Acht Babyleichen in Wallenfels Tödliches Geheimnis

Acht Babyleichen wurden im oberfränkischen Wallenfels gefunden. Die Mutter legte ein Teilgeständnis ab, der Vater will von den Schwangerschaften nichts mitbekommen haben.

Trauer in Wallenfels: Kerzen auf der Fensterbank
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Trauer in Wallenfels: Kerzen auf der Fensterbank

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Fassungslos sei er noch immer, sagt Bürgermeister Jens Korn drei Tage danach. Geduzt habe er sie, die Andrea, die immer im Freibad am Kiosk aushalf. "Sie war eine Frau, die im Ortsleben eingebunden war." Nichts sei ihm aufgefallen, sagt der CSU-Politiker am Telefon.

Wallenfels, Oberfranken, knapp 3000 Einwohner. Acht Babyleichen fand die Polizei am Freitag in der früheren Wohnung von Andrea G. - eingewickelt in Tücher und Plastiktüten. Am Samstag legte die 45-Jährige ein Teilgeständnis ab: Sie habe mehrere Babys nach der Geburt getötet. Das Amtsgericht Kronach erließ Haftbefehl.

Eine Mutter, die ihre eigenen Kinder Babys tötet, so etwas gilt als unvorstellbar. Und doch kommt es immer wieder vor. Im März 2013 verurteilte das Landgericht Flensburg eine 29-Jährige zu neun Jahren Haft. Sie hatte fünf Säuglinge aus Angst vor ihrem Mann umgebracht. Im Jahr 2005 wurde eine Zahnarzthelferin überführt. Sie hatte aus Angst um ihre Ehe neun Säuglinge in Blumenkübeln verscharrt.

Was Andrea G. bewog, ist unklar. Bürgermeister Korn vermutet psychische Probleme. Am Montag wurde die achte Leiche obduziert. Am Dienstag will die Polizei über die Ergebnisse informieren. Einen dringenden Tatverdacht sehen die Ermittler in sieben Fällen. Das achte Baby könnte schon bei der Geburt tot gewesen sein, sagt der Coburger Oberstaatsanwalt Martin Dippold.

Zurück bleiben ratlose Wallenfelser, die aus Bruchstücken versuchen, sich ein Bild zu machen. Andrea G. und ihr Mann waren Einheimische. Sie lebten mit sieben Kindern als Patchworkfamilie in dem Haus, auf dessen Fensterbänken nun Kerzen flackern.

Mitte Oktober verließ Andrea G. ihre Familie, zog mit einem neuen Lebensgefährten in mehrere Pensionen. Am Donnerstag entdeckte eine Anwohnerin eine Babyleiche in der Wohnung, schnell wurde das Ausmaß klar.

Am Freitag nahmen Beamte Andrea G. in Kronach fest. Beim Verhör verzichtete sie auf einen Anwalt. Frühestens am Dienstag werde ihr ein Verteidiger zur Seite gestellt, sagte ein Sprecher des Amtsgerichts Kronach. Die Polizei teilte mit, auch gegen den Vater bestehe ein "gewisser Tatverdacht". Der Mann bestreite das und behaupte, er habe von den Schwangerschaften nichts mitbekommen. Er ist frei.

Beim Volkstrauertag am Sonntag haben sie in Wallenfels für die Familie gebetet. Für die getöteten Kinder, für die lebenden Kinder, für die Mutter. Und Bürgermeister Korn sagt, es habe einen Appell für den Frieden gegeben. Nicht nur für den äußeren, sondern auch für den inneren. Denn: "Wer in Frieden mit sich selbst lebt, kann eine solche Tat nicht begehen."

Mitarbeit: Jennifer Stange

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