Wärmebilder des Terrorverdächtigen: Zarnajews letzte Minuten in Freiheit

Groß war das Lob für den Einsatz von Polizei und FBI bei den Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston. Jetzt zeigen spektakuläre Aufnahmen einer Wärmebildkamera den terrorverdächtigen Dschochar Zarnajew kurz vor seiner Festnahme in seinem Versteck.

AP/ Massachusetts State Police

Boston - Ein sich mühevoll auf die Seite wälzendes weißes Bündel in einem Boot, ein langer Greifarm, explodierende Blendgranaten: Es sind die letzten Minuten vor der Festnahme des mutmaßlichen Bombenattentäters von Boston, Dschochar Zarnajew.

Schwer verletzt und blutend liegt der Terrorverdächtige unter einer Plane in einem Motorboot. Das steht auf einem Grundstück in Watertown, einem Nachbarort von Boston. Stolzer Besitzer des Bootes aus den achtziger Jahren ist David Henneberry, ein leicht zerzaust wirkender 66-Jähriger mit Schnauzbart und mattgrauem Haar.

Kurz nachdem die Ausgangssperre für Watertown aufgehoben wird, geht Henneberry auf seine Ausfahrt und bemerkt, dass die Plane, die sein "Baby" bedeckt, verrutscht ist. Vielleicht ein Tier, das sich versteckt hat, ein Eichhörnchen oder so, denkt er. Bei näherem Hinsehen bemerkt er, dass der Riemen durchschnitten wurde. Er hebt die Abdeckung hoch und entdeckt "etwas, das an einen Körper erinnerte", wie es sein Schwiegersohn Steven Duffy später in einem Interview mit der "New York Daily News" beschrieb. Außerdem jede Menge Blut.

Henneberry ruft die Polizei, und kurz darauf hat sich das Wohngebiet in eine Kampfzone verwandelt: Unzählige Polizisten schwirren umher, Funksprüche und Rufe sind zu hören, über allem kreist ein Helikopter.

An Bord des Hubschraubers ist eine Wärmebildkamera installiert - und sie liefert ebenso präzise wie befremdliche Bilder. Weil die Polizei befürchtet, Zarnajew könne wie ein Selbstmordattentäter einen Sprengstoffgürtel tragen, hat sie einen Roboter mit Greifarm herbeigeschafft, der zunächst die Plane vom Schiff zieht. Zarnajews Körper hebt sich grellweiß von der grau-schwarzen Umgebung ab. Immer weiter zerrt der Arm an der Plane, der Täter ist buchstäblich ent-deckt. Dann schlagen mehrere Blendgranaten ein - im Video wirken sie wie tiefschwarze Rauchbomben.

20 Minuten lang versucht Zarnajew, sich der Festnahme zu widersetzen. Wie der Polizeichef von Watertown, Edward Deveau, dem Sender CNN sagte, tat er schließlich, was die Beamten von ihm verlangten: "Er stand auf und hob sein Hemd hoch", sagte er.

Deveau äußerte sich überzeugt, dass die beiden Brüder Zarnajew allein gehandelt haben. "Nach dem, was wir wissen, waren sie allein."

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Boston-Terror: Der Anschlag, die Fahndung, die Verdächtigen
Deveau referierte detailliert seine Version der Verfolgungsjagd, bei der Dschochars Bruder Tamerlan so schwer verletzt wurde, dass er kurz darauf im Krankenhaus verstarb. Der ältere Bruder hätte überleben können, wenn nicht Dschochar selbst ihn mit dem Fluchtauto überfahren hätte, so der Polizeichef.

Dschochar überfuhr seinen älteren Bruder

Bei dem Aufeinandertreffen mit der Polizei am frühen Freitagmorgen hätten beide Männer mit Handfeuerwaffen auf die Beamten gezielt. Es habe sich eine heftige Schießerei entwickelt, bei der innerhalb von fünf bis zehn Minuten mindestens 200 Schuss abgegeben worden seien. Im Verlauf des Gefechts hätten die Zarnajews auch drei Sprengsätze auf Polizisten geschleudert, von denen einer explodiert sei.

An einem bestimmten Punkt sei Tamerlan schießend direkt auf die Beamten zugekommen. Als plötzlich seine Munition alle war, sei es einem Kollegen gelungen, ihn zu überwältigen. Zarnajew sei verwundet, aber lebendig gewesen. Als man ihm Handschellen anlegen wollte, sei der jüngere Bruder Dschochar in einen schwarzen Geländewagen gesprungen und auf die Gruppe zugerast. Dabei habe er seinen Bruder überfahren und damit vermutlich dessen Tod verursacht.

Laut Deveau schleifte er seinen Bruder noch ein Stück die Straße hinunter und verschwand dann. Tamerlan wurde kurz darauf im Beth Israel Deaconess Medical Center für tot erklärt. Er hatte einem Arzt zufolge am gesamten Körper Wunden, "vom Kopf bis zu den Zehen". Beine und Arme seien aber intakt gewesen - "er wurde nicht in eine Million Teile zerschossen", so der Mediziner. Ob Tamerlan Zarnajew von einem Auto überrollt wurde, konnte er nicht sagen.

In derselben Klinik werden derzeit noch elf Opfer der Anschläge behandelt. Außerdem Dschochar Zarnajew. Er ist noch immer nicht vernehmungsfähig. Bei der Schießerei wurde er den Ärzten zufolge unter anderem an Kehle und Zunge verletzt und ist nicht in der Lage zu sprechen. Laut CNN ist er sediert und intubiert, wobei nicht klar ist, ob er eigenständig atmen könnte.

Derzeit gehe man von mindestens zwei Schussverletzungen aus, die der junge Mann davongetragen haben soll, eine davon an seinem Hals, sagte ein ehemaliger FBI-Agent und Sicherheitsexperte dem Sender CBS. Es sei wahrscheinlich, dass Zarnajew versucht habe, sich mit einem Schuss in den Mund das Leben zu nehmen, so John Miller.

Die US-Ermittler hoffen jetzt auf eine baldige Genesung des Terrorverdächtigen, dessen Motive weiter im Dunkeln liegen. Ob er mit den Behörden kooperieren wird, ist nicht bekannt.

ala

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insgesamt 82 Beiträge
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1. Erfolgreich
mps58 21.04.2013
Da kann man nur staunen, wie erfolgreich die amerikanischen Behörden arbeiten. Bei uns blieben die Behörden bei der NSU jahrelang im Dunkeln, und die Bombenleger vom Bonner Hauptbahnhof sind immer noch nicht gefasst. Verstörend ist es auch, hier im Forum keinerlei Empathie mit den Opfern von Boston zu finden, stattdessen werden die terroristischen Mordtaten relativiert und die abenteuerlichsten Verschwörungstheorien werden zu Gunsten der Täter präsentiert. Es ist eine Schande.
2. Vision
tailspin 21.04.2013
Zitat von sysopAP/ Massachusetts State PoliceGroß war das Lob für den Einsatz von Polizei und FBI bei den Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston. Jetzt zeigen spektakuläre Aufnahmen einer Wärmebildkamera den terrorverdächtigen Dschochar Zarnajew kurz vor seiner Festnahme in seinem Versteck. Wärmebilder des Terrorverdächtigen: Zarnajews letzte Minuten in Freiheit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waeremebilder-des-terrorverdaechtigen-zarnajews-letzte-minuten-in-freiheit-a-895624.html)
So wirds uns mal allen gehen. Man sitzt gemuetlich zu Hause beim Fruehstueck. Es klingelt. Papi macht auf. "Wir sind vom FBI und haben gerade ein Waermebild von Ihnen und Ihrer Familie gemacht. Wir sind hier, Ihnen zu helfen. Packen Sie bitte Ihre Zahnbuersten."
3. Kritische Fragen erlaubt?
cdu=rueckschritt 21.04.2013
Warum zur Hölle greift ein Chemiestudent auf Jahrtausende altes Schwarzpulver zurück, statt hochwertigen Sprengstoff selbst und einfach herzustellen? Schon wir als Teenager sind einfach in die Apotheke spaziert und haben LEGAL Chemikalien besorgt, um im Kinderzimmer 10 mal so starken Sprengstoff (apex) herzustellen. Wieso kann das kein 19 jähriger Chemiestudent?! Wenn ich möglichst vielen Menschen Schaden oder töten will, dann benutze ich doch nicht den schwachsten Sprengstoff der Weltgeschichte, sondern synthetisiere modernen ganz einfach selbst - zumal er als Chemiestudent an alle Chemikalien mühelos herankommt sowie das Wissen mitbringt (das es aber eh im Netz detailliert gibt - wie eben von uns mit 14 auch schon praktiziert). Hat hierauf jemand eine plausible Erklärung?!
4. In der Haustür geirrt?
Peletua 21.04.2013
Zitat von sysopAP/ Massachusetts State PoliceGroß war das Lob für den Einsatz von Polizei und FBI bei den Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston. Jetzt zeigen spektakuläre Aufnahmen einer Wärmebildkamera den terrorverdächtigen Dschochar Zarnajew kurz vor seiner Festnahme in seinem Versteck. Wärmebilder des Terrorverdächtigen: Zarnajews letzte Minuten in Freiheit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waeremebilder-des-terrorverdaechtigen-zarnajews-letzte-minuten-in-freiheit-a-895624.html)
Erbarmen! Seit Tagen werden wir nun schon mit diesem Thema genudelt; selbst die kleinsten, uninteressantesten Details werden ausführlich dargelegt - als gäbe es derzeit keine anderen, wichtigeren Themen, und als wäre es unsere heiligste Pflicht, uns mit den USA zu identifizieren. Zu Ihrer Erinnerung: Wir befinden uns hier NICHT in den USA. Die Anschläge von Boston waren ohne Frage schlimm, aber ebenso schlimm ist es, wenn in Afghanistan von US-Soldaten Terror ausgeübt wird, bei dem auch Kinder getötet werden - Kinder, deren Namen hier niemand nennt, und die unseren Medien keine tagelangen Berichterstattungen wert sind.
5. Die Freiheit endete früher
tomkey 21.04.2013
Zitat von sysopAP/ Massachusetts State PoliceGroß war das Lob für den Einsatz von Polizei und FBI bei den Ermittlungen gegen die mutmaßlichen Bombenattentäter von Boston. Jetzt zeigen spektakuläre Aufnahmen einer Wärmebildkamera den terrorverdächtigen Dschochar Zarnajew kurz vor seiner Festnahme in seinem Versteck. Wärmebilder des Terrorverdächtigen: Zarnajews letzte Minuten in Freiheit - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waeremebilder-des-terrorverdaechtigen-zarnajews-letzte-minuten-in-freiheit-a-895624.html)
Seine letzten Minuten in Freiheit? Die waren wohl beendet, als die 2 Bomben explodierten. Bis dahin hatte er die Freiheit, sein Leben selbst zu bestimmen und das Richtige zu tun. Er hat sich dagegen entschieden.
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