Strafrecht in Florida Zwei Schüsse, zwei Urteile, ein Aufschrei

Freispruch für einen Todesschuss, aber 20 Jahre Haft für einen Schuss in die Decke. Nach der Empörung über den Fall Trayvon Martin machen Bürgerrechtler nun eine junge Mutter zum Symbol des bizarren Strafrechts in Florida.

Von Rainer Leurs

Verurteilte Marissa Alexander (Archiv): "Alptraum, aus dem wir nicht erwachen"
AP/ Lincoln B. Alexander

Verurteilte Marissa Alexander (Archiv): "Alptraum, aus dem wir nicht erwachen"


Tampa - Der Tag, an dem Marissa Alexander zur Schwerverbrecherin wird, ist der 1. August 2010. Mehrfach hat ihr damaliger Ehemann Rico Gray sie bereits geschlagen und gewürgt, wie er später vor Gericht einräumen wird. Als es im Haus des Paars erneut zum Streit kommt, flüchtet Alexander in die Garage. Im Handschuhfach ihres Autos liegt eine Pistole. Bewaffnet kehrt die dreifache Mutter zurück ins Haus.

Gray soll seine Frau dort erneut bedroht haben, also drückt Alexander ab: Die Kugel knallt gegen die Zimmerwand, prallt ab und bleibt in der Decke stecken. Verletzt wird niemand. Ein Warnschuss, wie die Frau bis heute sagt. Mit seinen beiden Söhnen rennt Gray aus dem Haus und ruft die Polizei. Marissa Alexander wird verhaftet und angeklagt. 435 Tage später fällt eine Jury ihr Urteil: Schuldig des Angriffs mit einer tödlichen Waffe, Strafmaß: 20 Jahre.

Abgeschlossen wurde der Prozess im Mai 2012, schon damals sorgte das Urteil für Kritik. Nach dem umstrittenen Freispruch im Trayvon-Martin-Prozess vom Wochenende steht Alexanders Geschichte nun erneut im Fokus. "In einem Fall tötet Mister Zimmerman einen jungen Mann und wird freigesprochen", donnerte etwa der Bürgerrechtler Jesse Jackson. "Marissa dagegen hat niemanden erschossen, niemanden verletzt - und sie geht für 20 Jahre ins Gefängnis."

Widerspruch zwischen zwei Gesetzen

Kritiker wie Jackson sehen in dem Prozess einen Beleg für den Rassismus in der amerikanischen Justiz. Vor allem aber ist er ein Beispiel für die bizarren Auswüchse des Waffenrechts im Bundesstaat Florida: Dort scheinen sich zwei zutiefst amerikanische Gesetze zu widersprechen - und jene ins Verderben zu stürzen, die zwischen die Fronten der konkurrierenden Rechtsnormen geraten.

So gilt in Florida seit 1999 das sogenannte 10-20-Life-Gesetz. Jeder, der bei einer Straftat eine Waffe zieht, muss demnach für mindestens zehn Jahre ins Gefängnis. Wer schießt, bekommt das Doppelte - ganz gleich, ob er dabei auf einen Menschen zielt oder nicht. Wer sein Gegenüber tötet oder auch nur verletzt, wandert 25 Jahre bis lebenslang hinter Gitter.

Dem gegenüber steht die sogenannte "Stand Your Ground"-Regelung - jenes Gesetz also, das auch im Trayvon-Martin-Prozess eine tragende Rolle spielte. Danach müssen Bürger, die sich von einem Gewaltverbrechen bedroht sehen, nicht versuchen, der Gefahr aus dem Weg zu gehen. Sie dürfen sich mit allen Mitteln wehren - bis hin zur Tötung des Angreifers.

Kritiker halten diese beiden Regelungen für eine potentiell todbringende Mischung. Denn Notwehr kann man nur geltend machen, wenn man tatsächlich angegriffen wird. Das Problem: Manche US-Richter scheinen zu glauben, dass jemand sich erst dann wirklich bedroht fühlt, wenn er versucht, einen Angreifer zu töten. Warnschüsse sind demnach ein Indiz dafür, dass noch kein Angriff vorlag.

Merkwürdige Urteile in Serie

Alexanders Prozess in Florida ist dafür ein extremes Beispiel, beileibe aber kein Einzelfall. So führt der "Boston Globe" mehrere merkwürdige Urteile aus dem Bundesstaat auf:

  • Orville Lee Wollard, ehemaliger Hilfspolizist, schoss in eine Wand, um den gewalttätigen Freund seiner Tochter zu vertreiben: 20 Jahre Haft.
  • Erik Weyant, 22, schoss in die Luft, um eine Gruppe Betrunkener in Schach zu halten, die ihn angepöbelt hatte: 20 Jahre Haft.
  • Ronald Thompson, 62, schoss in den Boden, um eine ältere Dame vor einem jugendlichen Angreifer zu retten: 20 Jahre Haft.
Die Tatsache, dass diese Leute Warnschüsse abgegeben hätten, statt ihre Angreifer zu töten, werde vor Gericht gegen sie verwendet, zitiert der "Boston Globe" einen Sprecher der Hilfsorganisation "Families Against Mandatory Minimums". Jemand, der Angst um sein Leben habe, würde nach dieser Logik auf die Brust zielen - und nicht auf eine Wand.

