätte weglaufen oder Hilfe rufen können, aber es hat alles über sich ergehen lassen. Das reicht nicht, um jemanden zu bestrafen", zitiert die "Hertener Allgemeine" die Richterin.

Mensch versus Jurist

Die Jugendliche war von dem Urteil "menschlich sehr betroffen", sagt ihr Anwalt Dirk Brockpähler. Er habe ihr den Fall ausführlich erklärt und denke, dass sie die Entscheidung der Juristen verstanden habe. "Wenn man unseren Rechtsstaat ernst nimmt, hätte das Gericht nicht anders urteilen können", sagt Brockpähler. Es habe keine geschlossenen Türen gegeben, eine Flucht wäre also theoretisch möglich gewesen. Zudem hätten die Hilfeschreie seiner Mandantin in dem Mehrfamilienhaus gehört werden können. Das Mädchen sei also nicht "schutzlos ausgeliefert" gewesen.

Dass die Aufregung in sozialen Netzwerken nun riesig ist, könne Brockpähler zwar als Mensch, nicht aber als Jurist verstehen. "Die Menschen, die sich jetzt echauffieren, haben den Prozess nicht begleitet", sagt er.

Auch Strafrechtsexpertin Hörnle kann die Empörung nachvollziehen. Die Entscheidung des Landgerichts sei zwar unter den gegebenen Umständen richtig, "man muss sich allerdings fragen, ob das Gesetz, das dem Urteil zugrunde liegt, es auch ist". Der Fall habe gezeigt, dass der Gesetzestext an dieser Stelle unbefriedigend ist.

Dennoch ergebe es Sinn, objektive Anzeichen für eine Vergewaltigung im Strafgesetzbuch aufzulisten, sagt Hörnle. Sonst könnte kaum bewiesen werden, ob eine Frau die Wahrheit sagt, wenn sie von dem Geschlechtsverkehr als Vergewaltigung berichtet.

Z. selbst habe das Urteil einerseits erleichtert aufgenommen, sagt sein Verteidiger Rumberg. Andererseits sei er auch verbittert, denn er habe die Vorwürfe nie verstanden und sich unschuldig gefühlt. Vor Gericht habe Z. auch über seine schwere Kindheit gesprochen, über Schläge in der Familie, Heimbesuche und seine Arbeitslosigkeit. Er sitze zurzeit eine dreieinhalbjährige Haftstrafe wegen gefährlicher Körperverletzung ab, er hat an dem betreffenden Abend Ende Juli 2009 die Prostituierte misshandelt. Im November dieses Jahres, sagt sein Anwalt, habe Z. zwei Drittel der Strafe hinter sich. Dann wolle er eine Therapie beginnen.

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Panorama
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Justiz
RSS
alles zum Thema Kriminalität
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2012
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback