Aus Newtown berichtet Raniah Salloum
Am Montag schweigen die Waffen auf der Wooster Mountain Shooting Range. Sie liegt nur ein paar Kilometer von der Sandy-Hook-Grundschule entfernt und gehört dem Staat. "Wir erweisen der Gemeinde unseren Respekt. Wenn die Beerdigungen stattfinden, wollen die Menschen keine Schüsse hören", sagt Dean Price, ein bärtiger 59-Jähriger, der seit 19 Jahren Chef des Schießstands ist. Hinter ihm über der Feuerstelle hängt grün-rote Weihnachtsbeleuchtung, selbst gebastelt aus Patronenhülsen.
Dean Price ist Mitglied der Waffenlobby NRA (National Rifle Association). Er weiß, dass für sie in diesen Tagen viel auf dem Spiel steht. Präsident Barack Obama hat angedeutet, über schärfere Waffengesetze nachzudenken. Zwei US-Senatoren, die bisher stets zu den Unterstützern der Waffenlobby gehörten, haben sich auf die Seite der Kritiker geschlagen. Der Finanzinvestor Cerberus stieg bei Bushmaster, dem Hersteller der Tatwaffe, aus. Es scheint, als habe der Amoklauf von Newtown etwas in Bewegung gebracht.
Price hält auf seine Weise dagegen: Stundenlang empfängt er auf seinem Schießstand die Presse. Schießen kostet 15 Dollar, eine Tagesflatrate. Man muss allerdings sein eigenes Gewehr mitbringen. Freundlich, charmant und bestimmt lenkt Price jedes Gespräch auf die PR-Botschaften der NRA. Eine Spendenbüchse, die eigentlich für die Waffenlobby bestimmt ist, hat er zur Sammelbox für die Familien der Opfer umfunktioniert. "Wir sind nicht Teil des Problems. Wir sind Teil der Lösung", sagt er.
Für den Waffenlobbyisten ist die Welt ganz einfach: Es gibt gute Menschen und es gibt böse Menschen, schwarz und weiß. Gute Menschen dürfen Waffen besitzen, böse nicht. Ein Grau gibt es nicht in seiner Weltanschauung. Price kennt keine Zweifel, seine Sicht auf die Welt ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung - manchmal allerdings erst im Rückblick.
Erschießt ein Zivilist einen anderen, weiß Price: Der Mensch ist böse, er hätte keine Waffe haben sollen. Es ist die Botschaft der Waffenindustrie. Nicht die Pistole ist schuld, sondern der Mensch am Abzug. "Gesetze beschränken nur die ehrlichen Menschen", sagt Price. "Kriminelle brechen ja die Gesetze für ihren Lebensunterhalt."
Jeder, der vorher nicht der Polizei oder einem Psychologen aufgefallen ist, darf sich demnach mit Sturmgewehren und Panzerfäusten aufrüsten. Verboten werden müsste nur Mord. "Es ist egal, ob jemand eine bestimmte Waffe braucht oder nicht. Wir funktionieren nicht nach dem Bedürftigkeitsprinzip in diesem Land", sagt Price.
Bisher wurde in den USA nach jedem Massaker wieder aufs Neue über eine Verschärfung der Waffengesetze diskutiert und jedes Mal passierte: nichts. Die NRA-Lobby hält immer wieder dagegen, teils mit eigenwilliger Argumentation. "Alle Massaker in den USA haben an Orten stattgefunden, die vom Gesetz zur waffenfreien Zone erklärt wurden", sagt Price. "Da gibt es schon einen Zusammenhang." Soll heißen: Hätte es kein Waffengesetz gegeben, hätte die Schulleiterin ein Sturmgewehr besessen und den Attentäter erschießen können.
In Newtown hat die zweitgrößte Waffenlobby der USA ihren Sitz
Price stammt aus einer Familie, die Waffen hasste. "Mein Vater war im Zweiten Weltkrieg auf den Okinawa-Inseln. Als er zurückkam, hatte er von Gewehren genug." In der 82 Tage andauernden Schlacht um die Inseln starben rund 100.000 Japaner und 65.000 Amerikaner. Doch im waffenfanatischen Connecticut, wo Price aufwuchs, kam er schnell mit Gewehren in Kontakt. Er schießt seit dem Teenager-Alter regelmäßig.
Der erste Tonscheiben-Schießstand der USA sei wenige Kilometer von Newtown entfernt im 19. Jahrhundert gegründet worden, sagt Price. Seit 200 Jahren haben manche Hersteller in Connecticut ihren Sitz, etwa die Colt Defense LCC, die von Samuel Colt, dem Erfinder des gleichnamigen Revolvers, gegründet wurde.
5400 Jobs und 81 Millionen Dollar Steuereinnahmen hingen 2011 in Connecticut von der Branche ab, schärfte Jake McGuigan von der Waffenlobby NSSF den Abgeordneten von Connecticut erst im Februar bei einer öffentlichen Anhörung ein. Die NSSF (National Shooting Sports Foundation) ist die zweitgrößte Waffenlobby Amerikas. Ihr Hauptsitz liegt ausgerechnet in Newtown, ein paar Kilometer vom Ort der Katastrophe entfernt. Bei der Anhörung ging es um einen Gesetzentwurf, der die Auflagen für Waffenverkäufer in Connecticut erleichtern sollte. Das Gesetz wurde verabschiedet.
Der Attentäter besuchte einen Schießstand in der Umgebung
Der Attentäter von Newtown, der 27 Menschen erschoss, habe einen Schießstand in der Umgebung besucht, sagte die untersuchende staatliche Behörde für Alkohol, Tabak und Feuerwaffen (ATF) am Montag. Price sagt, es sei nicht sein Freiluft-Schießstand gewesen. Die ATF habe sein Besucherregister noch am Freitagabend untersucht.
Price ist sich sicher: "Wir hätten sofort bemerkt, dass der Junge Probleme hat und keinen Zugang zu Waffen haben sollte." Er glaubt, der Attentäter sei beim "Shooters Indoor Pistol Range", einem kommerziellen Anbieter, ein paar Kilometer weiter gewesen. Auf einer Landkarte der Freizeitangebote in der Umgebung von Newtown ist "Shooters" eingezeichnet zusammen mit dem "Yoga Space", den Bootsanlegestellen und der Kartbahn. In der Halle aber will man nicht mit Journalisten sprechen.
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