Die Frage, ob eine Notwehr-Situation vorlag, stand auch im Fall Marissa Alexander im Mittelpunkt. Alexander selbst beharrt bis heute darauf, sie habe ihren Ex-Mann nicht verletzen wollen. Gray bestätigte die Warnschuss-Version dem "Guardian" zufolge an Eides statt; auch seine Prügel-Attacken gab er zu. Später änderte er seine Darstellung und sagte aus, seine Frau habe wegen ihrer gewalttätigen Natur geschossen.

Auch Angela Corey glaubt nicht daran, dass Marissa Alexander in Notwehr handelte. Corey ist seit dem Trayvon-Martin-Prozess in den USA keine Unbekannte mehr: Sie vertrat die Anklage gegen George Zimmerman und war als Staatsanwältin auch am Prozess gegen Marissa Alexander beteiligt.

Alexanders Fall sei viel komplizierter, als es die Kampagnen in den sozialen Medien nahelegten, sagte Corey der "Washington Post". So hätten sich Grays Söhne gerade die Schuhe angezogen, als Alexander schoss - sie hätten also das Haus verlassen wollen. Demnach wäre die Frau nicht mehr unmittelbar bedroht gewesen, als sie mit der Waffe ins Haus zurückkam - und könnte auch keine Notwehr geltend machen. Außerdem habe Alexander ihren Mann bei späterer Gelegenheit geschlagen und dabei leicht verletzt. "Sie schoss aus Wut, nicht aus Angst", meint Corey.

Alexanders Anwälte sind überzeugt: Hätte sie ihren Mann über den Haufen geschossen, wäre sie vermutlich freigesprochen worden. Doch der Schuss ging daneben, Rico Gray konnte fliehen. Vor Gericht berief sich Marissa Alexander auf "Stand Your Ground" - vergeblich.

Mit Material von Reuters

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insgesamt 177 Beiträge
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Seite 1
alex300 19.07.2013
1. Also, ich finde die beiden Gesetze
Zitat von sysopAP/ Lincoln B. AlexanderFreispruch für einen Todesschuss, aber 20 Jahre Haft für einen Schuss in die Decke. Nach der Empörung über den Fall Trayvon Martin machen Bürgerrechtler nun eine junge Mutter zum Symbol des bizarren Strafrechts in Florida. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waffenrecht-in-florida-20-jahre-haft-fuer-warnschuss-a-911612.html
absolut in Ordnung und nachvollziehbar. Mit Rassismus haben sie nichts zu tun.
taunusfohlen 19.07.2013
2. da kann man..
..nur eins dazu sagen. Amerikanische Logik. Verstehe wer will und kann, ich kann's nicht.
dafor 19.07.2013
3. Tragisch
Zitat von sysopAP/ Lincoln B. AlexanderFreispruch für einen Todesschuss, aber 20 Jahre Haft für einen Schuss in die Decke. Nach der Empörung über den Fall Trayvon Martin machen Bürgerrechtler nun eine junge Mutter zum Symbol des bizarren Strafrechts in Florida. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waffenrecht-in-florida-20-jahre-haft-fuer-warnschuss-a-911612.html
Manche Schlaumeier müssen partout solange Geheimnisse in die einfachen Dinge hineinprojizieren bis man den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Natürlich sind die USA rassistisch. Natürlich sind es auch deren Gesetze und Ausführungsbestimmungen. Es mag sein, wie immer wenn Menschen was machen, dass Gesetze unbeabsichtigte Unvollkommenheiten beinhalten. Das hat nichts mit dem Rassismus in den USA zu tun. Eine Schande, dass Sie, und dazu noch so plumpe, Weisswaschungsversuche durchführen.
Europa! 19.07.2013
4. Amerika
Zitat von sysopAP/ Lincoln B. AlexanderFreispruch für einen Todesschuss, aber 20 Jahre Haft für einen Schuss in die Decke. Nach der Empörung über den Fall Trayvon Martin machen Bürgerrechtler nun eine junge Mutter zum Symbol des bizarren Strafrechts in Florida. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waffenrecht-in-florida-20-jahre-haft-fuer-warnschuss-a-911612.html
Die amerikanische Justiz und die amerikanische Politik sind nach europäischen Maßstäben nicht nachvollziehbar. Die Hollywoodfilme, die diese amerikanischen "Prinzipien" verherrlichen, sind Gift für den Verstand und die Seele.
mustafa20 19.07.2013
5.
Zitat von sysopAP/ Lincoln B. AlexanderFreispruch für einen Todesschuss, aber 20 Jahre Haft für einen Schuss in die Decke. Nach der Empörung über den Fall Trayvon Martin machen Bürgerrechtler nun eine junge Mutter zum Symbol des bizarren Strafrechts in Florida. http://www.spiegel.de/panorama/justiz/waffenrecht-in-florida-20-jahre-haft-fuer-warnschuss-a-911612.html
Bizarr ist nur das Verhalten der deutschen Medien - und die Verzerrung der Tatsachen. Jeder, der sich mit den Fakten der Fälle auseinandersetzt - ohne den Wunsch Rassismus zu sehen oder Amerika als dummes, Deutschland unterlegenes Land zu sehen - wird auf die gleichen Urteile kommen.
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